„Leichen im Keller“

Der Krieg um Österreichs mächtigste und bisher jedenfalls finanziell einträglichste Tageszeitung dauert schon zwei Jahre: Manchmal wurde er „subkutan“ und eher intern geführt, dann brach er in voller Öffentlichkeit aus. So ist es kein Geheimnis, daß die zwei Kontrahenten dieses Kampfes nur ein Ziel kennen: den jeweils anderen Teilhaber und Geschäftspartner an der Kronen Zeitung auszuhebeln und sich in den alleinigen Besitz des österreichischen Kleinformats zu setzen, das täglich 850.000 Exemplare verkauft und 43 Prozent der Österreicher erreicht – Zahlen, von denen, gemessen pro Kopf der Bevölkerung, Bild und andere deutsche Publikationen nur träumen können. Auf der einen Seite steht der Österreicher Hans Dichand – ein Verleger-Patriarch, wie es ihn seit dem Tod Springers im deutschen Sprachraum kein zweites Mal gibt. Dichand ist ein self-made man, der sich im Zeitungswesen hinaufgedient hat, bis er zum mächtigsten Medienmagnaten Österreichs wurde – und zwar auf zum Teil abenteuerlichen Wegen. Heute wird er von manchen Politikern gefürchtet, denn eine Kampagne der Krone kann Karrieren befördern – oder auch vernichten. Ihm gegenüber steht die Westdeutsche Allgemeine Zeitung und Geschäftsleute aus dem Ruhrpott: der Essener WAZ-Konzern. Das sind keine Patriarchen. Bekannt und gelegentlich bemerkbar ist ihre Nähe zur SPD – aber darüber wird nur ungern gesprochen. Bei den „Nordlichtern“ steht gesundes Profitdenken an erster Stelle. Sie haben sich in Österreich eine einmalige Machtposition geschaffen: ihnen gehören nicht nur 50 Prozent der Krone, sondern über die Firma Mediaprint auch noch das zweite, wenn auch wesentlich weniger erfolgreiche, linksorientierte Wiener Massenblatt Kurier. Man könnte also durchaus von einer geballten Medien-Macht der WAZ-Leute in Österreich sprechen – wäre da nicht der eigenwillige „Patriarch“ Dichand im Wege, der seinen „Laden“ mit demnächst 83 Jahren immer noch höchstpersönlich regiert. Was die WAZ-Leute, an deren Spitze als Geschäftsführer der ehemalige Kanzleramtsminister und zeitweilige Balkan-Beauftragte Bodo Hombach (SPD) steht, stört, ist dieser persönliche, subjektive und altväterliche Führungsstil Dichands, der sich gelegentlich mit langjährigen Freunden verkracht und der seinen jüngeren Sohn Christoph gegen den Willen seiner Miteigentümer zum Chefredakteur des Massenblattes ernannte, obwohl ihm die WAZ-Leute, allen voran Erich Schumann, Talent und Befähigung für diese Aufgabe absprechen. Der neue Chef sei „ungeeignet“ und sein Monatsgehalt von über 21.000 Euro zu hoch, meinte der Ex-SPD-Politiker. Gleichzeitig nahmen die geschäftsbewußten WAZ-Leute auch Anstoß an Dichands, wie sie meinten, überhöhten Bezügen und Tantiemen, zumal sich die Ertragslage der Krone verschlechtert habe – was die Deutschen wieder auf Versäumnisse der Wiener zurückführen. In dieses Geplänkel, das die Absetzung des alten (und in dessen Gefolge wohl auch des jungen) Dichand zum Ziel hat, platzte jetzt eine veritable Bombe: Im Medienfachblatt Der österreichische Journalist meldete sich der ältere Dichand-Sohn Michael – der ansonsten als Biobauer tätig ist und mit Journalismus wenig zu tun hat – zu Wort. Schon die Überschrift verriet, daß man sich hier auf vermintem Gelände bewegte: „Die WAZ und die Balkan-Mafia“. Der ältere Dichand-Sohn spricht von „Leichen im Keller“ der WAZ-Leute, ferner von Geschäften, welche die WAZ-Geschäftsführer Hombach und Schumann mit dem „organisierten Verbrechen“ auf dem Balkan gemacht hätten. Als einen der Exponenten dieser organisierten Kriminalität bezeichnet Dichand junior den ermordeten serbischen Regierungschef Zoran