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Das Rauschgift kommt vom Hindukusch

Spötter meinen, in Afghanistan eine Demokratie aufzubauen sei ungefähr genauso schwierig wie eine Eiskunstlaufweltmeisterschaft mitten in der Sahara abzuhalten. Für das, was man landläufig darunter versteht, fehlen am Hindukusch in der Tat praktisch alle Voraussetzungen. Schon von einem einheitlichen Staatsvolk kann im von Stammesrivalitäten und Bürgerkriegsarmeen gespaltenen Afghanistan keine Rede sein. Das Gewaltmonopol der Regierung hängt davon ab, wie weit die Nato es durchzusetzen bereit ist. Trotzdem ist die „Geberkonferenz“, die vergangene Woche in Berlin tagte, fest entschlossen, für „den Aufbau der Zivilgesellschaft“ Milliarden zu investieren. Auch Deutschland ist mit einem dreistelligen Millionenbetrag dabei. 8,2 Milliarden Dollar haben die 65 Teilnehmer aus 56 Ländern und neun internationalen Organisationen in Berlin der afghanischen Regierung zugesagt. Das ist zwar weniger als die von Präsident Hamid Karzai zu Beginn geforderten 28 Milliarden, aber doch mehr, als viele im Vorfeld erwartet hatten. Allein im ersten Jahr sollen 4,4 Milliarden Dollar fließen. Soviel kostet die westliche Militärpräsenz in Afghanistan nach Expertenschätzungen in einem einzigen Monat. Die Teilnehmer der Geberkonferenz verpflichteten sich in einer „Berliner Erklärung“, den „Wiederaufbau Afghanistans als gemeinsame Unternehmung“ fortzusetzen. Die Verschiebung der geplanten Wahlen von Juni auf September war dabei allerdings kein gutes Omen. Nur 1,5 der rund zehn Millionen Wahlberechtigten haben sich nämlich bisher überhaupt registrieren lassen. Ob die „Registrierungskampagne“, die auch Deutschland mit zusätzlichen Mitteln unterstützen will, in der verlängerten Frist das avisierte Ziel von wenigstens 70 Prozent Registrierten schafft, ist angesichts des hinhaltenden Widerstands örtlicher Führer und der anhaltenden Kampfhandlungen in einigen Gebieten fraglich. Wolkig blieb unter diesen Voraussetzungen, welchen Nutzen die verabredete „weitere Unterstützung zur Stabilisierung der Sicherheitslage“ faktisch bringen könnte. Die fragile und trügerische Ruhe in Afghanistan beruht offenkundig darauf, daß Präsident Karzai – von Kritikern im In- und Ausland gern als „Bürgermeister von Kabul“ verspottet – sich in die Belange der selbstherrlichen Warlords in den Provinzen nicht allzusehr einmischt. Die von der Nato beabsichtigte Entsendung weiterer fünf „Regionaler Wiederaufbauteams“ bis zum Sommer vergrößert die Zahl der potentiellen Reibungsflächen ebenso wie die Selbstverpflichtung der afghanischen Regierung, im selben Zeitraum die Mitgliederzahl der diversen Privatarmeen und Milizen von 170.000 auf 100.000 zu reduzieren. Eine völlige Auflösung ist auch für die Zukunft wohlweislich nicht ins Auge gefaßt. Mit welchen Mitteln Kabul dem Nachdruck verleihen soll, ist kaum zu erkennen. Im Gewirr von Drogenkriminalität, Taliban, al-Qaida-Kämpfern und regionalen Warlords gestaltet sich die Lage und Erfolgsaussicht der ISAF-Truppe (International Security Assistance Force) somit weitaus weniger sonnig und optimistisch als in den visionären Reden der Politiker auf der Berliner Geberkonferenz. Soeben mußte die internationale Truppe im Kosovo feststellen, daß sich multiethnische Idyllen nicht befehlen lassen und die Zwangsbeglückten irgendwann das Schicksal in die eigenen Hände nehmen und die bewaffneten internationalen Friedensbringer ziemlich hilflos danebenstehen lassen. Stillschweigend wurde das Prognosemaß für die Dauer des Engagements von „Jahre“ auf „Jahrzehnte“ erhöht, das Wort vom „Protektorat“ macht schon die Runde in EU-Kreisen. In Afghanistan könnte die Entwicklung durchaus ähnlich verlaufen, sollten sich ein oder mehrere regionale