Das Gröbste liegt erst noch vor uns

Herr Peinemann, Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) blickte vorige Woche optimistisch in die Zukunft. Die Finanzmarktturbulenzen, der Ölpreisanstieg und die Abwertung des US-Dollar zeigten zwar mittlerweile auch Auswirkungen auf Deutschland. Aber insgesamt habe sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit und Widerstandskraft der deutschen Wirtschaft gegenüber weltwirtschaftlichen Risiken und Belastungen ein gutes Stück verbessert. Die Bundesregierung halte daher an ihrer Wachstumsprognose von real 1,7 Prozent für dieses Jahr fest. Haben wir das Gröbste aus der Finanzkrise hinter uns? Peinemann: Ich fürchte, das Gröbste liegt erst noch vor uns. Jenseits der beruhigenden Statements aus Politik und Finanzwirtschaft stößt der kritische Betrachter auf dramatische Entwicklungen. Täglich können wir den Zeitungen Meldungen über nicht vorhergesehenen Abschreibungsbedarf der Institute in Milliardenhöhe entnehmen. In der Financial Times Deutschland vom 13. August beispielsweise befaßten sich auf Seite 17 etwa 90 Prozent der Berichte mit der direkten oder indirekten Problematik der US-Finanzkrise: „Banken knausern mit Krediten“, „JP Morgan muß erneut abschreiben“, „Banken lechzen nach Dollar-Milliarden“, „US Hausbesitzer häufen Hypothekenschulden an“, „Wachovia macht mehr Verlust als bekannt“, „Krise zwingt New York zum Sparen“. Für einen Investor kann das doch auch heißen: „Buy on bad news“, wie es in der Börsensprache heißt? Peinemann: Wenn er eine Perspektive hat, daß sich die Lage auf absehbare Zeit bessern kann, ja. Aber wenn er erkennt, daß das Licht am Ende des Tunnels der entgegenkommende Zug ist … Woraus könnte dieser Zug bestehen? Peinemann: Allein die Immobilienkrise wird tiefe Löcher in die Taschen der Konsumenten reißen. Die nun zwangsläufig restriktivere Kreditvergabe der Banken an Unternehmen und die Öffentliche Hand wird notwendige Investitionen verhindern. Die größten Probleme ergeben sich nach meinem Dafürhalten aber aus zwei in diesem Rezessionsszenario tödlichen Begleiterscheinungen: Inflation und Vertrauenskrise. Die deutschen Verbraucherpreise stiegen zwar im Juli erneut um 3,3 Prozent, aber die Statistiker werteten die Preise zur Monatsmitte aus, als der Ölpreis bei 147 Dollar pro Barrel lag. Vorige Woche waren es trotz des Kaukasus-Krieges nur noch 115 Dollar. Ist die Inflation nicht durch die rückläufigen Rohstoffpreise gebannt? Peinemann: Ich vermute, daß die Energiepreise kurzfristig wieder anziehen werden. Auch die Agrarpreise werden nach einer kurzen Verschnaufpause aufgrund der Ernährungssituation in den bevölkerungsreichen Schwellenländern und durch unkalkulierbare Naturkatastrophen eigentlich nur eine Richtung kennen: aufwärts. Ohne Heizöl und Kraftstoffe hätte die Teuerungsrate nur 1,9 Prozent betragen. Peinemann: Lebensmittel kosteten in Deutschland im Juli acht Prozent mehr als vor einem Jahr. Der Höhepunkt der Teuerungswelle wird bei uns erst im August erreicht, wenn die angekündigten Strom- und Gaspreiserhöhungen mit in die statistische Berechnung einfließen. In den USA legten die Verbraucherpreise im Juli um 5,6 Prozent zu – das ist der höchste Wert seit 1990. In Schwellenländern wie Vietnam liegt die Inflationsrate inzwischen bei über 20 Prozent. Neben eigenen Zweitrundeneffekten – die Großhandelspreise wachsen bei uns fast zweistellig und die Lohnforderungen sind auch nicht sehr bescheiden – werden wir die Inflation zwangsläufig mit den ausländischen Produkten importieren. Im Bereich der Industrierohstoffe ist durch das Übernahmeangebot von Xstrata an den Platinproduzenten Lonmin, bei hohen Prämien auf den Aktienkurs, gut ersichtlich, was die Manager entsprechender Unternehmen über die weitere Preisentwicklung vermuten. Sie sprachen auch von Vertrauenskrisen? Peinemann: Beispiele wie die Banken Northern Rock, IKB und jüngst Indymac haben gezeigt, daß selbst bei relativ kleinen oder mittleren Kreditinstituten im Falle von Insolvenzen eine nicht unproblematische Einlagensicherung erfolgt ist. Wie hoch ist aber das Vertrauen in das Bankensystem, wenn eines Tages – und wenn es nur die unbedachte Äußerung eines Politikers ist – jemand die Solvenz einer Groß- oder Landesbank in Frage stellen würde? Daß sich bereits jetzt die Banken untereinander keine Liquidität zur Verfügung stellen, spricht natürlich auch Bände! Was empfehlen Sie in solch einer Großwetterlage den Investoren? Peinemann: Heute ist es für einen Kapitalanleger wichtiger denn je, die Priorität auf den Erhalt des Vermögens und zwar „nach Inflation“ zu legen. Das kann in der Tat überwiegend mit substanzstarken Vermögenswerten wie Edelmetallen und vernünftig bewerteten Aktien und Immobilien geschehen. Optimal ist zudem die Berücksichtigung der „Safe Haven“- Währung Schweizer Franken. Natürlich ist neben einer entsprechenden Selektion der Titel auch der Investitionszeitpunkt und die steuerliche Situation nicht ganz unwichtig. Sind neue und innovative Finanzprodukte wie etwa Zertifikate nicht zumindest eine attraktive Gestaltungsmöglichkeit? Peinemann: Die Flut an sogenannten Finanzinnovationen und Derivaten gibt zu denken und erinnert an die „Verpackungskünste“ der nun notleidend gewordenen Kreditinstrumente aus der US-Subprime-Krise. Vor einem Jahr hatte ich auch noch kein Problem damit, ein vernünftig gestaltetes Discountzertifikat ins Depot zu legen. Mittlerweile würde ich die Tatsache, daß es sich hier um ausschließliche Zahlungsversprechen eines Emittenten handelt, stärker beachten. Denken Sie nur an die Gold-Zertifikate von Bear Sterns: Diese waren, wenn überhaupt, tagelang nur mit dramatischen Abschlägen zu verkaufen. Vorsicht ist sicher auch im Beteiligungs- und Versicherungsbereich angebracht; diese Investments sind, insbesondere unter Berücksichtigung der zuvor geschilderten Wirtschaftsszenarien, schlecht liquidierbar und oft substanzlos.   Wilhelm Peinemann war Wertpapierspezialist bei der Commerzbank und der Deutschen Apotheker- und Ärztebank. Seit 1998 ist er selbständig in der individuellen Betreuung privater und institutioneller Vermögen tätig.

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