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Rückkehr zur Religion

Die in Deutschland lebenden Türken entdecken den Islam für sich wieder. So lautet das zentrale Ergebnis einer seit mehreren Jahren laufenden Studie des Essener Zentrums für Türkeistudien (ZfT). Dies bedeute aber nicht, daß gleichzeitig die Mitgliederzahlen der türkisch-islamischen Verbände steigen, so der Chef des ZfT, Faruk Sen. So ist die Zahl der Türken, die sich als „religiös“ bezeichnen, innerhalb der letzten vier Jahre von 59 auf 71 Prozent gewachsen. Der Anteil derjenigen, die sich als „besonders religiös“ bezeichnen, ist im selben Zeitraum von acht auf fast 20 Prozent sprunghaft angestiegen. Dagegen sank die Zahl der „eher nicht religiösen“ und „gar nicht religiösen“ Türken. Der Soziologe Sen erklärt die religiöse Renaissance der Türken vor allem als Reaktion auf eine „Aversion der Deutschen gegen den Islam“. Wichtig sei in diesem Zusammenhang, so Sen weiter, daß es sich weniger „um eine türkische als um eine kulturelle, islamische Identität“ handle. Darüber hinaus sei es auch kein Zeichen eines wachsenden Fundamentalismus, so Sen. Die Mitgliedschaft in religiösen Vereinen, Verbänden und Institutionen sei rückläufig, vermeldet das Essener Zentrum, welches jährlich 1.000 in Deutschland lebende Türken befragt. Darüber hinaus ist die Bildung sogenannter Parallelgesellschaften und die schlechte Integration besorgniserregend. Nach Angaben des ZfT leben etwa zehn Prozent der Befragten in solch abgeschotteten Verhältnissen. Diese hätten weder bei ihrem Arbeitsplatz noch im Privatleben Kontakt zu Deutschen. Dies zeigt sich auch in der „Heimatverbundenheit“ – nur 31 Prozent der türkischstämmigen Zuwanderer fühlen sich mit Deutschland verbunden, dagegen 39 Prozent mit ihrem Heimatland Türkei. Anzeichen der Segregation mehren sich In der Tat mehren sich die Anzeichen einer verstärkten Segregation der muslimischen Einwanderer, das räumen mittlerweile selbst die muslimischen Verbände ein. So spricht der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), Nadeem Elyas, in einem Interview mit der Tageszeitung vom Vertrauensverlust der Muslime. Dieser sei insbesondere durch die seiner Ansicht nach überzogenen Moscheen-Durchsuchungen der letzten Wochen noch verstärkt worden. Elyas wirft vor allem den bundesdeutschen Behörden vor, „leichtfertig“ mit den „Gefühlen der Muslime“ umzugehen. Das Verhältnis zum Staat sei akut gefährdet. Die Muslime zögen „sich zurück, andere sehen ihre Befürchtungen und Vorurteile bestätigt“, so der ZMD-Vorsitzende. Von einem zurückgehenden Interesse der Muslime an islamischen Verbänden mag man beim Zentralrat wenig wissen. So konnte der Medienbeauftragte des Verbands, Aiman Mazyek, im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT nicht bestätigen, daß der als sehr konservativ geltende ZMD Mitglieder verliere. „Im Gegenteil“, so Mazyek, „momentan sieht die Entwicklung sogar gegenteilig aus.“ Dem ZMD gehören derzeit 19 Dachorganisationen mit mehreren hundert Moscheegemeinden an. Dazu zählen unter anderem deutsche, türkische, arabische, albanische, bosnische und persische Muslime. Auch von den anderen großen Verbänden sind keine Negativ-Nachrichten über deren Mitgliedersituation zu hören. Im Gegenteil, es wird eher expandiert. So plant der türkisch dominierte Verband islamischer Kulturzentren (VIKZ) zur Zeit den Bau islamischer Schülerwohnheime, was ihm in Hessen bereits Probleme mit den Behörden bescherte (JF berichtete). Der VIKZ hat nach Medienberichten derzeit über 100.000 Mitglieder. Genaue Mitgliederzahlen zu bestimmen, ist kaum möglich Auch bei der mitgliederstarken Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) deutet nichts auf einen Mitgliederschwund hin. Die unter Verfassungsschützern und Islam-Experten als stramm fundamentalistisch geltende Organisation hat nach Angaben des Verfassungsschutzes etwa 27.000 Mitglieder. Die IGMG gilt als die gewichtigste nicht-staatliche türkisch-islamische Organisation in Deutschland. Die „Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion“ (Ditib) gibt ebenfalls keine Auskunft über schwindende Mitgliederzahlen. Die halbstaatliche Ditib untersteht direkt dem Präsidium für Religionsangelegenheiten, quasi dem Religionsministerium in Ankara. Dabei handelt es sich um eine direkt dem türkischen Ministerpräsidenten unterstellte Behörde zur Verwaltung aller Angelegenheiten der islamischen Religion und ihrer Ausübung. Hierzu gehören unter anderem die Einrichtung und Verwaltung von Moscheen, die Bestellung und die Besoldung des dafür notwendigen Personals. Nach eigenen Angaben hat die Ditib etwa 100.000 Mitglieder. Insgesamt ist es schwer, die Mitgliederzahlen der Verbände exakt zu bestimmen. Zu schnell, zu unübersichtlich wechseln muslimische Ortsvereine und Verbände ihre Namen und Mitgliedschaften. So kann ein türkisch-muslimischer Ortsverein weitgehend problemlos und diskret beispielsweise von der zur Zeit im Visier der Medien und Innenbehörden stehenden IGMG zur als gemäßigt und staatstragend geltenden Ditib wechseln. Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung geht davon aus, daß es insgesamt über 2.000 türkisch-islamische Organisationen in Deutschland gibt, deren Mitgliederzahl sich irgendwo zwischen 100.000 und 500.000 bewegt. Allein diese Unübersichtlichkeit macht die empirische Feststellung des ZfT, die Verbände verlören an Mitgliedern und damit an Einfluß, problematisch.

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