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Nix-TagebauKlein

Braunkohletagebau
 

„Man könnte den ganzen Tag heulen“

Nix-TagebauKlein
Protest gegen geplanten Tagebau Foto JF

Vorsicht, er könnte schlechte Laune haben“, lautet auf einem kleinen gelben Schild mit Hunde-Konterfei der Warnhinweis vor dem Haus. Das Haus steht in Kerkwitz, einem 500-Seelen-Ort in der Niederlausitz. Hier beschränkt sich der Satz nicht nur auf bellende Vierbeiner. Die Kerkwitzer Bürger könnten nicht nur schlechte Laune haben, sie haben schlechte Laune.

Ihr Dorf droht vom Erdboden verschluckt zu werden – im wahrsten Sinne des Wortes. Die schlechte Laune begann am 18. September 2007. „Da hatten wir aus den Nachrichten erfahren müssen, daß unser Ort dem Tagebau weichen soll“, erzählt Bernd Hanschke. Der schwedische Energiekonzern Vattenfall plant, den Braunkohleabbau in Jänschwalde nach Norden zu erweitern. Das hätte zur Folge, daß die Orte Kerkwitz, Atterwasch und Grabko Bagger und Planierraupe zum Opfer fielen. Hanschke lebt seit seiner Geburt in Kerkwitz.

Ob der 47jährige hier auch noch im Alter wohnen kann, ist jetzt ungewiß. Besonders für seinen Nachbarn sei die Nachricht ein Schock gewesen. „Einen Tag zuvor hatte der erst die Baugrube für sein neues Haus ausgehoben. Und von den Behörden sind wir nicht einmal informiert worden“, empört sich Hanschke.

Bergrechtliche Genehmigung beantragt

Auch in der für Kerkwitz zuständigen Gemeindeverwaltung von Schenkendöbern zeigte man sich von den Ausbauplänen überrascht. „Ich habe das selbst alles erst aus dem Radio erfahren“, sagt die stellvertretende Bürgermeisterin Marion Schenk. Die Gemeinde sei nicht informiert worden. Nachdem die Pläne bekanntgeworden waren, hatte sich die Gemeindevertretung einstimmig gegen die Tagebau-Erweiterung ausgesprochen.

Im Dezember vorigen Jahres stellte Vattenfall beim Land Brandenburg den Antrag auf Einleitung eines Braunkohleplanverfahrens. Auch eine bergrechtliche Genehmigung wurde vom Energiekonzern beantragt. Die Gemeinde ist im Rahmen des Anhörungsverfahrens  an der Planung beteiligt, kann eine Stellungnahme abgeben. Aber: „Ob wir das Ganze damit verhindern können, ist fraglich“, räumt Schenk ein.

„Die Landesregierung steht hinter der Braunkohle“

Dennoch geben die Kerkwitzer ihr Dorf nicht verloren. Sie haben dort ein Agenda-Büro eingerichtet, das als Anlaufpunkt für alle von der Abbaggerung betroffenen Einwohner dient. Sie hatten Unterschriften von 26.000 Bürgern gesammelt, wollten in Brandenburg ein Volksbegehren erreichen. 80.000 wären nötig gewesen. Das Volksbegehren scheiterte. „Und die Landesregierung steht hinter der Braunkohle“, meint Marion Schenk.  

Das war mal anders. Nach der Wende hatte der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) zugesagt, daß das zehn Kilometer entfernte Horno der letzte Ort sei, der dem Tagebau zum Opfer falle. Das gilt nicht mehr. Der Braunkohle-Tagebau bringt Jobs. Und Energie. Doch gleichzeitig zerstört er wie keine andere Energieform Heimat und Natur. So wie in Horno.

Vor zehn Jahren hatte das Dorf noch 350 Einwohner. Heute gleicht es einer Wüstenlandschaft. Bagger und schwere Kräne fressen sich durch das Erdreich, greifen nach der gewinnbringenden Braunkohle: eine Geldmaschinerie, Fluch und Segen zugleich. >>

<---newpage--->Da war etwa die 500 Jahre alte Feldsteinkirche. Am 29. November 2004 wurde sie von Vattenfall gesprengt. Und da war das Ehepaar Domain, das auch dann noch im Ort bleiben wollte, als alle anderen bereits fort waren und die Bagger längst rollten. Im Sommer 2004 wurden sie enteignet. Sie klagten. Und schlossen schließlich mit Vattenfall einen Vergleich, um nicht zwangsgeräumt zu werden. Heute wohnen sie in einem Nachbarort. „Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut“, sagt Rechtsanwalt Dirk Teßmer, der das Ehepaar damals vor Gericht vertreten hatte. Doch ihre Heimat haben die beiden Rentner verloren – für immer.

„Als 1945 die Russen kamen, mußten wir weg“

Dieses Schicksal könnte viele Kerkwitzer nun ebenfalls ereilen. Noch laufen die Planverfahren. Doch etwa im Jahr 2025 könnte die Abrißbirne in Kerkwitz erstmals in Aktion treten. Besonders bitter: Für manche wäre es bereits das zweite Mal, daß ihnen die Heimat genommen wird.  „Vor dem Krieg wohnte ich in Sommerfeld.

Als 1945 die Russen kamen, mußten wir weg“, erinnert sich Elli Mordt. Die 79jährige fand jenseits der Neiße eine neue Heimat unweit von ihrer alten: in Kerkwitz. 43 Jahre lang arbeitete sie in der örtlichen Ziegelei, baute sich eine neue Existenz auf. Der Ort ist ihr neues Zuhause geworden.

Heute ist sie Rentnerin. Die Ziegelei gibt es nicht mehr. Und Arbeit zumeist auch nicht: ein Umstand, der an der Geschlossenheit des Ortes nagt wie Vattenfall am Erdreich der Lausitz. „Auch bei uns wohnen Leute im Ort, die im Tagebau arbeiten“, schildert Bernd Hanschke. Die seien zwar mit dem Herzen auf der Seite der Kerkwitzer. „Aber wenn die sich äußern würden, bräuchten sie am nächsten Tag nicht mehr zur Arbeit erscheinen.“

Westwind weht den Kohlestaub durchs Dorf

Daß es ihr Dorf vielleicht bald nicht mehr geben wird, macht besonders Gisela Wehland zu schaffen. Die 72jährige ist Inhaberin des Gasthauses „Zum Dorfkrug“. Seit 50 Jahren führt sie den Betrieb, der sich  seit 400 Jahren im Familienbesitz befindet. „Man darf da gar nicht soviel drüber nachdenken, das ist alles so traurig, man könnte den ganzen Tag heulen“, sagt sie stockend und mit belegter Stimme. Den Kampf gegen den Tagebau, den könne sie nicht führen. Sie sei zu alt, habe die Kraft nicht mehr dafür.

Andererseits seien viele Jüngere und vor kurzem Zugezogene eher bereit, ihr Anwesen zu verkaufen, meint Bernd Hanschke. Ihnen fehle noch die Bindung zum Dorf, sie würden einfach an einem anderen Ort neu anfangen.

So ist die Lage im zehn Kilometer entfernten Grießen eine andere. „Wir haben den Tagebau bei uns ja direkt vor der Tür. Die arbeiten 24 Stunden am Tag. Es ist laut, und bei Westwind weht der Kohlestaub durchs Dorf. Da können Sie keine Wäsche raushängen“, meint ein Anwohner. Und fügt hinzu: „Schade, daß sie bei uns nicht abbauen. Dann werden wir entschädigt und kommen von hier weg. Hier ist doch nischt.“

JF 34/09

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