Bauernopfer

Erstaunlich und fast unmöglich scheint das Phänomen, aus einem blutrünstig-brutalen Täter ein scheu-schutzloses Opfer zu machen. Doch es funktioniert. Was im Kleinen, richterlich geprüft, unter Schwerverbrechern als schauspielerische Glanzleistung gilt, findet sich auch auf den ganz großen Brettern der Weltbühne wieder. Und so ließ der jüngste Maskenball erschaudern, spielte er doch an dem Kriegsschauplatz Kosovo, der seit Monaten die Zeitungen füllt. 14 serbische Bauern waren es diesmal, die ihr Leben lassen mußten. Akteure also, die in den vergangenen Monaten selbst als „Täter“ und „Mörder“ die Öffentlichkeit bewegten. Hitlerparallelen wurden sogleich gezogen, und Fratzen über die Soldaten unter dem Totenkopf inspirierten landauf-landab die Karikaturisten. Ironie des Schicksals war es wohl nunmehr, daß eben diese Täter nun zu Opfern wurden. Ein „Ernteeinsatz“ sei es gewesen, bei dem die Bauern überfallen worden seien. Schnittsensen contra Sturmgewehre! „Wir haben es nicht geschafft, sie zu verteidigen“, sagte der Chef der Uno-Mission im Kosovo, Bernard Kouchner. Quod erat expectandum? Selbstverständlich können die Kfor-Friedensengel nicht überall sein. Eine zerstörte Polizei- und Sicherheitsstruktur läßt sich eben nicht so schnell wieder aufbauen. Und auch die nicht ganz unerhebliche Frage: „Wer ist Freund und wer ist Feind?“ harrt ihrer Beantwortung. Tragisch, daß es einstige Freunde nun zu kontrollieren gilt. Diese lassen sich so leicht jedoch nicht auf die Finger schauen, und Waffenlager sind erst recht tabu. So wird wahrscheinlich auch die Frage nach den eigentlichen Tätern unbeantwortet bleiben, wobei es an Verdächtigungen nicht mangelt. Schon glauben windige Meinungsmacher herausgefunden zu haben, wonach serbische Hinterbliebene suchen. Wilde Verschwörungstheorien werden gebastelt. Der Ernteeinsatz sei nur fingiert gewesen, Korn hätte es dort gar nicht gegeben. Milosevic selber hätte dies alles inszeniert, Geheimdienste seien mit im Spiel. Doch wie öde, die alte Sender-Gleiwitz-Nummer! Dem Westen fällt es sichtlich schwer, sich einzugestehen, daß ein millionenschwerer Militäreinsatz nun mit ebensovielen Millionen korrigiert werden muß. Einstige Opfer werden zu Tätern und beißen die Hand, die sie füttert. Die serbischen Ordungskräfte sind weg, die serbische Bevölkerung dem „Schutz“ von UCK und Nato ausgeliefert. Ein friedliches Zusammenleben zwischen Serben und Kosovo-Albanern wird es wohl nicht mehr geben. Längerfristige Kfor-Einsätze sind in Zukunft Pflicht für Europa. Doch wer garantiert, daß der nächste Tote kein Deutscher ist?

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