Auf der Suche nach Perspektiven

Kompetenzzentren, Reformcharta, Kernangebote: Diese Begriffe aus dem „Impulspapier“ des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mag man eher mit McKinsey als mit dem Matthäusevangelium in Verbindung bringen. Dessen Verheißung „und siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28, 19) gilt zwar für die gesamte Christenheit, bedeutet jedoch nicht unbedingt, daß die kirchlichen Organisationsstrukturen so weiterbestehen wie heute. Aus diesem Grund hat eine „Perspektivkommission“ unter Leitung des EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber, ihre Gedanken über einen tiefgreifenden Wandel des deutschen Protestantismus niedergelegt. Neben kirchlichen Würdenträgern gehören diesem Gremium die Unternehmensberater Peter Barrenstein (McKinsey) und Bernhard Fischer-Appelt sowie die Leiterin des Allensbacher Instituts für Demoskopie, Renate Köcher, an. Vier Millionen Austritte Die Lage des Protestantismus in Deutschland ist alles andere als gut. Annähernd vier Millionen Menschen sind seit Anfang der achtziger Jahre aus der evangelischen Kirche ausgetreten, die Zahl evangelisch getaufter Nichtmitglieder in Deutschland beläuft sich nach Schätzungen auf 3,5 bis fünf Millionen. Dramatisch ist vor allem die Lage in Mitteldeutschland: Magdeburg gilt als atheistischste Stadt, an den Geburtsstätten der Reformation zählen die entsprechenden Landeskirchen nur noch jeweils eine halbe Million Mitglieder. Aber auch in einer norddeutschen Großstadt wie Hamburg ist nur noch jeder Dritte Mitglied der evangelischen Kirche. Noch trostloser als bei der nominellen Zugehörigkeit sieht es bei der tatsächlichen Teilnahme am kirchlichen Leben aus: weniger als vier Prozent der Kirchenmitglieder besuchen regelmäßig Gottesdienste. Selbst bei Kasualien (kirchlichen Amtshandlungen) wie Taufe, Konfirmation, Trauung, die für viele Deutsche noch immer eine gewisse (oder die einzige) Verbindung zur Kirche darstellen, ist die „Nachfrage“ gesunken; die Zahl der Taufen sank seit den neunziger Jahren um 25, die der Trauungen um 45 Prozent. Selbst die kirchlichen Bestattungen gingen um 17 Prozent zurück, obwohl die Zahl der Todesfälle zugenommen hat. Überhaupt sieht in punkto Demographie die Lage in der evangelischen Kirche noch schlechter aus als im Durchschnitt der Republik. Im Jahr 2000 übertraf die (absolute) Zahl der (kirchlichen) Bestattungen die der Taufen um 100.000. Vor allem finanziell macht sich der demographische Umbruch bei der Kirche bemerkbar. Die wesentliche Einnahmequelle, die Kirchensteuer, ist abhängig von der Lohn- oder Einkommensteuer; Kinder, Jugendliche und Rentner zahlen also keine Kirchensteuer, sie wird derzeit nur von 30 Prozent der Kirchenmitglieder entrichtet. Gerade unter den Zahlern ist jedoch die Zahl der Austritte höher, hinzu kommt, daß in dieser Gruppe der demographische Schrumpfungsprozeß besonders signifikant sein wird. Neuausrichtung der Aufgaben Zu Recht ist also in der Einleitung des gut hundert Seiten starken Impulspapiers von der „Sorge um die Zukunft der Kirche“ die Rede, von einem „hochexplosive(n) Gemisch aus Versorgungskosten, Teuerungsrate und schrumpfenden Einnahmen, (das) zur faktischen Gestaltungsunfähigkeit führt“. Weder ein „Weiter so“ noch ein gleichmäßiges Kürzen an allen Stellen sehen die Autoren des Papiers als zukunftsweisend an, sondern eine Neuausrichtung kirchlicher Aufgaben, ein „Konzentrieren und Investieren in zukunftsverheißende Arbeitsgebiete“. Würde sich nichts ändern, so die Prognose, sänke die Zahl der Mitglieder in den Gliedkirchen der EKD von heute 26,2 auf 17,6 Millionen im Jahre 2030. Besonders dramatisch wäre der Schwund bei denen, die für das Kirchensteueraufkommen sorgen; die Zahl der 21- bis 60jährigen würde sich in diesem Zeitraum fast halbieren, nämlich von 13,1 auf 7,7 Millionen zurückgehen. Die Perspektivkommission möchte mit ihren Vorgaben jedoch erreichen, daß die Zahl der Kirchenmitglieder – trotz schrumpfender Bevölkerung – in etwa auf dem heutigen Stand bleibt; das hieße, der Anteil der evangelischen Deutschen müßte auf 32,5 Prozent ansteigen. Im Unterschied zu manchen Papieren der EKD aus der Vergangenheit bezieht die aktuelle Studie eine deutliche Position in Richtung Profilierung der Kirche als Kirche: „Geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität“, heißt es darin und: „Wo evangelisch draufsteht, muß Evangelium erfahrbar sein.“ Positiv vermerken die Verfasser, daß ein zunehmendes Interesse an religiösen Fragestellungen in der Gesellschaft vorhanden sei; auch sei ein leichter Anstieg derer zu verzeichnen, die eine religiöse Erziehung für notwendig erachteten. Solche positiven Tendenzen solle die Kirche aufgreifen und für sich nutzbar machen. Auch gebe es immer (noch) eine hohe Zahl ehrenamtlich Tätiger in den Räumen der Kirche, die ein „missionarisches Potential“ darstellen. Das Augenmerk soll sich nach Meinung der Autoren auf eine Qualitätsverbesserung bei kirchlichen Amtshandlungen richten, wo Menschen in Kontakt mit der Kirche kämen (Kasualien, Jugendarbeit, Religionsunterricht, Gottesdienste). Ehrenamtliche sollen zudem stärker in die Gemeindearbeit integriert werden; bei einer abnehmenden Zahl von Pfarrern müßten mehr Laienprediger eingesetzt werden. Zahl der Landeskirchen soll reduziert werden Vor allem plädiert die Kommission unter Führung des EKD-Ratsvorsitzenden für einen gravierenden Wandel in der Organisation der Kirche: Gibt es heute noch 23 Landeskirchen, die sich territorial an den Verhältnissen des Deutschen Bundes zu Beginn des 19. Jahrhunderts orientieren, soll in Zukunft keine Landeskirche unter einer Million Mitgliedern bestehen; ihre Zahl und Größe soll sich an der der 16 Bundesländer orientieren. Aktuell ist das nur annähernd in Bayern verwirklicht. Während die großen Gliedkirchen der EKD diese Absicht zur Strukturreform und zu Fusionen begrüßten, erhob sich in den kleineren bereits Protest. Neben wirtschaftlichen Pfründen und Partikularinteressen ist dafür allerdings auch die konfessionelle Heterogenität innerhalb der EKD ausschlaggebend. Denn die Landeskirchen unterscheiden sich nicht nur regional, sondern vor allem auch durch ihr Bekenntnis. Neben zehn rein lutherischen und zwei reformierten gibt es noch elf sogenannte unierte Kirchen. Die organisatorisch sinnvolle Zusammenfassung könnte also an zum Teil nicht unerheblichen theologischen Differenzen scheitern. Foto: Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber schaut sorgenvoll in die Zukunft: Kraftanstrengung

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