Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Erziehung zum Handeln und Denken

Ein Drittel der Klassenkameraden meiner ältesten Tochter stammt aus Familien mit vier oder mehr Kindern. Angesichts der Tatsache, daß es sich nicht um eine Privatschule mir ausgewähltem Profil handelt, sondern um die örtlich zugewiesene Grundschule, ist das als Zufall anzusehen. Um so mehr, da in unserem Bundesland – Sachsen-Anhalt – durch anhaltenden Fortzug und wirtschaftliche Sorge die Alterspyramide weit deutlicher kopfsteht als in anderen Ländern. Eine der Schülerinnen, mit vier Geschwistern lebend, wurde seit den Sommerfreien nur ein einziges Mal in der Schule angetroffen. Vor wenigen Wochen wurde sie mit ihren Brüdern und Schwestern in ein Kinderheim überantwortet. Ein anderes Mädchen, deren viertes Geschwister in einigen Monaten geboren werden wird, ist häufiger mit ihrer sechsjährigen Schwester bei uns zu Gast. Die Mama kocht nie, heißt es. Die spielt Computer. Die Kinder müssen sich selbst anziehen aus den Säcken, die in der Wohnung herumliegen, und das geht meistens schief: zu große Plateausandalen, bauchnabelfrei unter dünner Strickjacke – so oder ähnlich machen sich die beiden auf den Weg. Hals- und sogar Lungenentzündungen zählen hier zu regelmäßigen Hauskrankheiten. Ein werkneuer Van steht jedoch seit kurzem vor dem kleinen Eigenheim. Ein weiterer Junge aus der Klasse der Tochter hat fünf Geschwister, er ist modemäßig zwar aktuell ausgerichtet, doch er fehlt im Unterricht häufig, und wenn Klassenarbeiten zurückgegeben werden, ist klar, wem die Sechs im Notenspiegel zugeordnet werden muß. Von diesen drei Elternpaaren wurde auf Klassenabenden nie jemand gesichtet. „Klar, die haben daheim genug zu tun“, sagt dann die Klassenlehrerin und schaut dabei zu Boden. Woher genau die werdenden Eltern die Idee hatten, ihr Kind nicht in einem Kliniksaal zur Welt zu bringen, sondern im behaglichen Heim oben auf der Alm, wissen sie heute gar nicht mehr genau zu sagen. Das heißt, Gründe genug hatten Hiltrud und Bernd Bauer wohl: dem Sterilen, dem als unangebracht empfundenen technischen Aufwand, wollte man entgehen. Jedoch waren Hausgeburten seinerzeit alles andere als ein Trend – selbst heute kann bei unter einem Prozent häuslicher Niederkünfte nicht wirklich von einer Mode geredet werden. So etwas wie eine alternative Szene, eine, die eine Rückkehr zur außerklinischen Geburt vorgelebt hätte, kannte das Paar nicht, sie griffen auch nicht auf nahe familiäre Vorbilder zurück. Eine Hausgeburt galt ihnen nicht als Wagnis, das es zu bestehen gelte, es war vielmehr gesunder Menschenverstand, der eine Krankenhausbetreuung obsolet erscheinen ließ. Schließlich ging es doch um die natürlichste Sache der Welt. Und frei zu sein von Zwängen des Zeitgeistes und der öffentlichen Meinung, das beanspruchten die Bauers von Beginn ihres gemeinsamen Lebensweges an für sich. Eine Geburt, sagen sie, sei doch so etwas Persönliches, Intimes. Ihr gegenseitiges Vertrauen habe Angst und Sorge vor Komplikationen nicht aufkommen lassen. Die Wehen setzten unverhofft heftig ein, und während Bernd Bauer ins Tal hinunter, einen anderen Berg wieder herauf fuhr, um die Hebamme wie verabredet abzuholen, wurde der kleine Gotwin geboren. Für die glücklichen Eltern offenkundig ein Erlebnis mit Nachahmungswert: Im Verlauf der nächsten zweiundzwanzig Jahre wollte die Hälfte ihrer Kinder die Ankunft einer Geburtshelferin nicht abwarten. Das sind in der Summe sechs Säuglinge, deren Geburt Hiltrud und Bernd Bauer ohne fremde Hilfe bewerkstelligten. Dies waren sämtlich die allerschönsten Geburtserlebnisse, schwärmt das Ehepaar einmütig noch heute. Die Bauers, das sind Mann, Frau und zwölf Kinder. 