Der tropische Sozialismus kämpft mit dem Tod

Mit einer obszönen Geste wischt der dunkelhäutige Kubaner den Namen vom Tisch. „Pah, Raúl!“ Fidel, der sei ein Genie, ein wirklicher Revolutionär. Einer, der die Tradition des kubanischen politischen Pragmatismus fortgeführt habe. Ein Mann von charismatischer Performanz und Rhetorik. Raúl? Der ewige Stellvertreter sei ein Homosexueller – im Macho-Land Kuba eine der schwersten Beleidigungen. Außerhalb der Armee genießt der 75jährige Verteidigungsminister kaum Achtung. Auch wenn er bereits vor Jahren offiziell von Fidel Castro zu dessen designierten Nachfolger erklärt wurde: „Zweifellos ist er der Kamerad mit der größten Autorität nach mir und der größten Erfahrung, er hat alle Qualitäten, mich abzulösen.“ Nun ist der Ernstfall eingetreten. Erstmals seit seiner Machtübernahme 1959 hat der kubanische Staats- und Parteichef Fidel Castro die Amtsgeschäfte aus der Hand gegeben – in einigen Wochen werde der Präsident aber wieder seine Funktionen übernehmen, „er hat es selbst gesagt“, erklärte Vizepräsident Carlos Lage am Montag in Bogotá. Am 1. August schlug die Meldung wie eine Bombe ein. Eine „akute Magen-Darm-Krise mit inneren Blutungen“ habe ihn gezwungen, sich einer „komplizierten chirurgischen Operation zu unterziehen“, heißt es in Castros „Bekanntmachung an das Volk von Kuba“. Tage und Nächte ständiger Arbeit fast ohne Schlaf hätten dazu geführt, daß seine Gesundheit, die bisher allen Belastungen standhielt, extremem Streß ausgesetzt wurde und ein Zustand der Entkräftung eingetreten sei. Der Máximo Líder teilte mit, daß er eine mehrwöchige Ruhe benötige und angesichts der akuten Bedrohung Kubas durch die USA seine Funktionen als Erster Sekretär des Zentralkomitees der KP Kubas, als Oberbefehlshaber der Armee, als Präsident des Staatsrates und der Regierung vorübergehend an seinen Bruder Raúl Castro Ruz delegiere. Seine Funktionen als Mentor der Programme für Gesundheit, Erziehung und Energie delegierte er an die Politbüromitglieder José Ramón Balaguer Cabrera, José Ramón Machado Ventura, Esteban Lazo Hernández und Carlos Lage Dávila. Gleichzeitig forderte Castro sein Volk auf, den historischen Prozeß der Revolution und des Sozialismus fortzusetzen: „Weiter bis zum Sieg!“ Die „kubanische Revolution“ kann sich nur selbst zerstören Hat Fidel Castro damit bereits die neue Regierung, ein Übergangskabinett, ernannt? Oppositionelle wie der Präsident der verbotenen Partei der demokratischen Solidarität, Fernando Sánchez López, gehen davon aus, daß die kubanische Regierung schon sehr lange den Machtwechsel vorbereitet. Die Nachfolge funktioniere schon seit geraumer Zeit, verriet Castro bereits im Januar 2000 in einem Gespräch mit Ex-Unesco-Direktor Frederico Mayor Zaragoza. „Zahlreiche bereits erfahrene Menschen und eine weniger umfangreiche Gruppe von Revolutionsveteranen, mit denen sie sich zutiefst identifizieren, sind diejenigen, in deren Händen das Leben des Landes liegt.“ Im November griff Castro das Thema Nachfolge während einer Ansprache vor Studenten an der Universität Havanna erneut auf: „Wenn diejenigen, welche die Ersten, die Veteranen waren, aufhören zu existieren und neue Generationen von Führungskräften an ihre Stelle treten, was ist zu tun und wie sollte es getan werden?“ Und er warnte die verdutzten Zuhörer. Als die nach seiner rhetorischen Frage, ob der „revolutionäre sozialistische Prozeß scheitern kann oder nicht“, laut mit „Nein!“ antworteten, fragte Castro: „Habt ihr gründlich darüber nachgedacht?“ Die kubanische Revolution könne nicht mehr durch die USA, sehr wohl aber durch sich selbst zerstört werden: „Es wäre unsere Schuld.