Erziehung zur Liebe und Toleranz

Als die junge Erzieherin Gertrud Huthmacher in einer überregionalen Zeitung die Reportage über das Leben eines umherziehenden Montageschweißers gelesen hatte, dachte sie: Das könnte mein Mann werden. Bemühte sich um eine Kontaktadresse und sprach vor, erst schriftlich, dann persönlich. Und gleich in die Vollen: erst ein paar Tage und Nächte, dann einen Winter lang eng an eng im bunten Kastenwagen, dem Zuhause des Stromers. „Ich möchte fünf Kinder haben, machst du mit?“ soll Gertrud, waschechte Frankfurterin, den gebürtigen Sachsen gleich eingangs gefragt haben, und da er wollte, war ein Wesentliches geklärt. Und auch das: Verweilen gibt’s nicht, die Welt ist groß; das Leben, das Abenteuer lockt überall, also warum sich auf einen Ort beschränken? Da waren die beiden Verliebten Mitte zwanzig, hatten ein bewegtes Leben hinter sich und dachten nicht daran, es je aufzugeben. Das Morgenland war es, das die beiden faszinierte, vor allem die Türkei, damals in weitesten Teilen touristisch nicht erschlossen. Als die erste Tochter dann geboren werden sollte, kehrte man in die Heimat zurück. Da war es nur schwer, eine Hebamme zu finden, zu einer Zeit, als Klinikgeburten gängiger waren denn je. Die Geburtshelferin, die sich schließlich am Geburtsbett im Wohnwagen einfand, offenbarte erst im nachhinein, daß dies ihre erste Geburt unter eigener Regie war, sie hatte gerade ausgelernt… So sollte es künftig sein: Die eine Jahreshälfte wurde in der Ferne verbracht, mit Straßenmusik und dem Verkauf selbstgefertigter Schmuckstücke, für den Sommer suchte man Stellplätze in Deutschland, musizierte weiter auf Marktplätzen, schweißte auf Baustellen und brachte die Kinder zur Welt, die winters im Süden gezeugt worden waren. Windeln wurden per Hand gewaschen, Kinderkrankheiten notfalls von morgenländischen Medizinmännern kuriert. Ende der achtziger Jahre wurden sie seßhaft Entscheidend war immer das Gefühl: Das ist jetzt richtig, das brauchen wir, brauchen die Kinder jetzt – und jenes eben nicht. Auch als für die älteste der bis dahin vier Kinder die Schulzeit bevorstand, zog man weiter. Mit einem „Schulbesuchsheft“ ging das, auch wenn die zuständigen Amtswalter gewöhnlich tadelnd den Kopf schüttelten. Die Kinder jedenfalls schwärmen heute noch von dieser Zeit. Ende der achtziger Jahre entschied man sich, doch seßhaft zu werden, in der Heimat, der „schmerzlich geliebten“, wie Friedrich Baunack es formuliert. „Was, wenn mir etwas zustößt, und Gertrud steht mit den Kindern dann allein auf der Straße?“ beschreibt Baunack die Sorge, die ihn damals bewegte. Die Mauer stand noch, aber sie mußte doch fallen, und da wollte man so nahe heran an die verabscheute Grenze wie möglich. Die Baunacks kauften sich in Osthessen ein kleines Fachwerkhaus mit winzigen Zimmern, die Decken so niedrig, daß man sich beim Tritt über die Schwellen ducken mußte. Immerhin Raum genug für die Kinder, deren fünftes bereits unterwegs war. Später baute man an, weitgehend in Eigenleistung, versteht sich. Wer heute vom nahen Rotenburg kommt und über Hügel hinab auf den winzigen Ortsteil blickt, dem fällt an prominenter Stelle das Baunacksche Anwesen auf. Das Auge findet unterschiedlich große Spiegelscherben, die auf den Gefachen des alten Hausteils angebracht sind – der Denkmalschutz würde sich gruseln. „Die Idee war“, erklärt Friedrich Baunack, heute drahtiger Mittvierziger mit Bart und Mütze, „daß man auf ein Haus schaut und Himmel, Wolken, Bäume und Wiesen sieht“. Ein Ausblick, der nie vergangene Traum von der großen weiten Welt … Gertrud Baunacks Bruder, passionierter Kunstmaler, hat den Neubau im Laufe der Zeit mit großformatigen Bildern verziert, zweimal Franz Marc und ganz groß Eugène Delacroix‘ revolutionäres „Die Freiheit führt das Volk“. Die exotischen Namen der fünf Kinder, wenn ihnen auch jeweils alte deutsche beigegeben wurden, zeugen von der nomadischen Zeit, der Zeit in Freiheit, ohne Bürokratie und ohne die Normen, denen man sich heute nur unwillig beugen mag, so sieht es Friedrich Baunack, der keine Sekunde seiner wilden Vergangenheit missen will. Nach Gülilah Almut folgten im jeweils zweijährigen Abstand Temudschin Friedrich, Saladin Dietrich, Lohengrin Heinrich und Chadidscha Gertrud. Die jüngste Tochter besucht gerade die 5. Klasse der „Zwangsförderstufe“, wie es die Baunacks genannt haben wollen, die älteste, eben volljährig, lernt Goldschmied in Pforzheim, der halbwüchsige Temudschin ist vor wenigen Wochen ausgezogen, in die Nähe zum Glück, und beginnt gerade seine Lehre. Die Entfernung der beiden Großen ist schmerzlich für die Familie, auch wenn die Notwendigkeit akzeptiert wird. Und: Durch die Verkleinerung des Haushalts ist schließlich keine Minute