Mysteriöse Vorgänge in der syrischen Wüste

Am 6. September haben F-15i-Kampfflugzeuge der Israel Defence Forces (IDF/Zahal) eine geheime Nuklearanlage bei Dayr az-Zawr im Nordosten Syriens mit Präzisionsbomben zerstört. Da diese McDonnell-Douglas-Flugzeuge amerikanischer Herkunft sind, mußten die Israelis vertragsgemäß zuvor die Zustimmung der US-Regierung einholen. Doch Washington wollte für die Jerusalemer Behauptung, in der syrischen Anlage sei Nuklearmaterial nordkoreanischen Ursprungs gelagert, Beweise haben. Das US-Außenministerium von Condoleezza Rice, das den Israelis eher skeptisch gegenübersteht, wollte zudem die weit fortgeschrittenen Verhandlungen mit Pjöngjang über die atomare Abrüstung des Landes nicht gefährden.

Daß Israel die gewünschten Beweise liefern konnte, ist vor allem Ex-Premier Ehud Barak zu verdanken, der im Juni seinen unfähigen Vorgänger Amir Peretz an der Spitze des Verteidigungsministeriums und der sozialdemokratischen Arbeitspartei (Awoda) ablöste. Der 65jährige hochdekorierte Ex-General und einstige Führer der Eliteeinheit Sajeret Matkal („Späher des Generalstabes“) startete hierzu vor dem Luftangriff eine riskante Geheimaktion. Ein Spezialkommando drang auf das Dayr-az-Zawr-Gelände vor, entnahm eine Probe des verdächtigen Nuklearmaterials und brachte es nach Israel, wo es als nordkoreanischen Ursprungs identifiziert wurde. Das Analyseergebnis wurde US-Präsident George W. Bush präsentiert, Washington gab darauf grünes Licht für den verheerenden Angriff, der an die Zerstörung des irakischen Osirak-Reaktor 1981 durch die israelische Luftwaffe erinnert.

Daß ein israelisches Kommando überhaupt in die nordostsyrische Wüste vordringen konnte, ist unter anderem den traditionell guten Verbindungen zwischen den Israelis und den kurdischen Peschmerga zu verdanken. Noch unter Molla Mustafa Barzani (1903-1979, Vater des gegenwärtigen Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan im Irak, Masud Barsani) unterstützten die Israelis den kurdischen Freiheitskampf gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein mit Waffen und Ausbildern. Auch mit der türkischen Armee gibt es eine enge Zusammenarbeit. So kann die israelische Luftwaffe unter bestimmten Bedingungen auch im türkischen Luftraum üben. Daher ist durchaus vorstellbar, daß auch der türkische Generalstabschef Mehmet Yaşar Büyükanıt zumindest von der israelischen Aktion wußte. Auf türkischem Gebiet soll nach dem Angriff ein leerer, aufschriftloser Zusatztank gefunden worden sein, von dem man annimmt, daß er von einer F-15i abgeworfen wurde. Das Außenministerium in Ankara protestierte formell, obwohl es durchaus möglich ist, daß der unbeschädigte Zusatztank als Ablenkung ausgelegt wurde, um die tatsächliche Flugroute zu verheimlichen.

Verlagerung nordkoreanischen Nuklearbestandes?

Aus ostasiatischen Quellen verlautete, daß es nordkoreanische Opfer gegeben habe. Das soll aus abgehörten Gesprächen zwischen Chinesen und Nordkoreanern hervorgehen. Auf dem Flughafen von Pjöngjang sei ein Frachtflugzeug gesichtet worden, das die Särge nach Hause geflogen habe. Die Regierung protestierte zudem lautstark gegen den Bombenangriff. Die vorgesehene nächste Verhandlungsrunde zur nordkoreanischen Abrüstung wurde verschoben. US-Außenministerin Rice forderte Nordkorea inzwischen zur vollständigen Offenlegung seines Atomprogramms auf: „Es gibt offen gesagt eine Menge Fragen, die noch beantwortet werden müssen“, erklärte sie am Sonntag in New York. „Wir möchten für alle Aspekte des nordkoreanischen Atomprogramms Antworten haben.“

Denkbar ist, daß der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il durch die Verlagerung des Nuklearbestandes den geplanten Abrüstungsvertrag „umgehen“ wollte. Nicht klar ist, was in Dayr az-Zawr gelagert war: Ein Teil des nordkoreanischen Plutoniumbestandes, den westliche Experten auf 55 Kilo schätzen? Sechs bis acht Kilo reichen für einen Atomsprengkopf. Oder waren es Ausrüstungen, um eine eigene syrische Atomproduktion zu ermöglichen?

Bislang gibt es nur bruchstückhafte Informationen, nur die Londoner Sunday Times berichtete umfangreicher. Der israelische Oppositionführer Benjamin Netanjahu (Likud) etwa verplapperte sich im Zuge eines Interviews, in dem er bestätigte, von Anfang an eingeweiht gewesen zu sein. Aus dem Jerusalemer Sicherheitskabinett sollen nur Premier Ehud Olmert, Außenministerin Tzipi Liwni (die zehn Jahre im Mossad tätig war) und Barak involviert gewesen sein. Auch die internationalen Reaktionen fielen auffallend verhalten aus.

Inzwischen bemüht sich das US-Außenministerium, den syrischen Präsidenten Baschar Hafiz al-Assad trotz allem dazu zu bewegen, an der bevorstehenden Nahost-Friedenskonferenz Mitte November in Washington teilzunehmen. Das offenbart einen leicht schizophrenen Zug der Nahostpolitik der Amerikaner: Einerseits lassen sie eine syrische Anlage zerbomben, andererseits laden sie Damaskus zu Friedensverhandlungen ein. Daß der Chef der regierenden panarabischen syrischen Baath-Partei, Sayeed Elias Daoud, vergangene Woche zu Konsultationen nach Pjöngjang geflogen ist, um mit den Nordkoreanern über gemeinsame Reaktionen auf den israelischen Militärschlag zu beraten, scheint Washington nicht zu stören.

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