Heiliger Krieg auf dem Lehrplan

Muslime, als die derzeit größte religiöse Minderheit, haben sich auf einen Daueraufenthalt in Deutschland eingestellt. Sie gründen regionale und überregionale Dachverbände wie zum Beispiel den Zentralrat der Muslime in Deutschland, den Islamrat oder die Islamische Föderation Berlin und fordern islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Parallel zu dieser Forderung unterhalten sie eine Reihe von privaten Bildungseinrichtungen. Zu diesen gehören zum Beispiel die staatlich anerkannten beziehungsweise genehmigten islamischen Grundschulen in Berlin (Islam Kolleg Berlin e.V.) und München (Deutsch-Islamische Schule München); die Islamische Wochenendschule in Stuttgart, aber auch die Islamische Schule Nürnberg oder die König-Fahd-Akademie in Bonn. Um letztere Einrichtung gibt es seit einiger Zeit heftige Diskussionen. Nach Journalisten-Recherchen ist die König-Fahd-Akademie ein Anziehungspunkt für viele radikale Islamisten. Die 1994 eröffnete Lehranstalt betreibt neben der Schule eine Moschee. Die Bonner Polizei, so das ARD-Magazin „Panorama“, habe „Durchsuchungen aufgrund von länderübergreifenden Ermittlungen“ bestätigt. Die betroffenen Personen stünden im Verdacht, Kontakte zu al-Qaida zu haben. Polizeisprecher Harry Kolbe erklärte, es gebe „einen Zuzug bestimmter Personen, die hier Kontakte halten und pflegen“. Weitere Einzelheiten wolle er aus „polizeitaktischen Gründen“ nicht nennen. Als sogenannte Ergänzungsschule ist die König-Fahd-Akademie eigentlich für Schüler gedacht, die sich nur für kurze Zeit in Deutschland aufhalten. Alle anderen Schüler, die ihren Lebensmittelpunkt dauerhaft in Deutschland haben, müssen deutsche Schulen besuchen. Bereits seit einiger Zeit prüft die obere Schulbehörde der Kölner Bezirksregierung nun, ob alle 465 Schüler (195 von ihnen sind deutsche Staatsbürger) der König-Fahd-Akademie zu Recht dort ihrer Schulpflicht nachkommen. Fundamentalistische Eiferer gründen Privatschulen Die Einschätzung des Regierungssprechers August Gemünd, wonach „die zuständigen Schulämter bei der Befreiungspraxis zu vertrauensvoll gewesen“ sein könnten, läßt aufhorchen. Verfassungsschützer des Landes Nordrhein-Westfalen befürchten nun, daß radikale Islamisten ihre Kinder gezielt auf private Schulen schicken. „Wir können nicht in die Köpfe schauen. Wenn ein Vater kommt und uns sagt, daß er in zehn Jahren wieder in die Türkei zurück will, muß man ihm das glauben. So war jedenfalls die bisherige Praxis“, erklärt Gemünd. Eine sinnvolle Integration ist unter solchen Voraussetzungen kaum möglich. Dieser Vorfall ist jedoch exemplarisch für viele Muslime in Europa. In den 1960er und 1970er Jahren kamen überwiegend besitzlose Menschen mit niedrigem Bildungsniveau nach Europa – meist auf der Suche nach materieller Absicherung für den Lebensabend in der Heimat. In vielen Großstädten sind Ghettos entstanden, in denen extremistische Muslim-Gruppen immer wieder erfolgreich Anhänger rekrutieren können. Die Menschen, die dort leben, fühlen sich nicht als Teil der Gesellschaft. Patriotische Bekenntnisse zu ihren Aufenthaltsländern hört man von europäischen Muslimen – mit Ausnahme der Türken – wohl auch deshalb eher selten. Besonders in Deutschland fällt die Identifikation mit der neuen Heimat schwer. Und der Ruf nach einer Ausweitung des islamischen Unterrichts wird lauter. Doch den Kultusministern fehlt bisher ein legitimer Vertreter als Verhandlungspartner für die 3,2 Millionen Muslime in Deutschland. Artikel 7 des Grundgesetzes besagt, daß „der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften“ als ordentliches Lehrfach erteilt wird. Doch nach einem den Kirchen vergleichbaren muslimischen Ansprechpartner suchten die Kultusministerien vergeblich. Arabische oder türkische Sunniten, Schiiten und Alewiten sind nur schwer unter einen Hut zu bringen. Das Verwaltungsgericht Düsseldorf bestätigte zuletzt am 2. November 2001, daß die beiden größten Dachverbände, der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) und der von der islamistischen Gruppe Milli Görüs beeinflußte Islamrat, keine repräsentative „Religionsgemeinschaft“ darstellen. Unterdessen kämpfen anderswo die Behörden mit fundamentalistischen Eiferern. Die versuchen, besonders über Privatschulen an Einfluß zu gewinnen. Dabei ist die Rechtslage klar. Ergänzungsschulen sind nur dazu da, Kinder von Zuwanderern, deren Rückkehr in die Heimat geplant ist, eine Schulbildung zu gewährleisten. Ein bundesweit einheitliches Genehmigungsverfahren gibt es nicht. Die Schulen werden gegründet, und die Genehmigungen für die Schüler erteilen die zuständigen Ämter – bisher wohl etwas zu großzügig, wie das alarmierende Beispiel aus Bonn zeigt. Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann schätzt, daß in den letzten zwei Jahren 180 bis 200 Familien mit insgesamt 1.000 Personen nach Bonn gekommen sind – ihr Ziel: die König-Fahd-Akademie. Um diese Akademie besuchen zu dürfen, waren Ausnahmegenehmigungen nötig, die vom städtischen Schulamt erteilt wurden, einmal blockweise 105. Das gibt Dieckmann inzwischen „selbstkritisch“ zu. König-Fahd-Akademie droht die Schließung Mittlerweile handhabt die Schulverwaltung die Genehmigungen sehr restriktiv – mit der Folge, daß sich arabische Eltern massiv beschweren. Mitarbeiter sollen bedroht worden sein. Die Verwaltungschefin nimmt die Bedrohungen ernst und will eventuell einen Sicherheitsdienst vor die Tür des Schulamtes stellen. Die Privatschule reagierte unterdessen und untersagte einem umstrittenen Lehrer, der im Unterricht zum „Heiligen Krieg“ aufgerufen haben soll, mit sofortiger Wirkung die Ausübung des Unterrichts. Die Schließung der Akademie droht dennoch. Dann käme das nächste Problem auf die Stadt zu: Die meisten Schüler der Fahd-Akademie, die dann in anderen Bonner Schulen unterrichtet werden müßten, können kaum Deutsch. Sie erhielten bislang gerade einmal eine Stunde Deutschunterricht in der Woche. König-Fahd-Akademie in Bonn: Einen mit den Kirchen vergleichbaren Gesprächspartner gibt es nicht

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