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Feiertagsunfriede

Mit Erstaunen konnte ich der Zeitung JUNGE FREIHEIT vom 26. September entnehmen, daß (Sie) für den kommenden Volkstrauertag eine weitere Feierstunde angekündigt haben … wobei ich Ihnen bereits jetzt mitteilen kann, daß eine Genehmigung nicht in Aussicht gestellt wird.“ Claus Cordsen traute seinen Augen nicht, als ihm sein Rechtsanwalt das Schreiben des Bürgermeister Axel Harlos übermittelte. Dennoch, so der 82jährige ehemalige Soldat, sei er gefaßt geblieben. Nachdem Bürgermeister und Gemeinderat inzwischen gerichtlich den Abriß des Gefallenendenkmals betreiben, mit dem Claus Cordsen und sein Veteranenverband seit dreißig Jahren an 20.000 im Zweiten Weltkrieg vermißte und gefallene Kameraden ihrer Einheit erinnern, ist den Veteranen nun auch noch die alljährliche, traditionelle Gedenkfeier für ebendiese Gefallenen verboten worden. Marienfels kommt nicht zur Ruhe, in der kleinen Taunus-Gemeinde eskaliert nun – nach der Schändung des Denkmals (JF 45/03) und kurz vor dem Volkstrauertag am kommenden Sonntag – der Streit um das Gefallenenehrenmal auf dem örtlichen Dorffriedhof (JF berichtete mehrfach). Nach Ablauf der Pacht zum September 2003 verweigerte der Gemeinderat dem Kameradschaftsverbandes der Soldaten des 1. Panzerkorps der ehemaligen Waffen-SS e.V. eine Vertragsverlängerung für die Gedenkstätte und wollte den Gedenkstein nur noch unter strengen Auflagen bis auf weiteres auf dem Friedhof quasi dulden. Die Veteranen fühlten sich gegängelt und beklagten einen „Knebelvertrag“, der sie auf Gedeih und Verderb der Laune des Gemeinderates ausliefere, Verbandsvorsitzender Cordsen sprach im Interview mit der JUNGEN FREIHEIT gar von einem Diktat „wie in der DDR“. Inzwischen hat sogar der Südwestdeutsche Rundfunk in seinem regionalen Fernsehprogramm über den Konflikt berichtet, „fair“ wie allseits bekundet. „Daß man uns nun nicht einmal mehr die Ehrung unserer Toten gestatten will“, so Cordsen unlängst gegenüber der JF, „ist ein Unding.“ Bürgermeister Harlos beruft sich dagegen auf das „rechtsgrundlose Vorhandensein des Denkmals“. Das habe man auch im Schreiben an die Anwaltskanzlei des Veteranenverbandes so begründet. „Die Veteranen haben unsere Bedingungen nicht akzeptiert, wir sehen uns nicht verpflichtet, ihnen weiter entgegenzukommen. Der Stein steht seit Wochen ohne Rechtsgrundlage auf dem Friedhof, also ist damit auch das Recht, den Stein zu nutzen, erloschen“, so Harlos gegenüber der JF. Cordsen und seine Kameraden aber wollen kämpfen. In einem Antwortschreiben baten sie den Bürgermeister noch einmal darum, die Genehmigung zum Totengedenken am Sonntag „formlos zu erteilen“, kündigten aber gleichzeitig an, daß „wir auch im Falle einer nicht erfolgenden Genehmigung kommen werden, um unsere Kränze niederzulegen“. Dies geschehe in der Annahme, „daran nicht gehindert zu werden … Sie wissen, daß wir vorsorglich die Polizeidirektion gebeten haben, uns wegen möglicher Störungen Schutz zu gewähren“. Das brachte die Polizeidirektion Montabaur auf den Plan, auf deren Tisch die Sache schließlich gelandet war. Man habe mit beiden Parteien geredet, so der zuständige Beamte gegenüber der JF, und eine gewisse Vermittlung erzielt. Wie tragfähig dieser Kompromiß allerdings wirklich ist, muß sich erst noch zeigen. Zwar hoffen die Veteranen auf eine „ruhige, friedliche Veranstaltung“ und haben deshalb auf die obligatorische Musikkapelle verzichtet, die Gedenkansprache um die Hälfte der Zeit auf eine knappe Viertelstunde verkürzt und wollen sie inhaltlich auf das Totengedenken beschränken, wie auch die Gedenkkränze ohne das Trompetensolo „Ich hatt‘ einen Kameraden“ – Herzstück jedes Gefallenengedenkens in Deutschland – niederlegen, aber zumindest auf das traditionelle „Treulied“ will man nicht verzichten. Doch das ist Bürgermeister Harlos insgesamt immer noch zuviel: „Ein Totengedenken können und wollen wir den Veteranen nicht verwehren“, fügt er aber gegenüber der JF irritiert hinzu, „so war das allerdings nicht abgesprochen“. Was passiere, falls die Veteranen sich am Sonntag nicht an das halten, was er für ausgemacht hält? Dazu will sich Harlos nicht äußern: „So viel Vertrauen habe ich zu Herrn Cordsen, daß ich mir deshalb keine Gedanken machen muß.“ Die Veteranen wollen mit etwa hundert Personen nach Marienfels reisen. Auch die Polizei wird mit Einsatzkräften vor Ort sein, in welcher Stärke, wollte sie gegenüber der JUNGEN FREIHEIT aber nicht angeben. Nun erwartet man im Dorf den Volkstrauertag mit Spannung: Wird der Kalte Krieg der Generationen von Marienfels am kommenden Sonntag nun doch noch heiß werden?

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