Miniaturschiffe in schwerer See

Die linke Szene Hamburgs ist aus dem Häuschen: In zwei Jahren soll in der Hansestadt das „Internationale Schiffahrts- und Meeresmuseum“ eröffnet werden mit der weltweit größten und international hoch renommierten Sammlung des früheren Springer-Generalbevollmächtigten Peter Tamm. Dafür stellt Hamburg das älteste im Hafen noch vorhandene Speichergebäude zur Verfügung, das zur Zeit mit einem staatlichen Zuschuß von 30 Millionen Euro restauriert und ausgebaut wird. Ergebnis jahrzehntelanger Sammelleidenschaft Der laufende Betrieb des Museums, zu dem auch ein Archiv und eine umfangreiche rund 120.000 Bände umfassende Fachbibliothek gehören, wird von einer Stiftung finanziert. Tamm, der aus seiner konservativen Haltung keinen Hehl macht, ohne daraus allerdings jemals politische Konsequenzen gezogen zu haben, hat in Jahrzehnten unermüdlich alles gesammelt, was mit dem Meer und der Auseinandersetzung des Menschen mit dem Meer zu tun hat. Das Mittel dazu war und ist vor allem das Schiff, das für ihn „der Mittelpunkt der Weltgeschichte“ ist. Und so kamen dann über 5.000 Gemälde, Aquarelle und Graphiken vom Jahr 1570 bis heute zusammen. Darunter 40.000 Konstruktionspläne, eine Waffensammlung, die bis ins Jahr 1.000 vor Christus reicht, Navigationsinstrumente, Urkunden, Uniformen, Tagebücher und Briefe (davon 50 von Lord Nelson geschriebene). Überall in der Welt kaufte Tamm die bei Wettbewerben mit ersten Preisen ausgezeichneten Schiffsmodelle, so daß seine Sammlung mehr als 1.000 Groß- und über 25.000 Kleinmodelle aufweist. Wer das bisherige Quartier der Sammlung, ein ehemaliges Hotel an der Elbchaussee, betrat – sie war als private Einrichtung auf Anfrage zugänglich -, dem verschlug es zunächst den Atem über die Fülle der Exponate, aber auch vor dem Engagement, mit dem der Besitzer und Leiter durch die Ausstellung führte und zu nahezu jedem Stück eine Geschichte zu erzählen wußte. Und immer wieder wurde die Frage gestellt: Was wird eines Tages aus dieser Privatinitiative? Die Befürchtungen, die einmalige Sammlung könnte eines Tages angesichts der heutigen offiziellen Geschichtslosigkeit in einer ausländischen Hafenstadt ihre Heimat finden, ist nun vom Tisch. Modelle als „Symbole des deutschen Imperialismus“ Die Schiffsmodelle sind es, die linke Gruppen über die Maßen aufregen, denn zu ihnen gehören auch die deutschen Schiffe des 20. Jahrhunderts, darunter die Kriegsschiffe. Sie alle seien „Symbole des deutschen Imperialismus“ und des „Faschismus“. Daß diese Schiffe – wie alle Modelle der Sammlung – die Flaggen ihrer Zeit führen, macht gar die Sammlung „zur wohl größten in Hamburg öffentlich zugänglichen Ansammlung von Hakenkreuzen“, meinen sie. Man hat nicht weniger als 127 Künstler, deren Namen überwiegend der Öffentlichkeit bisher verborgen geblieben waren, zu einer Aktion „Künstler informieren Politiker“ zusammengetrommelt, die die Abgeordneten der Hamburger Bürgerschaft „befragen“ sollten, was sie sich eigentlich bei ihrer Zustimmung zum Museum so gedacht haben. Als ihr erster Stoßtrupp in die Hamburger CDU-Landesgeschäftsstelle eingedrungen war, um Belege für die „militärische Haltung“ Peter Tamms zu übergeben – hatte er sich doch noch 1944 freiwillig zur Kriegsmarine gemeldet -, da mußte erst mit Polizeieinsatz gedroht werden, um dem ausgesprochenen Hausverbot Wirkung zu verschaffen. Was die linke pressure group besonders verärgerte, sind die 30 Millionen Landeszuschuß für den Ausbau des Museumsgebäudes. Sie verlangt, daß diese Mittel eher für Frauenprojekte, sogenannte Geschichtswerkstätten, Medienkunst und dergleichen ausgegeben werden. Aber daraus wird wohl nichts. Immerhin haben alle Parteien in der Bürgerschaft (bei einzelnen Enthaltungen) nach jahrelangen Verhandlungen im Vorjahr dem Museum zugestimmt. Im Juni wurde unter prominenter Beteiligung der Grundstein gelegt. Die Bauarbeiten sind im Gange. Und so dürfte dann in der neuen HafenCity in wohl zwei Jahren das bedeutende Maritime Museum seine Pforten öffnen. Man hat sich viel vorgenommen. Die Romantik und Härte des Fahrens auf Segelschiffen soll ebenso gezeigt werden wie die Geschichte der Seemächte. Hanse, Piraterie, Sklavenhandel, Ostindienfahrer, Geschichte der Tiefseeforschung, die Welt der Schiffsmodelle, Faszination Hafen, Geschichte der Navigation, die Entdecker der Welt, die Waffen des Seemanns, der Wettlauf der europäischen Mächte – das alles gehört zu den Museumsthemen. Als im Juni der Grundstein für den Umbau des Speichers gelegt wurde, hatten die Protestierer 30 Demonstranten aufgestellt. Sie trugen ein Spruchband mit der originellen Parole „Gegen Militarismus und Nazikult“. Computersimulation des im Bau befindlichen Museums: Weltweit einmalige Sammlung Foto: Bürgermeister Ole von Beust (l.), Peter Tamm: Grundsteinlegung

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