Der vergiftete Füllfederhalter Carl Gustaf Ströhm

Boris Abramowitsch Beresowskij – unter Präsident Boris Jelzin Sekretär des russischen Sicherheitsrates, inzwischen aber „Asylant“ in London – stand dieser Tage mehrmals im Mittelpunkt des Interesses. Der 57jährige, der in Rußland wegen angeblicher Wirtschaftsverbrechen unter Anklage steht, startete letzte Woche eine Anzeigenkampagne, in welcher er Wladimir Putin beschuldigte, 1996 die mysteriösen Bombenanschläge auf Moskauer Wohnhäuser, bei denen es mehrere hundert Toten gab, selbst inszeniert zu haben – und zwar als Vorwand für den Tschetschenien-Krieg und „Argument“ für Putins Wahl zum Präsidenten. Die Anzeige erschien nicht nur im Westen, sondern auch im Moskauer Kommersant, dessen Eigentümer Beresowskij ist. Doch damit nicht genug. Die Londoner Sunday Times wartete mit einer Skandal-Geschichte auf: Demnach sei der britische Geheimdienst MI 5 von einem Anschlag informiert worden, den Agenten des russischen FSB gegen den auf drei Milliarden Dollar Vermögen geschätzten „Oligarchen“ geplant hätten. Ein FSB-Agent sei nach England in Marsch gesetzt worden, um Beresowskij mit einem vergifteten Füllfederhalter zu erstechen – und zwar im Augenblick, als er das Londoner Gerichtsgebäude betreten sollte, in welchem über die Auslieferungsforderung Moskaus gegen ihn verhandelt werden sollte. Der russische Agent aber verlor die Nerven und stellte sich den britischen Behörden. Er gab an, er hätte das Gift in einem Feuerzeug ins Gerichtsgebäude schmuggeln, es dort in die Füllfeder füllen und Beresowskij beim Vorbeigehen in den Arm stechen sollen. Das klingt nach einer „Räuberpistole“ – doch ganz abwegig ist dies nicht. 1978 kam Georgi Markow gleichfalls in London auf ungewöhnliche Weise zu Tode: Der prominente bulgarische Journalist war in den Westen geflüchtet und begann in den bulgarischen Programmen der BBC und der Deutschen Welle über peinliche Interna der KP-Führung unter Parteichef Todor Schiwkow auszupacken. Auf einer Londoner Straße näherte sich ihm ein Fremder mit einem Regenschirm in der Hand und stach ihn mit der Spitze ins Bein. Vier Tage später war Markow tot – gestorben durch das Gift Ricin. Dem Moskauer Auslieferungsbegehren gab das Londoner Gericht nicht statt. Der einst mächtige Medien-Magnat kann also im „sicheren“ Westen bleiben. Sein britischer Anwalt warnte allerdings: „Wir haben guten Grund, zu glauben, daß Organe des russischen Staates Mister Beresowskij ermorden wollen.“ Beresowskij, der bei den „Privatisierungen“ unter Jelzin sagenhaft reich wurde und Rußland im November 2000 fluchtartig verließ (nachdem Putin an der Macht war), ist sicher kein „Unschuldsengel“. Dennoch muß die Art und Weise, wie man jetzt mit ihm „abrechnen“ will, zu denken geben. Seit langem warnen Analytiker, daß sich das heutige Rußland zu einem „KGB-Staat“ zurückentwickelt. Putin, selber einst KGB-Offizier, hat hohe Staatsämter mit ehemaligen Kadern besetzt. Daß sich die auf ihr „Handwerk“ verstehen, liegt auf der Hand. Daß sie sich dabei von früher her vertrauter und bewährter Methoden bedienen, ist gleichfalls nicht ungewöhnlich. In einem Dokumentarfilm, der kürzlich im BW-Regionalfernsehen lief, fanden sich mehrere Anspielungen darauf, daß Putin mit Organisationen und Personen in Zusammenhang stand, die mit der „Mafia“ zu tun hätten. Das verheißt wenig Gutes.

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