Machthaber von der internationalen Präsenz zu sehr bedrängt fühlen. Voraussagen für den Tag des Abzugs wagt derzeit keiner: Man wolle ISAF und die US-Operation „Enduring Freedom“ so lange fortsetzen, bis die afghanischen Sicherheitskräfte „ausreichend funktionieren“ und „selbsttragende Stabilität“ erreicht würde, heißt es im Operationsplan. Strucks Truppe gräbt sich bereits zur dauerhaften „Verteidigung Deutschlands am Hindukusch“ ein und errichtet derzeit in Kunduz eine gemauerte Kaserne für zwölf Millionen Euro. Knackpunkt des Engagements könnte dabei der verabredete Kampf gegen den Drogenhandel werden – den einzigen funktionierenden Wirtschaftszweig in Afghanistan. Das Land ist seit dem Sturz der Taliban wieder zum Hauptexporteur für Opiate geworden und erwirtschaftet auf 80.000 Hektar Mohnfeldern gegenwärtig rund zwei Drittel der Heroin-Weltproduktion. Die Opiumernte schnellte von 186 Tonnen im Jahr 2001 auf die Rekordzahl von 3.600 Tonnen im vergangenen Jahr hoch. In Berlin unterzeichnete die afghanische Regierung auf Drängen ihrer westlichen Partner, die nun wieder mit billigem Rauschgift vom Hindukusch überschwemmt werden, ein Anti-Drogen-Abkommen mit den sechs Nachbarstaaten Pakistan, China, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan und Iran. Wie die gemeinsame Erklärung implementiert werden soll, blieb im Ungefähren. „Wirksame Grenzkontrollen zur Unterbindung von Exporten“ wird als eine wesentliche Maßnahme genannt – die Grenzen Afghanistans kontrollieren freilich Karzai durchaus nicht wohlgesonnene Provinzfürsten, oder sie sind Partisanengebiet der Taliban- oder al-Qaida-Kämpfer. Dem Hinweis darauf, daß allein im laufenden Jahr die Anbaufläche wieder stark ausgedehnt worden sei, konnte Karzai wenig mehr als seine „Langzeitstrategie“ entgegensetzen. Fakt ist: Der Drogenhandel ist eine Haupteinnahmequelle der regionalen Gewaltigen, die durch die US-Invasion aufgewertet oder an die Macht gebracht wurden und selbstverständlich beste Beziehungen zu Regierungsbeamten pflegen. Das Wiederaufleben des von den Taliban zuletzt rigide bekämpften Rauschgifthandels war ein Preis, der für den Sturz des Islamisten-Regimes zunächst in Kauf genommen wurde. Diese Einnahmequelle wird sich kein lokaler Führer gern wieder entwinden lassen. Auch wenn Verteidigungsminister Struck meint, das Abbrennen von Mohnfeldern gehöre nicht zu den Aufgaben seiner Soldaten: Angesichts fehlender Machtmittel und eigener Verstrickung der Zentralregierung dürfte jede ernsthafte Implementierung des Anti-Drogen-Abkommens letztlich an der internationalen Truppe hängenbleiben. Die Alternative lautet, dem Drogenanbau weiter genauso tatenlos zuzusehen wie dem Abbrennen serbischer Klöster durch marodierende Albaner im Kosovo. Noch werden die Deutschen, auch aus historischer Reminiszenz, in Afghanistan überwiegend freundlich aufgenommen. Das kann sich indes schnell ändern. Wird die Bundeswehr vor allem als störender Büttel der Amerikaner wahrgenommen, könnten der Feinderklärung durch die Taliban bald weitere durch regionale Warlords folgen. Die Ruhe in Afghanistan ist trügerisch. Die lokal begrenzte Macht des Präsidenten Karzai ruht auf den Bajonetten der ISAF. Zieht die internationale Truppe ab – droht Chaos, versucht sie Karzais Regiment im ganzen Land durchzusetzen, auch. Der behauptete Gewinn an Sicherheit für Deutschland ist da nur schwer zu erkennen. Der ISAF-Einsatz, mit dem Rot-Grün sich derzeit vor allem das Wohlwollen Washingtons erkauft, kann für die Bundeswehr jederzeit ein Desaster werden. Schließlich haben sich an der Etablierung einer ihnen genehmen „starken Zentralgewalt“ in Kabul schon größere und skrupellosere Armeen die Zähne ausgebissen.

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