“ Er jedenfalls habe „vorgesorgt, damit nichts aufhört, falls mir etwas zustößt“. Die Aufgabe, die Revolution und die Errungenschaften des seit fast einem halben Jahrhundert von Castro geprägten Landes zu retten, hat Raúl Castro übernommen. Zwar fehlt dem 75jährigen das Charisma seines Bruders, aber er ist seit Jahrzehnten quasi der Personalchef des Landes. Als graue Eminenz und ewiger Stellvertreter ist er der Mann, der seit jeher langfristig Kader auswählt und auf wichtige Posten setzt. Raúl Castro war bei allen politischen Abenteuern seines großen Bruders dabei: dem Aufbau einer Anti-Batista-Gruppe, dem mißglückten Versuch, mit dem Sturm auf die Moncada-Kaserne am 26. Juli 1953 in Santiago de Cuba einen Volksaufstand gegen den Diktator Fulgencio Batista auszulösen, der Landung mit der „Granma“ auf Kuba und dem anschließenden Guerilla-Kampf in den Bergen. Im Gegensatz zu Fidel, der sich erst spät (und weil ihm die USA keinen anderen Ausweg ließen) zum Sozialismus bekannte, war Raúl bereits in seiner Studentenzeit Mitglied der kommunistischen Jugendorganisation. Nach dem ungeklärten Tod des legendären Revolutionsführers Camilo Cienfuegos 1959 wurde Raúl Castro zum Verteidigungsminister ernannt. Diese Position hat er bis heute inne und hat sich eine erhebliche Machtposition geschaffen. Gilt Fidel als „Herz“ der Revolution und Ernesto Che Guevara als das „Gehirn“, so wird Raúl als die „Faust“ bezeichnet. Als Mann fürs Grobe hat er während des bewaffneten Kampfes dafür gesorgt, daß angebliche und wirkliche Verräter und Spione hingerichtet wurden und später nach der Machtübernahme mit harter Hand für Linientreue gesorgt. Bruder Raúl Castro – ein skrupelloser Pragmatiker Raúl Castro hat aber auch den Nimbus des unbesiegbaren Guerillaheeres geschaffen und dafür gesorgt, daß die Armee innerhalb der Bevölkerung einen hohen Status genießt. Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers und den für die bis dahin am sowjetischen Tropf hängende kubanische Wirtschaft katastrophalen Folgen soll Raúl Castro derjenige gewesen sein, der gegen den Willen Fidels auf die Einführung freier Bauernmärkte drängte. Gleichzeitig schuf er seit Anfang der neunziger Jahre ein effektives Reich von armeeeigenen Wirtschaftsbetrieben, die vor allem in den lukrativen Bereichen Tourismus, Bergbau und Zuckerindustrie tätig sind. Ein pragmatischer Kurs wird Rául Castro, der ebenso wie sein Bruder nur in olivgrüner Uniform auftritt, durchaus auch an der Spitze des kubanischen Staates zugetraut. Im Volk verhaßt, weil er ein weitverzweigtes Spitzelnetz aufgebaut und stets mit harter Hand gegen Abweichler durchgegriffen hat, setzte er sich aber auch, wenn es opportun erschien, für bessere Beziehungen zu den USA ein. Vielleicht hat Raúl Castro sogar eher als sein Bruder begriffen, daß sich trotz aller Durchhalteparolen auf Kuba längst ein Wandel vom Sozialismus zum Kapitalismus vollzieht. Die Festschreibung des Sozialismus in der Verfassung und die Losungen „Sozialismus oder Tod“ sind nicht viel mehr als Propagandablasen. Der von Castro verkörperte Fidelismo ist in den Augen der Kubaner die „stabile Stagnation“. Die Schwäche des Máximo Líder zeigt auch die Schwäche der kubanischen Opposition. Sie ist zersplittert, verfügt innerhalb der Bevölkerung über keinerlei Rückhalt und wird vor allem von den USA und Exilanten finanziell unterstützt, was es dem kubanischen Sicherheitsapparat erleichtert, sie als US-Söldner zu verunglimpfen. Längst werden in den USA wieder Umsturzpläne geschmiedet. Um jeden Preis will George W. Bush ein Überleben des sozialistischen Systems auf Kuba nach Castros Tod und eine eventuelle Ausweitung auf andere lateinamerikanische Staaten verhindern. „Wir werden nicht auf den Tag der kubanischen Freiheit warten, sondern für den Tag der Freiheit