31 Jahre Pflege und Sorge liegen hinter Hiltrud Bauer Jedes Kind kostet einen Zahn, weiß der Volksmund. Bessere Vorsorge und moderne Medizin mögen den Spruch relativieren, trotzdem braucht man nicht das Müttergenesungswerk mit seiner Klientel aus erschöpften Ein- und Zweifachmüttern zu bemühen, um zu wissen, daß Schwangerschaft und Geburt – vom nervlichen Tribut der Erziehungsarbeit gar nicht zu reden – die Gesundheit der Mutter strapazieren können. Dreizehn Geburten – ein Säugling starb den plötzlichen Kindtod – hat Hiltrud Bauer hinter sich, dreizehnmal neun Monate wuchs ein Kind in ihr, einunddreißig Jahre Pflege und Sorge liegen hinter der Frau mit den sorgsam hochgesteckten Haaren. Doch gesundheitliche Probleme? Hiltrud Bauer schüttelt den Kopf. Gut, seit einigen Jahren habe sie gelegentlich Probleme mit den Knien, aber ansonsten blühte mit den Kindern stets auch das Leben der Eltern. Schaut man die Mutter an, wird die Glaubwürdigkeit dieser Aussage unterstrichen: Unter dem grau gesträhnten Haar ist das Gesicht straff und frei von Sorgenfalten. Die Mutter ist sicher, daß das auch der gesunden Ernährung zu danken ist. Die Bauers führten einen Laden für Reformkost, und auf den Tisch kam nur Vollwertiges, zuckerfrei und bißfest. Für die Bewegung sorgten die Kinder, die recht zuverlässig im Zweijahresrhythmus geboren wurden. Nach fünf Buben kam das erste Mädchen, heute liegt das Geschlechterverhältnis bei neun zu drei. Während des Gesprächs schaut gelegentlich eines der sechs Kinder, die heute noch bei den Eltern wohnen, in die Stube. Einmal springt die Tür auf, und hinter einem zügig hereindrängenden Mischlingshund wird der elfjährige Thorwald ins Zimmer gezogen. Der Hund ist neu im Hause, der jüngste Sohn will ihn verantwortlich pflegen und klagt, der dem Tier zugewiesene Platz werde einfach nicht angenommen. Ruhig gibt die Mutter Ratschläge, verteilt nebenbei kleine Aufgaben an die neunjährige Thorgard: Ein Kaffeegedeck fehle noch, ob sie es bitte aus der Küche holen könne? Selbständig handelten die Kinder von kleinauf, und dahinter steckt kein pädagogischer Drill, sondern der Versuch, ihre Kinder zu einer bewußt wahrgenommenen Selbständigkeit im Handeln und Denken zu erziehen. Und nicht zuletzt: die schlichten Notwendigkeiten, die sich aus dem Zusammenleben in einer so großen Familie ergeben. Die Bauers erinnern sich lächelnd daran, wie der damals fünfjährige Reinhard die Hebamme aus eigenem Antrieb zuverlässig mit Kaffee und Tee versorgt hatte, als die Mutter gerade wieder im Wochenbett lag, und schließlich sogar mit einem kleinen selbstgebackenen Kuchen auftrumpfte. Das pragmatische Selbstverständnis, das Frau Bauer ausstrahlt, ihre in sich ruhende Art, wird von ihrem Mann gewissermaßen theoretisch untermauert. Die heute so gängige individualistische Glücksverheißung als obersten Maßstab hält der Familienvater für fatal. Wo das Glücksversprechen gar als Leitmotiv einer staatlichen Verfassung vorsteht, da könne das Leben nur flach sein, seicht, ohne Tiefe und dauerhaften Bestand. Größe, und letztlich auch wahre Freude, sei nur denkbar, wo auch „Knochenarbeit“ überstanden wurde. „Saure Arbeit, frohe Feste“, zitiert Bauer ein Dichterwort. Das beginnt beim Windelnwechseln und endet freilich nicht dort. „Einen schmutzigen Kinderpopo sauberzumachen, das ist nicht das pure Glück, natürlich ist es das nicht“, spricht der zwölffache Vater aus Erfahrung und meint damit: Wo das Glücklichsein gesellschaftlich zum Ziel und Selbstzweck geworden ist, müssen natürlich Ehen spätestens an den Härten unliebsamer Pflichterfüllung zerbrechen, werden Kinder selten – der Oberflächenglanz der ewigen „Happiness“ scheint auf einfacheren Wegen zu erhaschen sein, nämlich kinderlos. „Kein Kind, eines oder zwei – meine Güte, ich bin doch kein geistiger Kleinrentner!