Joachim Kuhs

 

Mahnung für künftige Generationen

Ob ein politisches Ereignis als „historisch“ einzustufen ist, läßt sich oft erst mit größerem zeitlichen Abstand beantworten. Dies gilt auch für den ersten Internationalen Kongreß der Vertriebenen und Flüchtlinge in Europa, der vom 29. bis 31. März in Triest stattfand- einer äußerst symbolischen Stadt, die seit 1382 habsburgisch war und im 20. Jahrhundert gleich mehrfach ihre Staatszugehörigkeit wechselte. Auf ungarisch heißt sie Trieszt, auf slowenisch und kroatisch Trst und italienisch Trieste. Daß das Treffen von rund 100 Abgesandten aus allen Teilen Europas und vereinzelt aus Übersee eine Zäsur für den Umgang mit der Vertreibungsproblematik darstellen könnte, liegt auf der Hand. Nie zuvor waren auch nur annähernd so viele Flüchtlingsverbände zusammengekommen, um sich allen Meinungsverschiedenheiten und geschichtlich bedingten Sonderinteressen zum Trotz auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen. Dem Ruf der Unione degli Istriani – Libera Provincia dell’Istria in Esilio (UDI), der wichtigsten Organisation der nach 1945 aus Istrien vertriebenen Italiener, folgten Delegierte aus Deutschland, Österreich, Estland, Finnland, Großbritannien, Zypern, den USA und Australien (JF 9/07). Unter der Federführung des agilen Mittdreißigers Massimiliano Lacota, des UDI-Sprechers, verabschiedete man die „Erklärung von Triest“. Darüber hinaus unterzeichneten 30 teilnehmende Organisationen eine „Charta der Vertriebenen und Flüchtlinge“ und formierten sich zu einer gemeinsamen Interessenvertretung. Daß die grenzüberschreitende Solidarität bitter nötig ist, zeigt das geringe Medienecho zumindest in Deutschland. Während beispielsweise das italienische Staatsfernsehen in Triest mitfilmte und finnische oder Südtiroler Zeitungen berichteten, zeigte die bundesdeutsche Presse kaum Interesse. Wieviel politischer Sprengstoff in den Forderungen der „Erklärung von Triest“ steckt, wurde wenige Tage nach der Veranstaltung deutlich. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft (SL), deren Abgesandter Werner Nowak (Präsident der SL-Bundesversammlung) die Triester Erklärung spontan unterzeichnete, ging am 2. April mit einer Pressemitteilung auf Distanz. Man habe lediglich als Beobachter teilgenommen und wolle „zunächst einmal Rücksprache mit dem Bund der Vertriebenen (BdV) als dem legitimen Dachverband aller Landsmannschaften halten“. Der BdV habe, so wird betont, an dem Kongreß gar nicht teilgenommen. Offiziell stimmt das, zumal BdV-Präsidentin Erika Steinbach die Initiative bereits im Vorfeld eindeutig abgelehnt hatte. Andererseits waren in Triest auch die Vertreter der Landsmannschaften Schlesien und Ostpreußen beteiligt, letztere unter anderem in Person des BdV-Vize Wilhelm von Gottberg. Beide gehören zu den Mitunterzeichnern der erwähnten Charta, ebenso die SL von Österreich. Die Ungarndeutschen sowie die Donauschwaben waren nur deshalb nicht vertreten, weil ihr Vertreter Hans Supritz kurzfristig erkrankte. Toleranz und strategisches Geschick notwendig Dennoch betont die SL, sie wolle „nicht in einem Atemzug mit zum Teil völlig unbekannten Splittergruppen genannt werden“, die auf der Liste der Unterzeichner aufgeführt seien. Letzteres zielt nicht zuletzt auf zwei kleine bundesdeutsche Vereinigungen, den Zentralrat der vertriebenen Deutschen und die Sudetendeutschen Initiative. Andererseits sollte auch den SL-Vertretern klar sein, daß die Triester Veranstaltung einen offenen Charakter haben mußte. Sonst wäre es unmöglich gewesen, das breite Spektrum der Teilnehmer zusammenzubekommen. Die in besonders großer Zahl beteiligten Verbände der vertriebenen Finnen aus Karelien streben beispielsweise Grenzrevisionen an, während es fast allen anderen nur um Wiedergutmachungen oder die Durchsetzung von Autonomierechten geht. Neben stattlichen Großverbänden wie der erst vor kurzem in den USA ins Leben gerufenen Deutschen Weltallianz (German World Alliance) oder dem Verband der volksdeutschen Landsmannschaften Österreichs (VLÖ) zeugt die Teilnehmerliste auch von der großen internationalen Vielfalt der Vertriebenenorganisationen. Der Zentralrat der Armenier in Deutschland taucht dort ebenso auf wie die britische Lobby for Cyprus, die Pontusgriechen und Assyrer oder die australische Internationale Liga der Opfer von Gewaltherrschaft. Jüdische Vereinigungen betonten in einem Schreiben an Lacota, daß ihre Interessen anders gelagert seien, sie dem Kongreß aber viel Erfolg wünschten. Im Laufe des Jahres soll nun die Satzung einer Europäischen Union der Vertriebenen und Flüchtlinge vorgelegt werden. Doch ohne ein gewisses Maß an Toleranz und strategischem Geschick wird es nicht möglich sein, das in Triest begonnene Werk einer grenzübergreifenden Interessenvertretung der Vertreibungsopfer schrittweise auszubauen und sich breite Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu verschaffen, um konkrete Ziele durchzusetzen. Zusätzliche Informationen finden sich im Internet unter www.unioneistriani.it Foto: Konferenzsaal in Triest: „Verbreitung der historischen Fakten über Vertreibung, Flucht und Deportation“

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