in Kuba arbeiten“, erklärte Bush. Einen Monat vor Castros 80. Geburtstag am 13. August stellte die von Bush berufene Kommission für den Übergang zu einem freien Kuba ihren neuesten Bericht vor. Er sieht die Ausweitung der Wirtschaftsblockade, die Vervielfachung der materiellen Unterstützung von Regimegegnern innerhalb und außerhalb Kubas sowie Propagandakampagnen vor. Am wichtigsten sei es, zu verhindern, daß unter Führung Raúl Castros oder eines anderen KP-Kaders das System einfach fortgesetzt werde, heißt es in dem Papier. Dafür werden knapp 80 Millionen Dollar bereitgestellt. US-Destabilisierungskonzept für Kuba birgt große Risiken Wie Castros Nachfolgepläne durchkreuzt werden sollen, wissen weder die US-Kommission noch der Koordinator für den kubanischen Übergang zur Demokratie, Caleb McCarry. Denn ebenso wie der kubanischen Regierung fehlt der in Miami und Spanien konzentrierten Exil-Opposition, aber auch jener in Kuba selbst ein charismatischer Führer. Zudem findet das US-Destabilisierungskonzept für Kuba auch keinen ungeteilten Beifall bei den Castro-Gegnern. Man befürchtet eine erneute Bevormundung durch die USA. Während der Kongreß-Abgeordnete Lincoln Díaz-Balart, Sohn eines ehemaligen Batista-Ministers, in dem vorläufigen Rücktritt Castros bereits einen „totalitären Alptraum untergehen“ sieht, bezeichnete Elizardo Sánchez, Präsident der kubanischen Kommission für Menschenrechte und nationale Versöhnung, das Kommissions-Papier als „kalte Dusche“. Auch aus Sicht von Laura Pollan, Sprecherin der Oppositionsgruppe „Damen in Weiß“, geht die Initiative Washingtons nach hinten los. Die kubanische Kirche warnt ebenfalls vor einer Intervention auf der Insel. Dies würde man niemals akzeptieren, erklärte der Erzbischof von Havanna, Kardinal Jaime Ortega Alamino, am Sonntag vor Journalisten in Havanna. Für Castro selbst kommen die gesundheitlichen Probleme zur Unzeit. Und vor allem überraschend. Noch während seines Besuchs im argentinischen Córdoba im Juli hatte er dem venezolanischen Fernsehen versichert, er erfreue sich bester Gesundheit. Und auf kursierende Todesgerüchte angesprochen sagte Castro: Das passiere fast jeden Tag, aber „es amüsiert mich sehr, ich spüre dann meine gute Gesundheit“. Keine Spur davon, daß er wenige Tage später zum „Patienten“ werden und die ganze Welt über die Zeit nach ihm spekulieren würde. Fidel Castros letzter Augenblick sei „noch sehr weit entfernt“, sagte Parlamentspräsident Ricardo Alarcón, der auch als potentieller Nachfolger des Diktators gehandelt wird. Spätestens am 2. Dezember soll Fidel Castro wieder auf der politischen Bühne erscheinen. Es ist der Jahrestag der Landung an der kubanischen Küste und damit des Beginns der Revolution. Es ist auch der Tag der Streitkräfte. Auf diesen hat Castro die Feiern zu seinem 80. Geburtstag (eigentlich am 13. August) verlegt. Bis dahin, davon geht die Opposition aus, wird die Repression zunehmen. General Raúl Castro setzt derweil auf Stabilität, Ordnung und Wachsamkeit. In mehreren Provinzhauptstädten hat er bereits Reservisten mobilisiert. Foto: Staatschef Fidel Castro mit Verteidigungsminister Raúl Castro: Auch Regimegegner befürchten eine erneute US-Bevormundung José de Villa, Jürgen Neubauer: Máximo Líder. Fidel Castro – Eine Biographie, Econ Verlag, Berlin 2006, 270 Seiten, gebunden, 19,95 Euro Bernd Wulffen: Eiszeit in den Tropen. Botschafter bei Fidel Castro, Ch.Links Verlag, Berlin 2006, 320 Seiten, gebunden, 19,90 Euro Norberto Fuentes: Die Autobiographie des Fidel Castro, C.H.Beck, München 2006, 757 Seiten, gebunden, 29,90 Euro Volker Skierka: Fidel Castro, Rohwolt, Reinbek 2002, 542 Seiten, broschiert, 10,90 Euro

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