Djindjic, der „einer der Paten des Zigarettenschmuggels am Balkan war“. Djindjic habe mit seinen Freunden den Sohn des gestürzten jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic aus dem Zigarettengeschäft hinausgedrängt. Im Österreichischen Journalist stellt Dichand junior einige recht unkonventionelle und gewagte Thesen auf. So beschuldigt er den WAZ-Konzern, die Medienlandschaft nicht nur kontrollieren, sondern „teutonisieren“ zu wollen. Die WAZ hat ja seit 1991 systematisch ihre österreichische Position als Sprungbrett benutzt, um sich bei verschiedenen Zeitungen in Kroatien, Serbien, Bulgarien und Rumänien einzukaufen. In der kroatischen Hauptstadt Zagreb/Agram ist die WAZ Miteigentümerin der Massenzeitung Jutarnji list (Morgenblatt) und der Firma Europa-Press-Holding, deren kroatischer Anteilseigner Ninoslav Pavic ist. Pavic ist, wie so manche Figur aus dem kroatischen Medienwesen (in Serbien ist es nicht viel anders) eine schillernde, schwer zu definierende Erscheinung. Er – und zumindest indirekt auch die WAZ – steht hinter dem kroatischen Wochenmagazin Globus, das wieder in scharfer Konkurrenz um Auflage und Leser zum ähnlich gestalteten Magazin Nacional steht. Nach dem, was sich aus dem Interview im Österreichischen Journalist ergibt, ist der Hauptinformant des Dichand-Sohnes in Zagreb Ivo Pukanic, Besitzer des Magazins Nacional. Zwischen Nacional und Globus bzw. der Europa-Press-Holding tobt aber ein ähnlicher Machtkampf wie zwischen Dichand und der WAZ. Dabei deutet Dichand junior Hintergründe an, die geradezu unwahrscheinlich klingen: Auf dem Balkan, so behauptet er, versuchten die WAZ, aber auch andere Gruppierungen sich „in Privatisierung befindliche verstaatlichte Industrien“, aber auch „Medien“ möglichst unter deutschen Einfluß zu bringen. Dahinter, so der Dichand-Sohn, stehe die deutsche Industrie – und die Politik: „Die haben ja auch den Stabilitätspakt mit dem Balkan erfunden“, sinniert er, um dann fortzufahren: „Die deutsche Industrie hat massive Interessen am Balkan. Dort unten gibt es sehr interessante Rohstofflager, und man darf nicht vergessen: der Balkan ist ein Markt, der ist ungefähr ein Drittel vom gesamten Europa.“ Die WAZ, so resümiert der Dichand-Sohn, nehme „massiven publizistischen Einfluß“ auf dem Balkan – und dann erwähnt er die mysteriöse „Grupo“ – einen Zusammenschluß, den er als „Mafiavereinigung“ bezeichnet. Hier aber wird es interessant: denn Dichand junior – dessen Vater selber seit jeher als Feindbild der Linken und „Ultrarechter“ angegriffen wird – spricht plötzlich von „ultrarechten“ kroatischen Politikern und vom „ultrarechten“ Ex-Präsidenten Franjo Tudjman. Der Dichand-Sohn ist unversehens in einen Stellvertreter-Machtkampf zweier kroatischer Medien-Moguln geraten, die auf der verkleinerten kroatischen Bühne nachspielen, was in Wien und Essen vorgemacht wird. Wie auch immer – die WAZ hat wütend dementiert und rechtliche Schritte gegen den Dichand-Sohn angekündigt. Ob Dichand senior die nun beginnende Schlammschlacht gewinnen kann, wird von kompetenten Beobachtern bezweifelt. Aber auch ob die WAZ als strahlender Sieger dastehen wird, wagt niemand zu prophezeien. Es könnte sein, daß sie den alten Dichand zwar „zerlegt“ – aber daß darüber dann auch das „Werkl“, nämlich die Krone untergeht. Bei allem Respekt: Auf dem glatten Wiener Parkett haben die „Nordlichter“ nur selten reüssiert. Allerdings – die kroatischen Gesprächspartner des Michael Dichand sind auch nicht gerade königliche Kaufleute der alten Schule. Auch in Zagreb hat sich schon manch vorwitziger Westler die Füße verstaucht.

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