“ begehrt Bauer auf. Bernd Bauer ist ein großgewachsener, schlanker Mann, dunkelbraune Haare, Vollbart: eine Autorität. Bis zu seiner Pensionierung war er als Unternehmensberater tätig. Belesen ist er und wohlbedacht seine Worte, fest und bestimmt seine Stimme und bei aller Strenge doch gewinnend. Das mag zum einen am weichen wienerischen Akzent liegen. Zum anderen aber merkt man, daß hier einer spricht, der weiß, wovon er redet, und darüber hinaus: der seit je darum ringt, seinem Leben eine Begründung zu geben. Wer ein Dutzend Kinder bewußt in die Welt gesetzt hat, muß sich denkbar häufig dafür rechtfertigen. Bisweilen auch vor dem einen oder anderen eigenen Kind, das diese Lebensplanung nicht nahtlos fortsetzen mag. Der dreißigjährige Sohn Richard lebt seit Jahren mit Frau und Kind – einem von bislang sieben Enkeln der Bauers – zusammen, ohne geheiratet zu haben. Da geht es Argument gegen Argument, Wahrheit und ewige Gesetzmäßigkeit, wie Bauer es nennt, gegen die bequemen Ausreden, die einem das moderne Leben nun mal offen bereithält. Kein Volk habe je ohne das Ritual der Eheschließung überlebt, beharrt Bernd Bauer, dagegen möge die moderne Soziologie noch so verführerische Scheinargumente anführen. Die Bauers haben ihre Kinder nicht am Fließband erzogen, sondern ihnen das Rüstzeug zu einem freiem, selbstbestimmten Leben mitgegeben. Die bereits erwachsenen Kindern leben sämtlich weit entfernt von austauschbaren Lebensentwürfen am Bürotisch als Künstler, Handwerker oder der Schnittmenge aus beidem. „Saure Arbeit, frohe Feste“, zitiert Bauer das Dichterwort Auch die Ehefrau kennt befremdete, zum Teil vorwurfsvolle Blicke zur Genüge. Die Geburtenquote im Nachbarland Österreich unterscheidet sich schließlich nicht wesentlich von der bundesdeutschen, die recht hohe durchschnittliche Kinderzahl von 2,9 pro Elternpaar wird durch ein deutliches Plus an kinderlosen Frauen aufgewogen. So ab dem dritten, vierten Kind, erzählt Hiltrud Bauer, habe es von allen Seiten geheißen: Das ist jetzt aber wirklich das letzte, oder? Unverschämt sei ihr solche vorgebliche Besorgnis immer vorgekommen – „Ich frage doch auch niemanden, wann und ob überhaupt das nächste Kind geplant ist!“ empfindet sie noch heute ihre damalige Entrüstung nach. „Irgendwann habe ich mir die Antwort angewöhnt, daß unser Plansoll bei zwanzig Kindern liegt. Dann war meistens Ruhe“, beschreibt sie ihren Umgang mit den entsetzten Fragestellern. Auch solche Supermarktbesuche sind ihr in Erinnerung, wo ein Kind an der Hand ging, eins vorn saß, ein weiteres im Wagen drin, bis es den Lebensmitteln ausweichen mußte, und dann vielleicht noch ein sichtbar schwangerer Bauch. „Wenn dann andere Mütter kopfschüttelnd stehenblieben, hab ich nur gedacht: ja, aber dein eines Gör quengelt, daß es durch die ganze Einkaufshalle schallt, meine dagegen haben gelernt, sich sozial in einer Gemeinschaft zu verhalten.“ Gängig war auch die Nachrede, die Kinder seien wohl da, damit die Eltern an der Erziehungsbeihilfe verdienen können. Bei solcher Unterstellung fehlen dann tatsächlich erstmal die Worte. Allein die Schulzeit, sagen die Bauers, gehe schon tüchtig ins Geld, viele Bücher werden heute nicht entliehen, sondern müssen gekauft werden. Auch die Monatskarten für den Bus werden nicht gestellt, von den fast jährlichen und immer entfernteren Klassenfahrten ganz zu schweigen. Ein der Arbeit und dem finanziellen Aufwand angemessenes Müttergeld würde Hiltrud Bauer für angebracht halten, das könnte manche Rechnerei ersparen und die kleinen Nebenjobs, die sie pflegt, überflüssig machen. Dennoch geben die Bauers viel auf einen volkstümlichen Spruch, den sie gern zitieren: „Gibt der Herr ein Haserl, so gibt er auch ein Graserl.