„Unsere Nation ist von Gott auserwählt“

Der „Glaube“ sei das „Samenkorn des American Dream“, Kolonie und Republik sind auf ihm ge-gründet worden, analysierte die Nachrichtenagentur AP mit Blick auf den Ausgang der US-Wahlen und zitiert einen Bush-Anhänger mit den Worten: „Herz und Seele Amerikas sind viel stärker in der Bibel, als viele ahnen.“ Der Wahlsieg von US-Präsident George W. Bush, der als „Wiedergeborener“ geschickt auf der Klaviatur der religiösen Gefühle vieler Amerikaner zu spielen versteht, dürfte zu einem guten Teil darauf zurückzuführen sein. Bereits im Wahlkampf 2000 reüssierte Bush mit der Parole: „Unsere Nation ist von Gott auserwählt und von der Geschichte beauftragt, ein Modell für die Welt zu sein.“ Mit gewissem Recht kann daher, wie es etwa Florian Rötzer in einem Beitrag für die Internetzeitung Telepolis getan hat, von den USA des George W. Bush als einem „Gottesstaat“ gesprochen werden. Dieser „Gottesstaat“ ist freilich in zwei Lager geteilt, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Die Mitte und der Süden der USA sind Kerngebiete der Republikaner, die „liberale“ Nordost- und Westküste klar in der Hand der Demokraten. Senator John Kerry war der Favorit der Gebildeten, der Frauen und unter 29jährigen. Darüber hinaus hatte er die mehrheitlichen Sympathien von Schwarzen (89 Prozent) und Asiaten (59 Prozent). Auch diejenigen, die unter 50.000 Dollar im Jahr verdienen, neigten Kerry zu. Dennoch reichte es für Kerry am Ende nicht – inzwischen wählen auch immer mehr katholische Latinos (42 Prozent) Bush, dessen Spanisch-Kenntnisse wohl nur ein Argument waren. Kerry verlor wohl auch deshalb, weil für die Amerikaner nicht der Irak-Krieg, die Wirtschaft oder der Kampf gegen den Terrorismus im Vordergrund standen, sondern das Thema „moralische Werte“. Diese gilt es bei Themen wie Homo-Ehen, Abtreibungsverbot, Keuschheit vor der Ehe oder Schulgebete zu bewahren und durchzusetzen. Bei regelmäßigen Kirchgängern erreichte Bush 64 Prozent – Kerry kam bei den Kirchenverweigerern (die in der USA eine Minderheit sind) auf 67 Prozent. In elf US-Bundesstaaten gab es zusammen mit der Präsidentenwahl Referenden gegen Schwulen-Ehen, die alle eine überwältigende Mehrheit fanden. Dieses Ergebnis ist ein eindeutiger Hinweis auf die aktuellen Präferenzen von Millionen US-Amerikanern. Vielen US-Christen erscheint Bush als ein von Gott Beauftragter, wie eine bei Telepolis zitierte E-Mail von Pastor Bill Keller, die dieser am Wahltag an zwei Millionen evangelikale Christen versandt hat, deutlich macht. Die Präsidentenwahl eröffne die Möglichkeit, so Keller sinngemäß, den Zorn Gottes zu besänftigen. „Um das Bedürfnis nach geistlicher Führung in dieser Nation zu schließen, ebnete Gott George W. Bush im Jahre 2000 den Weg in das Präsidentenamt, um in einer Reihe von drängenden geistlichen Fragen, deren Nichtthematisierung eines Tages den Zorn Gottes über diese Nation hätte bringen können, eine engagierte Führung auszuüben. Bush ergriff diese von Gott bereitete Möglichkeit in einer Art und Weise, wie es Joshua oder Moses taten.