Bodenreform im Kloster

Am 2. September 1945 begann im brandenburgischen Städtchen Kyritz mit einer Rede des aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrten KPD-Vorsitzenden Wilhelm Pieck jene Welle von Enteignungen und Entrechtungen von Grundbesitzern, Bürgern und Bauern, die heute unter dem verharmlosenden Begriff „Bodenreform“ bekannt ist. Kyritz an der Knatter wurde so zum Ausgangspunkt einer Entwicklung, die bis heute fortwirkt und die neben menschlichem Leid und wirschaftlichem Niedergang auch einen beschädigten Rechtsstaat zurückgelassen hat. Für das SED-Regime war die Rede des späteren DDR-Präsidenten Pieck in der Gaststätte „Zum Schwarzen Adler“ dagegen der Aufbruch in eine neue Zeit und Anlaß genug, ein Denkmal in den märkischen Sand zu stellen. Auf Beschluß des Rates des Kreises fertigte der Künstler Werner Sätzer 1970 eine Plastik an, die daran erinnern sollte, daß die Enteignungen von Kyritz aus ihren Ausgang genommen hatten. Nach Wende und Wiedervereinigung erging es dem Denkmal genauso wie der Bodenreform: Es blieb unangetastet. Im Jahr 2001 wurden auf Betreiben der PDS sogar 20.000 Mark zur Renovierung des Denkmals bewilligt. Schließlich ergriffen die Opfer der Enteignungen die Initiative. Sie widmeten das „Denkmal für die demokratische Bodenreform“ 2003 mit einer Demonstration kurzerhand in ein „Mahnmal für die Opfer von Enteignung, Verfolgung und Vertreibung“ um. Alljährlich wird seitdem mit einer Demonstration und einer Kranzniederlegung an die Tausenden Opfer der Enteignungen erinnert. Dieses symbolische Erinnern an die „Boden- und Industriereform“ soll nun mit Fakten unterfüttert werden. Für den Herbst 2007 plant die Stadt die Eröffnung eines Gedenk- und Dokumentationszentrums. Unterstützt wird sie dabei von der Arbeitsgemeinschaft Recht und Eigentum (ARE). Datenbank mit 7.000 Einträgen Rechtzeitig zum Jahrestag am 2. September soll das Zentrum im kommenden Jahr eröffnet werden, kündigt der ARE-Vorsitzende Manfred Graf von Schwerin an. Derzeit bemüht sich der Bürgermeister von Kyritz, Hans-Joachim Winter (CDU), um die Finanzierung des Projektes. Dafür soll wenn möglich auch auf Mittel der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zurückgegriffen werden. Dennoch ist man auch auf private Spender angewiesen. Zudem hofft Winter auf Mittel der Denkmalpflege. Denn ein Gebäude ist bereits gefunden: Die Einrichtung soll in einem ehemaligen – und derzeit baufälligen – Franziskanerkloster untergebracht werden. Auch bei den „Inhalten“ sieht es derzeit gut aus. Material für das geplante Dokumentationszentrum ist schon jetzt reichlich vorhanden, berichtet Graf Schwerin. Es könne bereits auf 7.000 Datenbank-Einträge zurückgegriffen werden, die das Ausmaß der Enteignungen sowie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen für Mitteldeutschland dokumentieren. Später sollen diese Fakten auch mittels „audiovisueller Elemente“ den Besuchern vermittelt werden. Für die Gestaltung der Ausstellung sei ein erfahrener Kurator gewonnen worden, sagt Winter. Neben der Dokumentation des Unrechts und seiner Folgen sowie der Archivarbeit wird es in dem Zentrum auch einen Gedenkraum geben, in dem an die Opfer erinnert werden soll. Über die Rolle als Gedenk- und Dokumentationsort hinaus soll das Kloster in Zukunft auch als Anlaufstelle für Zeitzeugen dienen. Nach dem Willen von Bürgermeister Winter sollen sich hier „Gewinner“ und „Verlierer“ der Bodenreform treffen. Denn die Bewertung der Bodenreform sei – je nach Perspektive – auch heute noch mitunter kontrovers. Auch in Kyritz, dem Ort, an dem alles seinen Anfang nahm. Foto: Kyritz an der Knatter (Rathaus): Auf Spenden angewiesen

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