Mauergedenken „Sache der öffentlicher Institutionen“

Wieviel Mauer braucht Berlin?“ Unter diesem bewußt provokativ gewählten Titel fand am Montag eine Podiumsdiskussion im Berliner Verlagshaus statt, in der eine Bilanz über den Stand der Erinnerungskultur anhand jenes Bauwerks gezogen werden sollte, welches in den über 28 Jahren seiner Existenz für viele hundert Menschen zur Todesfalle wurde. Eingeladen waren der Berliner Kultursenator Thomas Flierl (PDS), der SPD-Bundestagsabgeordnete Stephan Hilsberg, das Vorstandsmitglied der Mauer-Gedenkstätte in der Bernauer Straße Gabriele Camphausen, die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft 13. August, Alexandra Hildebrandt, sowie – als unmittelbar Betroffener und Zeitzeuge – ein Bruder des am Mauerstreifen erschossenen Silvio Proksch. Anlaß und damit zugleich Schwerpunkt der Diskussion war die öffentliche Debatte über das auf Initiative von Hildebrandt errichtete „Freiheitsdenkmal“ auf einem Mauergrundstück am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie (JF 49/04). Seit dem 31. Oktober dieses Jahres erinnern 1.067 Holzkreuze an die Opfer, die beim Versuch, die Mauer zu überwinden, ihr Leben lassen mußten, und an viele weitere Opfer der innerdeutschen Grenze. Hildebrandt erklärte, der Grundgedanke dieser Konzeption sei gewesen, ein Denkmal zu errichten, welches sich „auf den ersten Blick“ erschließe. Deshalb habe man die Kreuze gewählt, in direkter Fortsetzung des bereits in dieser Form durch den verstorbenen Rainer Hildebrandt im Jahre 1990 errichteten Gedenkkreuzes für Burkhardt Nieling. Die Errichtung einer Mauergedenkstätte in privater Initiative begründete Hildebrandt damit, daß die von der Stadt beziehungsweise dem Bund errichteten Gedenkstätten oftmals entweder zu komplex oder unkenntlich seien. In beiden Fällen bestehe die Gefahr, daß Besucher nur in ungenügendem Maße emotionalisiert würden und die anfängliche Lust an einem Thema schnell in Gleichgültigkeit umkippe. Dagegen verteidigte Kultursenator Flierl das bestehende städtische Gedenkstättenkonzept. Zwar begrüße er Privatinitiativen wie die von Hildebrandt, durch die eine rege Diskussion über diesen Gegenstand ausgelöst worden sei. Die Erfahrungen aus diesen Debatten könnten dann in der neuen Gedenkstättenkonzeption berücksichtigt werden. Dennoch sei das Gedenken gerade an die Berliner Mauer primär eine „Sache der öffentlichen Institutionen“, private Denkmäler könnten lediglich eine „Ergänzung“ darstellen. Weitgehende Einigkeit bestand in der Auffassung, daß die Denkmäler in der Stadt in ihrer aktuellen Form nicht ausreichten, insbesondere bei Besuchern mit sehr wenigen persönlichen Erinnerungen an dieses „Bauwerk“ Interesse zu wecken. Gerade die rege Beteiligung einer breiten Öffentlichkeit an den Debatten um den von Hildebrandt geschaffenen Gedenkort zeige, daß in diesem Fall die beabsichtigte Emotionalisierung und Sensibilisierung für die Thematik gut gelungen sei – wenngleich in kontroverser Form. Dieses Ziel sei bislang in der Bernauer Straße nur in begrenztem Maße erreicht worden, räumte das dortige Vorstandsmitglied Camphausen selbstkritisch ein. Im Verlauf der Podiumsdiskussion zeigte sich, von welcher Bedeutung ein breites öffentliches Interesse ist, um – speziell in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche – den Erhalt von Originalobjekten zu ermöglichen, welche später zur Schaffung von Erinnerungsstätten am authentischen Ort dienen können. So beklagte Hilsberg den radikalen Abriß der Mauer in den ersten Monaten des Jahres 1990, den er auf ein „schlechtes Gewissen“ sowie den Versuch des „Verdrängens“ zurückführte. Allerdings existierte zu diesem Zeitpunkt keine Lobbyistengruppe für eine Erinnerungsstätte, und die Forderung nach einer schnellen Beseitigung dieser besonders perfiden Hinterlassenschaft des Sozialismus wurde von einer klaren Mehrheit der Bevölkerung getragen. Bei den zahlreichen Beiträgen aus dem Publikum – darunter vieler Opfer des kommunistischen Terrors – wurde mehrfach mit deutlichen Worten kritisiert, daß mit Kultursenator Flierl ein Mann für die Ausarbeitung des neuen Gedenkstättenkonzeptes die Verantwortung trage, dessen Partei sich als Erbe der kommunistischen Einheitspartei kaum dazu eigne, als erster Ansprechpartner für das perfideste Relikt der DDR-Geschichte zu dienen. Auf diesen Punkt ging Flierl während der Diskussion ebensowenig ein wie auf vereinzelte Forderungen nach seinem Rücktritt aus dem Amt. Stellvertretend für ihn sagte jedoch Hilsberg, daß er sich die Ansprechpartner vor Ort „nicht aussuchen“ könne, solange diese aus den Ergebnissen demokratischer Wahlen hervorgegangen seien, worauf er reichlichen Widerspruch nicht nur aus dem Publikum, sondern auch von Hildebrandt erntete.

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