Joachim Kuhs

Benedikt XVI.
 

Der letzte deutsche Papst

So klar und verständlich sind die Bücher von Benedikt XVI. gar nicht. Wer das behauptet, hat nie den Blick in eine seiner zahlreichen Schriften geworfen. Benedikts Gedankengänge sind kompliziert, und seine Bücher sind oft anspruchsvoll formuliert.

Aber das tut der Lebensleistung des Mannes keinen Abbruch. Er war Papst, und nicht Bild-Reporter. Benedikt hat, obwohl Intellektueller, ein großartiges Talent, Menschen für sich zu begeistern. Seine Predigt auf dem Marienfeld am Vorabend der Papstmesse zum Weltjugendtag 2005 war das größte und beeindruckendste Spektakel, das die Christenheit in Deutschland seit langem gesehen hat. Wie ein Rockstar bewegte sich der damals 78jährige über die Bühne und wechselte dabei wie selbstverständlich vom Deutschen ins Englische, Französische, Spanische und Italienische. Und trotzdem konnte ihm jeder folgen. Es war, als wäre das babylonische Sprachgewirr durch die Anwesenheit des obersten Diener Gottes aufgelöst.

Entweltlichung der Kirche

Der zweite herausragende Moment seines Pontifikats war seine Rede bei seinem letzten Deutschlandbesuch in Freiburg, wo er eine Entweltlichung der Kirche forderte. Kurz zuvor hatte er im Bundestag auch noch Augustinus zitiert: „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande.“ Mehr Provokation geht eigentlich nicht, aber das hat kaum einer gemerkt. Selbst die Abgeordneten der Grünen und der Linkspartei, die seinen Besuch eigentlich boykottieren wollten, drängelten sich später zu ihm hin, um sich mit ihm abzulichten.

Entstaatlichung. Die Kirche muß sich wegbewegen vom Dasein als halbstaatlicher Wohlfahrtskonzern der Armutsindustrie mit staatlichen Subventionen und garantierten Sitzen in staatlichen Rundfunkanstalten. Denn dort werden ihre Vertreter permanent zu Kompromissen mit der herrschenden Ideologie von Umverteilung, Gender- und Gleichheitswahn gezwungen. Doch das widerspricht der biblischen Lehre. Benedikt schwebt eine Kirche vor, in der es mehr um das Gebet und freiwilliges Miteinander geht, als um Kirchensteuern und Sendeplätze.

Auch das erklärt einen Teil der Unzufriedenheit mit ihm. Die deutschen Miesepeter, die auf ihr Land spucken, sind unzufrieden. Egal, was Benedikt auch getan hätte, sie wären nie mit ihm und seiner Amtsführung zufrieden gewesen. Er hat sich bei den Mißbrauchsopfern entschuldigt? Nicht genug. Hätte er mal jeden von ihnen persönlich aufgesucht. Er hat den Kontakt zu den anderen Religionen gesucht? Das reicht nicht, schließlich hat er auch einmal aus den Stellen im Koran zitiert, aus denen zu zitieren die politische Korrektheit verbietet. Er hat sich um die Einheit der Kirche bemüht? Auf die mißvergnügten Linkskatholiken und die Protestanten ist er aber nicht offenherzig genug zugegangen, während er die ach so boshaften Piusbrüder viel zu warmherzig behandelt hat.

Benedikt XVI. konnte es ihnen einfach nicht recht machen. Das ist aber egal. Denn die Gutmenschen und Mißvergnügten spielen, wenn überhaupt, nur außerhalb der Kirche eine Rolle.

Das Kirchenvolk hingegen war Feuer und Flamme für den deutschen Papst. Das haben seine drei Besuche in der Heimat gezeigt. Unvergessen sind die „Be-ne-detto“-Rufe von einer halben Million Jungen und Mädchen beim Weltjugendtag in Köln. Benedikts Besuch in Bayern 2006 war nicht weniger spektakulär. Und 2011 haben bei seiner Rundreise in Deutschland sogar im sozialistisch-atheistischen Berlin die Gläubigen Schlange gestanden, um seine Predigt im Olympiastadion zu hören.

Ist der Rücktritt richtig?

Mögen die Zeitgeistmedien von einer Abkehr der Katholiken von ihrer Kirche, angeblichen Massenaustritten und Enttäuschung über den Heiligen Vater sprechen. Wer die katholische Kirche kennt, der weiß, daß das gelogen ist. Viele hat Benedikt in ihrem Glauben gestärkt, alle hat er berührt. Kaum einer ist froh, daß er nun abtritt.

Es gibt Unmut, daß Ratzinger vorzeitig aufgibt. Daß er sich davonschleicht, statt die Bürde des Amtes bis zum Ende seines Lebens auf sich zu nehmen. Ihnen sind zwei Dinge zu entgegnen: Zum einen ist die Führung der größten Glaubensgemeinschaft der Erde, das Schifflein Petri, wie Benedikt es in seiner Rücktrittserklärung verniedlichend nannte, zu wichtig, um sie jemandem zu überlassen, der sich selbst am Ende seiner Kräfte sieht. Vor allem dann, wenn es geeignete Nachfolger gibt. Zum anderen hat Joseph Ratzinger Ruhe verdient. Und wenn es nur ein paar Monate sein sollten. Stellen wir ihn uns vor, wie er unweit seiner neuen Heimat in einem Vatikan-Kloster in einem Straßencafé in Rom sitzt und einen Schweinebraten ißt und dazu ein Weißbier trinkt. Eine Ruhepause nach einem Leben für Christus.

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