unausgefüllt oder zur Zeit für Muße geworden. „Wer halten will, muß loslassen können“, finden die Baunacks einstimmig. Streß und Einschränkung waren die Kinder nie. „Was früher ohne Kinder ging, wird heute mit den Kindern gemacht, basta“, befindet Friedrich Baunack. Darin lag niemals ein Problem. Der Familienvater ist heute noch selig, wenn er einen Säugling auf dem Arm hält: „Wie kurz war dieses unaussprechliche Glück, so ein Wesen, so ein zahn- und hilfloses, zu wiegen …“ Dabei haben die Eltern so viel Zeit mit ihren Kindern zugebracht wie kaum jemand: Sie im Kindergarten betreuen zu lassen oder auch nur mal für ein Wochenende den Großeltern zu geben – obwohl der Kontakt sehr gut ist -, stand nie zur Debatte. Wenn es keine Arbeit gibt, ist Schmalhans Küchenmeister Gertrud Baunack, hexenschön in langem Rock und immer mit straff gebundenem Kopftuch über dem hüftlangem Zopf, schaut direkt und forschend, wie es ihre Art ist: „Es gibt doch nichts Schöneres, nichts Wichtigeres als die Kinder, und wer könnte sie wohl besser betreuen als die eigenen Eltern? Es ist einfach keiner dagewesen, der sie voll und ganz in unserem Sinne erzogen hätte: zu gedanklicher Freiheit, Toleranz, Sozialität und Liebe zur Erde.“ Ein einziges Mal, vor Jahren schon, hatte Gertrud Baunack sich „kinderfrei“ genommen, da war sie mit einer (kinderlosen) Freundin in Griechenland wandern, dachte, noch einmal die Zeit aufleben zu lassen, als sie selbst als Weltreisende mit Ruck- und Schlafsack unterwegs war. „Das war keine schöne Woche“, denkt sie heute kopfschüttelnd zurück. „Ich dachte dauernd: ‚Was machst du eigentlich hier?'“ Gibt es keinen Kummer, keine Sorge? Gut, die Arbeit nagt schon. Das Zuviel und das Zuwenig. Das Zuwenig ist zur Zeit beherrschend und betrifft das geldwerte Tun: Handwerkliches Können ist wenig gefragt, wo Fließband und Massenware den Markt dominieren. Manchmal ist Friedrich Baunack wochenlang ohne eine Baustelle, auf der er sich verdingen kann. Dann ist Schmalhans Küchenmeister, gibt seine Frau zu. Dann steht unter der Woche Eintopf auf dem Küchentisch, dann spart man sich die Entspannungszigarette, und der Korken bleibt auf dem Wein. Gespart wird ohnehin, ein Mangel aber nur in Notzeiten empfunden: Gebrauchte Kleidung gilt weder Eltern noch Kindern als Schande, Flicken gelten als Zierde, warm muß sie sein und sauber, manches näht die Mutter selbst oder wurde von der Großmutter gestrickt. Trifft die Familie nie auf Mißgunst, auf Unverständnis? Oh ja. Friedrich Baunack, nach wie vor leidenschaftlicher Musiker, kann auch davon ein Lied singen, ein unschönes gleichwohl: „Aso-Pack“ und „Zigeuner“ sind noch die freundlichsten der Beschimpfungen, mit denen sich vor allem die Kinder konfrontiert sahen und sehen. Oder unter selbsternannten Freunden das Angebot: Ihr könnt uns gern auch mal besuchen, aber bitte nicht mit allen Kindern … Gäste sind kein Sonderfall, sondern die Regel Wenn ihr Mann Arbeit hat, steht Gertrud Baunack mit ihm morgens um fünf auf. „Jede Minute, die wir miteinander verbringen, ist doch kostbar“, sagt sie. Die beiden lächeln sich an, und einmal mehr ahnt man, wie kostbar diese Liebe sein muß. Erst spätabends, wenn die Kinder längst nach ausführlichem Abendzeremoniell im Bett liegen, kehrt Ruhe ein, und selbst dann mußte eine Menge liegenbleiben: der große Garten mit Gemüse, Obst und Kräutern will versorgt sein, die reiche Ernte verarbeitet, die neue Werkstatt am Haus aufgeräumt werden, das Holz für die Heizung herangeschafft. In ihrem erlernten Beruf war die Familienmutter seit über zwanzig Jahren nicht mehr erwerbstätig: „Kochen, gärtnern, pflegen, chauffieren, ja die Kindererziehung überhaupt, wer bitte hätte denn das alles machen sollen, wenn ich für Geld arbeiten gegangen wäre?“ Gäste im Hause Baunack sind kein Sonderfall, sondern die Regel. Zu den selbst geschlossenen Freundschaften sind die jungen Freunde der Kinder getreten, das Interesse der Baunacks an fremden Lebensentwürfen ist stets groß und ehrlich, die Gastfreundschaft überwältigend. Zum Bekanntenkreis zählen keineswegs nur Familien, viele Kinderlose sind unter Baunacks engsten Freunden. Kinderreichtum oder der Wunsch dazu ist kein Kriterium, nach dem sie andere Menschen beurteilen. Was schwerer wiegt, ist die ehrliche Beantwortung der Frage „Bist Du glücklich?“ Die Baunacks sind es, wer wollte das übersehen. Daß sich die Eheleute jemals streiten würden, ist ohnehin schwer vorstellbar. Gibt es aber je Ärger in der Familie, dann gilt ein Grundsatz: Nie unversöhnt zu Bett gehen! Fotos: Familie Baunack vor ihrem Haus: „Jede Minute, die wir miteinander verbringen, ist doch kostbar“ / Gertrud mit Sohn Temudschin: Fasziniert vom Morgenland

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