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Auf dem „Wilden Sofa“ in den Abgrund

Für Klaus Wowereit (SPD) waren die vier Wochen der Fußballweltmeisterschaft eine phänomenale Bühne. Der Regierende Bürgermeister von Berlin absolvierte Rundgänge und gab Pressekonferenzen. Wenn er auf der Fanmeile auftrat, wurde er von den Berlinern und ihren Gästen gefeiert. Mit diesem ganzen Rückenwind rauschte Klaus Wowereit zur ersten Pressekonferenz nach der WM im Roten Rathaus – am Tag nach dem Finale. Gut aufgelegt scherzte er mit den Journalisten: „Ihr seht aber alle müde aus.“ Dann seine Bilanz der Superlative: Berlin war die Hauptstadt der WM, nicht München. Obwohl dort das Pressezentrum war. Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin – selbst Stoiber soll es gesungen haben. Berlin ist der Gewinner der WM. Wowereit ist in seine Rolle hineingewachsen Wowereit ist in seine Rolle als Stadt-
oberhaupt hineingewachsen. Er versteht es, Stimmungen für sich zu nutzen, sich Argumente zu eigen zu machen, von denen er sich Vorteile verspricht. Deswegen kommt er an bei den Berlinern – viel mehr als vor fünf Jahren. Damals hatte die Wähler weniger für die SPD gestimmt, als vielmehr die vom Bankenskandal erschütterte CDU abgewählt. Vor vier Jahren hatte Klaus Wowereit noch Sekt aus Damenschuhen getrunken und bei der WM 2002 seine Hoffnung geäußert, es möge sich endlich auch mal ein homosexueller Fußballer selbst „outen“. Verbales Klinkenputzen dieser Art kann er jetzt getrost seinen bürgerlichen Herausforderern überlassen. Friedbert Pflüger von der CDU läßt, was das angeht, nichts aus. In seinem schier aussichtlosen Kampf um Stimmen begab sich der CDU-Spitzenkandidat am vergangenen Wochenende zum lesbisch-schwulen Straßenfest in Schöneberg. Auf dem „Wilden Sofa“ stand er Rede und Antwort beim Wissenstest über Liebestechniken (Welches Gleitgel zerstört Kondome?). Neben der 64jährigen Franziska Eichstädt-Bohlig (Grüne) und der 26jährigen Lucy Redler (WASG) wirkte der Staatssekretär wie eine Witzfigur. „Was man im Wahlkampf alles machen muß“, titelte das Boulevardblatt BZ hinterher hämisch. Längst hat bei Pflüger ein Mitleidseffekt eingesetzt. Er steckt nach wie vor im Umfragetief fest. Die CDU kam bei der letzten Sonntagsfrage laut Emnid auf 23 Prozent. Die SPD führt mit 34 Prozent. Linkspartei und Grüne liefern sich mit 13 beziehungsweise 14 Prozent einen Kampf um Platz drei. Die Liberalen stehen bei acht Prozent. Seit dem Januar rackert sich der Niedersachse Pflüger ab – ohne daß sich das in Umfrageergebnissen positiv niederschlagen würde. Dabei läßt der Kandidat wirklich keine Gelegenheit aus, um Wählerstimmen zu werben: Am Tag vor dem „Wilden Sofa“ war er beim Freitagsgebet in der Berliner Sehitlik-Moschee. Vor zwei Jahren hatte seine Parteifreundin Stefanie Vogelsang aus Neukölln noch offenen Streit mit der islamischen Gemeinde ausgetragen. Die Baustadträtin hatte der Gemeinde einen saftigen Strafbefehl über 80.000 Euro zustellen lassen. Die Gemeinde hatte die genehmigte Bauhöhe der Minarette überschritten. Das hat der Christdemokratin den Ruf als Moschee-Gegnerin eingebracht. Jetzt haben sie und Pflüger eine Charmeoffensive gestartet. Sie will schließlich im Migranten-Bezirk Neukölln Bürgermeisterin werden und Heinz Buschkowsky (SPD) ablösen. Und er will Bürgermeister in der ganzen Stadt werden. „Ich lasse mich nur mit meinen türkischen Freunden fotografieren“, sagt Pflüger beim Fototermin vor der Moschee. Auch die Linkspartei hat es dieser Tage nicht leicht. Der Koalitionspartner der SPD hat reichlich Federn lassen müssen. Die Partei hat viele Kompromisse mitgetragen und stellt mit Harald Wolf einen Wirtschaftssenator, der sich von Altlinken als „neoliberal“ beschimpfen lassen muß. Deswegen fürchtet die Linkspartei, bei der Abgeordnetenhauswahl am 17. September den dritten Platz in der Wählergunst zu verlieren. Die von der jungen Lucy Redler geführte WASG landete in der Emnid-Umfrage derzeit bei vier Prozent. Viel wird davon abhängen, ob ihr der Einzug ins Abgeordnetenhaus gelingt. Denn dann wäre Wowereit zu einer Koalition mit der Linkspartei und den Grünen gezwungen. Friedbert Pflüger kommt in diesen Überlegungen so gut wie nie vor. Er hat Wowereit eine große Koalition angeboten, die für den Regierenden nicht in Frage kommt. „Nicht mit dieser CDU“, brüllte er bei seiner Nominierung als Spitzenkandidat der SPD im Mai. Im CDU-Lager lebt die vage Hoffnung auf eine schwarze Ampel, falls die WASG der Linkspartei genug Stimmen wegnimmt und dennoch scheitert. Diese Hoffnung wurde genährt durch das Aufeinanderzugehen von Grünen und FDP auf Bundesebene in den letzten Tagen. Ablösung um jeden Preis gefordert Im Spiegel erklärte die Bundeskanzlerin in dieser Woche zudem, sie rede sowohl mit Guido Westerwelle als auch mit den beiden grünen Fraktionschefs Renate Künast und Fritz Kuhn. Und der FDP-Spitzenkandidat Martin Lindner forderte eine Ablösung der „Verlierer-Koalition“ um jeden Preis. Auch für die FDP ist eine schwarze Ampel die einzige Option auf Machtausübung, nachdem eine „normale“ Ampel 2002 gescheitert ist. Auch der FDP-Mann ist bereit, alles dafür zu geben und den Wahlsieger vom letzten Mal, so gut es geht, zu kopieren: Auf der Demonstration von Homosexuellen am sogenannten „Christopher Street Day“ an diesem Wochenende wird er auf einem Wagen stehen, den der Spruch „Aus Liebe zu Berlin“ ziert, und fröhlich mittanzen. Foto: CDU-Politiker Pflüger (r.) und Vogelsang (l.) in der Berliner Sehitlik-Moschee: Bürgermeisterkandidat der ganzen Stad

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