Bis heute ist die Brutalität ein Tabuthema in China

Als tragisches Spiegelbild zum zwanzigjährigen Mauerfall-Jubiläum in Deutschland erscheint das Reich der Mitte – nicht aufgrund der Großen Mauer, die auch für China nur mehr als historisches Zitat dient, sondern wegen des vor 20 Jahren verübten Tiananmen-Massakers im Herzen Pekings. Dort hatten sich Anfang Juni 1989 bis zu einer Million Menschen friedlich versammelt, um mehr Demokratie und Pressefreiheit einzufordern. Nachdem die Proteste zunächst von Studenten initiiert wurden, schlossen sich den Demonstranten Bürger aus allen gesellschaftlichen Schichten an. Der hoffnungsvolle Protest auf dem Platz des Himmlischen Friedens fand jedoch ein jähes und blutiges Ende. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 eröffnete die chinesische Volksbefreiungsarmee das Feuer auf die wehrlose Menschenmenge. Menschenrechtsorganisationen gehen heute von bis zu dreitausend Todesopfern aus, die in jener Nacht zu beklagen waren.

Bis heute ist das Massaker ein Tabuthema in China. Daran ändert auch die beispiellose Modernisierung nichts, die das Land seither verzeichnet und die nicht zuletzt der rücksichtslosen Ausbeutung etwa der Wanderarbeiter zu verdanken ist. Die Niederschlagung aufkeimender Zivilcourage wird offiziell als „Zwischenfall“ verharmlost (siehe S. 17). In der Dokumentation „Tiananmen – 20 Jahre nach dem Massaker“ werden die dramatischen Ereignisse jener Zeit aus der Sicht der Opfer rekapituliert: des ehemaligen Studenten Zhang Jian, der heute als politischer Flüchtling in Paris lebt, oder von Zhang Xianling. Die Mutter eines erschossenen Studenten, gründete die Organisation „Mütter von Tiananmen“ und lebt bis heute unter Polizeibeobachtung in Peking. Bislang unveröffentlichte Bilddokumente ermöglichen neue Einblicke in jene Ereignisse, die – als „chinesische Lösung“ tituliert – bis in den Herbst ’89 auch in der DDR eine wirksame Einschüchterung zur Folge hatten.

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