Joachim Kuhs

 

Eine Moschee im Schrebergarten

Wenige Monate vor der Aufnahme in die EU ist in Slowenien eine Auseinandersetzung über die im Lande lebenden Moslems entbrannt. Es handelt sich um 47.488 Personen, die meist aus Bosnien, Mazedonien oder dem Kosovo zugewandert sind, insgesamt um 2,4 Prozent der zwei Millionen Einwohner. Fast alle von ihnen haben sich noch in der Zeit Tito-Jugoslawiens im Lande südlich der Karawanken angesiedelt. Sie waren – und sind in gewissem Maße bis heute – „innerjugoslawische Gastarbeiter“, die vom höheren Lebensstandard Sloweniens profitieren wollten. Wer aus irgendwelchen Gründen nicht nach Österreich oder Deutschland konnte oder wollte, dem blieb Slowenien als „Ersatzwesten“ – jedenfalls mit Verdienstmöglichkeiten, die erheblich über dem Niveau der östlichen und südlichen Landesteile des damaligen Tito-Jugoslawien lagen. Unter den Zuwanderern befand sich auch eine nicht unbeachtliche Zahl von Moslems. Diese brachten in das idyllisch erscheinende, mediterran-alpine Slowenien den Geruch des Balkans und eine zumindest ungewöhnliche Religion mit. Viele Slowenen (die zumeist Katholiken oder auch wie in Deutschland oder in Skandinavien zunehmend Atheisten sind) empfanden die moslemische Einwanderung ähnlich als Überfremdung, wie das in anderen Ländern Mitteleuropas angesichts orientalischer Sitten und Gebräuche (man denke nur an die „Kopftuch“-Diskussionen in Deutschland und Frankreich) auch der Fall ist. Hinzu kommt ein politischer Hintergrund: die zugewanderten Moslems sind gewissermaßen Kinder Tito-Jugoslawiens. Die Unabhängigkeit Sloweniens bedeutete ihnen nicht viel. Ein slowenisches Nationalgefühl kannten sie kaum – schließlich waren sie Bosnier, Albanier oder Mazedonier: Angehörige von Völkern mit ganz eigener Kultur, Religion und Sprache. Manche von ihnen hoffen insgeheim, eines Tages würde das „einheitliche“ Jugoslawien wiedererstehen, als man noch ohne Paß- und Grenzkontrollen von Laibach/Ljubljana nach Sarajevo oder Skopje reisen konnte. Ob das Mißtrauen, mit dem viele Slowenen auf ihre moslemischen Landsleute bzw. Mitbewohner schauen, gerechtfertigt ist, muß sich erst zeigen. Einstweilen ist um die Errichtung einer Moschee und eines islamischen Kultur- und Religionszentrums in der slowenischen Hauptstadt ein heftiger Konflikt entbrannt. Die moslemische Glaubensgemeinschaft weist darauf hin, daß das spätere islamische Oberhaupt im „sozialistischen“ Jugoslawien, Naim efendi Hadzibasic, bereits im Sommer 1969 bei der Laibacher Stadtverwaltung einen Antrag auf Errichtung eines islamischen Zentrums samt Moschee gestellt habe. Schon damals erklärte der slowenische Denkmalschutz, daß ein solches Projekt nicht in das kulturelle und historische Ambiente passé. So blieb das Projekt zwischen Schubläden und Aktendeckeln liegen. Erst im Sommer 1999 stellten die slowenischen Moslems einen weiteren Antrag auf Baugenehmigung – diesmal außerhalb der historischen Stadtgrenzen. Von dem Gelände, auf dem sich heute Schrebergärten befinden, heißt es, es sei nicht ganz überschwemmungssicher sein. Der Sekretär der islamischen Gemeinschaft in Slowenien, Nevzet Poric, kündigte an, das künftige islamische Zentrum werde zwei Hektar umfassen, einschließlich eines Parkplatzes. Im Zentrum befindet sich das Bethaus, ein Hof, ein Teelokal und ein Restaurant „mit bosnischer Küche“ (wie ausdrücklich vermerkt wurde) sowie ferner ein Souvenirgeschäft, eine Bibliothek und Wohnungen für die Geistlichen. Das Zentrum solle allen offenstehen – ausdrücklich auch den Nicht-Moslems. Das Interesse an der