“ Diese Wahrnehmung steht in einem deutlichen Kontrast zum „satiretauglichen Polit-Pinocchio“ Bush, „dessen immer länger werdende Lügennase nicht nur von Michael Moore, sondern selbst von Nestbeschmutzern im eigenen Lager so fröhlich wie folgenlos denunziert werden durfte“ (Goedart Palm). Die ätzende Kritik linksliberaler Intellektueller an Bushs religiös inspiriertem Polit-Fundamentalismus hat dessen Wiederwahl nicht verhindern können. Die Demokraten gelten nicht mehr als die sozialere Partei Dies ist die eigentliche Überraschung des Wahlergebnisses: Die Folgen eines zweifelhaften Krieges, steigende Arbeitslosigkeit und sinkender Lebensstandard, Steuererleichterungen für die Reichen und Superreichen und ein Staatshaushalt bzw. eine Leistungsbilanz, die in eine gefährliche Schieflage geraten sind, haben dem Demokraten John F. Kerry nicht für den Sprung ins Weiße Haus gereicht. Bei der Suche nach den Gründen für dessen Niederlage wird man an der Feststellung nicht vorbeikommen, daß Kerry sich gegenüber Bush nicht hinreichend hat profilieren können. Die Demokraten haben mittlerweile sogar den Nimbus verspielt, die „sozialere“ der beiden großen Parteien zu sein. Der US-Demokrat Bill Clinton war 1992 mit der Parole angetreten, die für Millionen US-Bürger oft unbezahlbare Gesundheitsversorgung verbessern zu wollen. Nach seiner Amtsübernahme setzte er nach kurzer Zeit mehr oder weniger offen die Politik seiner republikanischen Vorgänger Ronald Reagan und George Bush sen. fort. Kerrys Ankündigung, die Steuervergünstigungen für hohe Einkommen zurücknehmen zu wollen, konnte dieses Bild nicht entscheidend revidieren. Kerry konnte Bush auch an dessen verwundbarster Stelle, nämlich beim Thema Irak-Krieg, keine Paroli bieten, weil er selbst – ebenso wie sein designierter Vizepräsident John Edwards – diesen Krieg befürwortet hatte. Kerry wußte nichts anderes zu sagen, als daß er diesen Krieg weitaus „effektiver“ als der amtierende US-Präsident geführt hätte. Angesichts derartiger Profillosigkeit verwundert es nicht, daß eine Mehrheit der US-Wähler (Wahlbeteiligung fast 60 Prozent) für Bush optierte. Diese Mehrheit ist eindeutiger, als es auf dem ersten Blick scheint. 58,9 Millionen Wähler sprachen sich für Bush aus – das ist historischer Rekord. So viele Wählerstimmen hat es noch nie für einen US-Präsidenten gegeben. Doch damit nicht genug: Die Republikaner konnten den Demokraten auch vier Sitze im Repräsentantenhaus (231 zu 200) und fünf Senatsposten (55 zu 44) abnehmen. ABC-Moderator Peter Jennings kommentierte deshalb dies laut Spiegel Online so: „Die liberalen Jahre Amerikas sind vorbei. Der Rest der Welt hat das nur noch nicht mitbekommen.“ Dieser „Rest der Welt“ (auch Deutschland) ist im Ganzen gesehen nicht unfroh darüber, daß Bush das Rennen gemacht hat. Gabriele Widmann, Volkswirtin der Deka-Bank, gab ganz pragmatisch zu Protokoll, daß Deutschland „ein bißchen froh sein könne, daß es nicht Kerry geworden ist, denn dann hätten wir mehr zahlen müssen für den Wiederaufbau des Irak. Damit haben wir für unsere öffentlichen Haushalte etwas gespart“. Das dürften insgeheim wohl auch eine Reihe deutscher Politiker so sehen. Deutschland und diejenigen EU-Staaten, die sich gegen den Irak-Krieg aussprachen, hoffen jetzt auf einen „Neuanfang“ in den transatlantischen Beziehungen. Wie es um diesen „Neuanfang“ bestellt ist, wird sich bald anhand der Frage des iranischen Atomprogramms zeigen, das noch im November vor die Vereinten Nationen kommen wird. Sollte Bush hier wieder einen militärischen Alleingang präferieren, dürfte es mit dem erhofften Neuanfang schnell wieder vorbei sein. Foto: Bush-Anhängerin bei Wahlveranstaltung: Nur elf Prozent der Schwarzen haben für den Amtsinhaber gestimmt, bei den weißen Wählern erhielt der Präsident hingegen 57 Prozent aller Stimmen

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