“ Die Zeiten, als Kindergeld noch ein zu vernachlässigendes Almosen war, haben die Eltern miterlebt. Satt ist die Familie dennoch immer geworden, auch wenn an größere Sonderwünsche oder Urlaub nicht zu denken war. Und als die Bauers umzogen, mußten gleich mehrere Laster fahren, und die großen Kinder kamen per Autostop hinterher, so wie das vielerorts auch in Jugendbünden eine ganz übliche Art der Mobilität ist. „Geht nicht gibt’s nicht“, lautete stets die pragmatische Antwort der Eheleute auf solche Probleme, die andere Menschen allein aus der Größe der Familie befürchten. Die Angst der Menschen sei immer der größte Hemmschuh, meint Herr Bauer: Die Leute heiraten nicht aus Angst vor einer Scheidung, sie fürchten ihre Fruchtbarkeit aus Angst vor Einschränkungen – die Angst sei es, die heute so gerne und allenthalben geschürt werde und allem Wesentlichen im Weg stehe. Gab es für die Mutter nie das Bedürfnis nach Freizeit, nach etwas Ruhe; entspannte Zeit für sich selbst? Bereits Mütter nur eines Kindes klagen häufig über Erschöpfung und mangelnde Ruhe – gepaart mit Langeweile. „Klar“, bestätigt Hiltrud Bauer, „mit einem oder zwei Kindern, da ist es schon so, daß einem mal die Decke auf den Kopf zu fallen scheint. Dieser Zwang, das Kind dauernd zu bespielen, ihm tatenlos auf der Rutsche, im Sandkasten zuzusehen. Mit dem vierten, fünften Kind, da wird der ‚Beruf Mutter‘ so richtig erfüllend, da kann von geistiger Unterforderung keine Rede mehr sein.“ Dabei war Unterforderung so eigentlich nie ein Thema für Familie Bauer. Großelterliche Hilfe war nie gegeben, stets hatten die beiden sich allein um Haus und Kinder zu kümmern. Eine Zeitlang galt es für Hiltrud Bauer zusätzlich, die demenzkranke Schwiegermutter zu pflegen, eine mühsame Anstrengung, die den Alltag der Kinderbetreuung bei weitem übertraf. Staatliche Entlastung bei der Erziehungsarbeit hat sie niemals vermißt, nur die beiden jüngsten Kinder haben einen Kindergarten besucht. Eigene Werte und Normen zu prägen, war den Bauers wichtiger – eine Verpflichtung, betont der Vater. Eine Unterstützung bei der Hausarbeit hätte sich die Mutter schon sehr gewünscht: jeder – „Niemand!“ sagen die Bauers – kann sich vorstellen, welche Zeit die Führung eines vierzehnköpfigen Haushalts beansprucht. Wie ist das nun mit der Entspannung, der Zeit für eigene Hobbys? Im Grunde, denkt Frau Bauer zurück, sind die eigenen Interessen mit denen der Kinder zusammengetroffen, und für alles andere gab es doch immer die Abende, wenn es ruhig im Haus wurde. Sie habe, auch weil es am musikalischen Fleiß der Kinder oft mangelte und sie selbst ein Vorbild abgeben wollte, sich das Musizieren am Hackbrett beigebracht und daneben die Bauernmalerei für sich entdeckt. Das seien immer Stunden der Muße für sie gewesen, sagt Frau Bauer. Sie erinnert sich noch an die Worte einer ehemaligen Schulkameradin, die zum Klassentreffen einlud mit den Worten: „Deine Kinder läßt du halt mal zu Hause und gönnst dir ein, zwei freie Tage zum Entspannen.“ Natürlich ermöglichte sich die Mutter den kinderfreien Abend, doch keine Rede davon, daß die „Freiheit“ von der Familie ein langersehnter Wunsch gewesen sei, im Gegenteil: Die Kinder, das waren seit je der ersehnte und glücklich erfüllte Lebenswunsch. Vor vier Jahren haben die Bauers einen Gutshof gekauft Als zweitälteste von sieben Geschwistern hat Hiltrud Bauer, die bei Karlsruhe aufgewachsen ist, schon in ihrer Jugend viel und gern bei den jüngeren Geschwistern geholfen. Gestreßt und überarbeitet habe sie sich niemals gefühlt, auch später mit den eigenen Kindern nicht, versichert sie. Tatsächlich sind Hektik und nervöse Anspannung Attribute, die so gar nicht zu der Fünfundfünzigjährigen passen wollen. Die Bauers haben viel erlebt, Großes geschaffen. Vor vier Jahren nun haben sie einen verfallenen Gutshof erworben. Er stand lange leer, weil sich kein Eigentümer finden wollte – die Angst vor der immensen Verantwortung war wohl zu groß. Verantwortliches Handeln aber ist den Bauers eine Selbstverständlichkeit. Eine neue, große Aufgabe liegt vor der vierzehnköpfigen Familie.

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