islamischen Kultur, so die Sprecher der Gemeinschaft, sei in letzter Zeit stark angewachsen. Da der Baugrund samt Umgebung Überschwemmungsgebiet ist, muß auch das Hochwasserproblem gelöst werden. Ein weiteres heißes Eisen sind die Kleingärten: Die Moschee soll elf Meter, die Kuppel 18 und das Minarett 27 Meter hoch sein. Die Kleingärtner meinen, das sei zu hoch, besonders für dieses nichtverbaute Gebiet. Außerdem fürchten viele Anwohner den Lärm, der nicht nur durch zahlreiche Besucher, sondern fünfmal am Tag auch durch den Muezzin entstehen könnte, der die Gläubigen – wie auch in der islamischen Welt inzwischen üblich über Lautsprecher – mit dreiminütigem Gesang (Ezan) zum Gebet ruft. Die slowenischen Behörden betonen, der Geräuschpegel des Islam-Zentrums müsse sich an die allgemein gültigen Vorschriften halten: 42 Dezibel während der Nachtstunden und 52 am Tage. Die slowenischen Befürworter des Baus verweisen auf die Tatsache, daß es nur zweimal im Jahr zu größeren Menschenansammlungen um das Zentrum kommen dürfte: etwa an hohen moslemischen Feiertagen wie dem Opferfest Kurban Bajram. Trotz relativ beruhigender Aussagen der Raum- und Städteplaner denken die slowenischen Kleingärtner nicht daran, ihren Widerstand gegen die „Islamisierung“ aufzugeben. Die slowenische Regierung wiederum hält sich bedeckt und sucht die Angelegenheit herunterzuspielen. Man will angesichts der bevorstehenden EU-Aufnahme auf jeden Fall den Eindruck vermeiden, die Slowenen seien „fremdenfeindlich“. Immerhin formiert sich an der Basis das Unbehagen. Auf einer Einwohnerversammlung traten Sprecher auf, die sagten, die Moslems hätten kein Recht, in der alpenländischen Umgebung irgendwelche „Zentren“ zu errichten, die – buchstäblich – nicht in die Landschaft Sloweniens passen. Auch das Argument kam zur Sprache, die Moslems seien keine sicheren Kantonisten, weil durch sie Slowenien in den Einfluß- und Aktionsbereich des islamischen Terrorismus geraten könne. Die Gegner des Projekts hegen den Verdacht, daß hier nicht so sehr ein religiöses als vielmehr ein politisches Zentrum entstehen könnte. So also stoßen sich die Tatsachen im Raum. Ein slowenischer Raumplaner meinte: Für welche Version und Lokation sich die „slowenischen“ Moslems auch entscheiden würden – sie würden stets einen Proteststurm bei vielen einfachen Menschen ernten, denen die Gäste aus den Schluchten des Balkans nicht geheuer sind. In diesem Zusammenhang wird in meist linken Publikationen darüber geklagt, daß die Slowenen gegenüber anderen Kulturen und Religionen nicht genügend „offen“ seien. Wie zu erkennen, sind die Probleme überall in Europa sehr ähnlich. Für Slowenien mag die jetzige Zahl moslemischer Zuwanderer „noch“ erträglich sein. Was aber geschieht, wenn sich der Zuwanderungsdruck aus dem Südosten so verstärken sollte, daß die Zahl der Moslems plötzlich statt auf 2,4 auf zehn, fünfzehn oder gar zwanzig Prozent emporschnellt? Noch haben die Slowenen einen Vorteil: Sie sind als Zielland für Asylanten nicht interessant (sprich „profitabel“). Wenn sich aber durch die EU-Mitgliedschaft auch hier die Unterschiede abschleifen – dann steht auch Slowenien (wie andere EU-Aspiranten) vor den gleichen Problemen wie Deutschland, Frankreich oder Österreich. In diesem Sinne könnten die (noch nicht gebaute) Moschee und das islamische Zentrum von Laibach – ein Menetekel dafür sein, daß auch Slowenien, das so stolz auf seinen „Ausstieg“ aus dem jugoslawischen Balkan-Kessel war, diesem Balkan doch nicht so schnell entkommen kann.

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