Joachim Kuhs
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Syrisches Kriegstagebuch
 

Blutige Schlacht in Assads Hinterland

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Brennende Autoreifen als Sichtschutz – Luftabwehr der Rebellen
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Bombentreffer in der Innenstadt: Zurück blieb ein drei Meter tiefer Krater
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Das Museum blieb nicht verschont Fotos (3): Billy Six

MAARAT AN-NUMAN. Nichts paßt zusammen auf dem Schlachtfeld. Ganze Straßenzüge sind verwaist. Es herrscht Angst, dorthin zu gehen. Bomben, Kugeln und Splitter könnten jederzeit zuschlagen. Andernorts sitzen Gruppen von Männern mit ihren Söhnen vor den Hauseingängen. Die Gefahrenlage ist nicht anders – doch nun wird Allah ins Feld geführt, der schon längst festgeschrieben habe, wie jeder Mensch sterben werde. Offenbar sieht sein Plan so aus, in erster Linie Männer zu opfern. Frauen und Kinder sind auf Lastwagen in die umliegenden Dörfer gefahren worden, nachdem die ersten Geschosse Anfang der Woche selbst die Innenstadt nicht verschonten.

Aufständische planten Offensive schon seit Wochen

Ein Kampfflieger donnert durch den Himmel. Er ist mit den Händen zu greifen, erst recht, als er im Sturzflug seine tödliche Fracht abwirft. Laute Explosionen sind vom nordöstlichen Stadtrand zu hören. Hier sollen rund 500 Regierungssoldaten in der großen Militäranlage von Wadi Deph von einigen der derzeit angeblich 5.000 bis 10.000 vor Ort befindlichen Rebellen umzingelt sein.

Nach ihren Berichten sind die Regierungstruppen von jeglicher Versorgung abgeschnitten. Mit der Strategie des Aushungerns hatten bereits die libyschen Kämpfer von Misratah alle Gegner zur Strecke bringen können. Doch die syrische Armee setzt sich zur Wehr. Vom 70 Kilometer südlicher gelegenen Hama wäre eine Panzerkompanie im Anmarsch, hieß es seit mehreren Tagen.

18 Kilometer vor Maarat an-Numan, zwischen den Siedlungen Hiesch und Szahjenn, würden diese Panzer jedoch auf heftigen Widerstand stoßen, so die Freischärler. Verletzte und Ärzte in verschiedenen Krankenhäusern der Umgebung bestätigen diese Information. Und von den Ausläufern der Sawijah-Berge sind auf weiter Strecke entlang der Autobahn schwarze Rauchsäulen zu erblicken.

Welt-Medien wissen nicht, was los ist

Kriegsbilanz nach fünf Tagen Kampf: Von 100 bis 200 Toten wird auf der Straße gesprochen. Auch wenn Arabien zur Übertreibung  neigt: Der überwältigende Eindruck von Hunderten Verletzten, darunter auch Kinder, scheint diese Einschätzung zu bestätigen. Im Notlazarett von Maarat sind 18 Rebellen, zwei Assad-Soldaten und 14 Zivilisten ins Totenregister eingetragen worden. Doch viele Opfer werden jetzt auch sofort beerdigt – so wie es die islamische Überlieferung für Kriegsmärtyrer vorsieht. Ein Arzt schätzt ihre Zahl auf zwanzig. Im nahen Kaf-Rambel seien acht eingelieferte Patienten an den Folgen ihrer Verletzungen gestorben, so Spital-Chef Dr. Achmed al Akrah. Im Zentrum von Maarat sucht dazu eine Gruppe Freiwilliger, allen Risiken zum Trotze, mit einem Bagger nach Verschütteten in einem eingestürzten Wohnhaus. Das „Montag-Massaker“ an Insassen des gefallenen Gefangenenlagers durch den leitenden Offizier der Geheimpolizei scheint mittlerweile auch durch Videoaufnahmen belegt – über 20 der gemeldeten 38 Mordopfer sind dort zu sehen.

Die Freude über mindestens acht eroberte Armee-Stützpunkte ist spürbar – geäußert wird sie nur noch von den Wenigsten. Zu groß ist der Blutzoll. Die Siegesmeldungen von „Al Dschasira“ haben dazu wenig mit der Lage vor Ort gemein.

Hier heißt es, Rebellen hätten die Stadt selbst von Assad „zurückerobert“ – und damit einen entscheidenden Vorstoß ins Herz des Landes vollzogen. Tatsächlich hatte sich die Armee bereits im Juli 2012  zurückgezogen – und ihre Kontrollstützpunke entlang der Autobahn nicht mehr verlassen. Die Behauptung, die Regierung könne nun ihre Truppen in Aleppo nicht mehr versorgen, ist ebenfalls ein Trugschluß. Schon seit Wochen läuft der Nachschub nicht mehr über die Magistrale, sondern per Flugzeug und über die Wüstenpassagen der Provinz Al-Rackah. Andere Journalisten sind nicht vor Ort.

Wer hat das Museum verwüstet?

So spricht auch niemand über die Zerstörungen, die sich im antiken Mosaikenmuseum der Stadt zugetragen haben: Die schweren Holztüren sind geborsten und gut ein Fünftel der römischen Artefakte zerbrochen. Nur das massive Gebäude selbst ist nicht eingestürzt. Von hier koordinieren die Rebellen weiter ihre Aktionen. In einem Raum haben sie sieben Gefangene eingesperrt. Neben zwei nicht explodierten Mörsern wird Tee gekocht. Genutzt wird das Holz der zerstörten Pforten. Als Kochplatte dienen Bruchstücke der Ausstellung. Not macht erfinderisch. Das läßt einen bösen Gedanken aufkommen: Ist es möglich, daß nicht nur die schweren Erschütterungen der Assad-Bomben in nächster Umgebung der Antikengalerie zum Verhängnis geworden sind?     

Die Rebellenoffensive hatte sich ein Ende aller Angriffe auf die Stadt zum Ziel gesetzt. Nun befindet sich Maarat an-Numan in einem Krieg, der alles in den Schatten stellt, was sich vor Ort seit Beginn des Aufstands im März 2011 zugetragen hat.

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