Von Menschen und Monstern

Die Schicksalsgemeinschaft Amerika hört und schaut immer wieder gerne zu, wenn Ken Burns ihr die ureigene Geschichte erzählt. Sei es Jazz, Bürgerkrieg oder Baseball: Stets findet der Meister der Mammutdoku elegische Bilder und ergreifende Worte, zumeist aus Originalquellen, für die nationalen Träume und Traumata.

Liebevoll werden Zeitungsausschnitte, Bild- und Filmmaterial, Interviews mit Zeitzeugen bzw. Historikern aufbereitet, im Hintergrund spielt dezente Instrumentalmusik. Für den neueren anglo-amerikanischen Dokumentarfilm eher unüblich, führt eine allwissende Erzählstimme durch die Ereignisse – getragen und seriös: Hier spricht die Geschichte.

In der deutschen Fassung von Burns’ jüngstem Historienmarathon „The War“, dessen vierzehn Folgen nun auf Arte ausgestrahlt werden (ab dem 5. März jeweils mittwochs, 21 Uhr), übernimmt der Schauspieler Udo Wachtveitl diese Rolle.

Größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte

Die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte sei uralten menschlichen Regungen entsprungen, heißt es salbungsvoll gleich zu Beginn der ersten Folge, programmatisch „Ein notwendiger Krieg“ betitelt. Kein Wunder also, daß es gewaltig menschelt: auf der einen Seite die Heerscharen der Achsenmächte, Unmenschen angeführt von Monstern.Die ausziehen, die Welt von ihnen zu befreien, sind unerfahrene Jungs aus der amerikanischen Provinz.

Um in den Wirren der vielen Schauplätze und Schlachtfelder nicht den roten Faden zu verlieren, bedient sich der Regisseur eines Kunstgriffs: Er fokussiert auf vier Städte mittlerer Größe an unterschiedlichen Ecken der USA, deren Lebenswelt der Zweite Weltkrieg für immer veränderte.

Ebendiesen Einschnitten im Alltagsleben der Einwohner spürt sein Film nach, indem er die Erlebnisgeneration befragt, deren rüstige Angehörige – Frontveteranen wie Daheimgebliebene – sich ungemein lebendig erinnern. „Hinterher war nichts mehr so, wie es einmal war“: Klar, welches Drama hier eigentlich aufgeführt wird – der  Aufstieg einer isolationistischen Zivilgesellschaft aus Häuslebauern und Modernisierungsgewinnern zur Schutzmacht wider Willen der freien Welt.

All-American boys ziehen in Todesschlachten

Soweit ist es aber längst noch nicht. Im Schnelldurchlauf marodiert erst einmal die Wehrmacht in Polen, überfällt die Sowjetunion und beflaggt ganz Europa mit Hakenkreuzen – alles nur Vorspann zum Hauptakt, der am Sonntag, dem 7. Dezember 1941 beginnt.

Zum ersten Mal ziehen Tausende von all-American boys in Todesschlachten an Orten, die sie kaum aussprechen, geschweige denn auf der Landkarte finden können. Die Motive der pauswangigen jungen Männer, die sich zur Armee melden, sind nicht unbedingt heroisch, eher fühlen sie sich vom Strom der Geschichte mitgerissen.

Im Pazifik springen die Japaner barbarisch mit ihnen um. Daheim brummt indes die Rüstungswirtschaft; Afro-Amerikaner – damals im günstigsten Fall „Farbige“ genannt –, die auf der anderen Seite der Erde gegen Rassismus kämpfen sollen, müssen noch 25 Jahre warten, bevor sie bei Woolworth’s am Tresen essen dürfen; Mitbürger japanischer Herkunft werden in Internierungslager verschickt. Immerhin nehmen sich die Nachbarn ihrer Erdbeerbeete an.

Balsam auf der Seele der angeschlagenen Weltmacht

Burns’ Bürgerkriegsserie lebte von ihrer Narrengalerie skurriler Gestalten, die entscheidend die militärischen Geschicke des jungen und fast schon wieder gescheiterten Staates lenkten. Diesmal klingt die Botschaft an seine Landsleute feierlicher: Menschen wie du und ich haben einst die Welt gerettet.

Deutungen, die wenn nicht wissenschaftlich widerlegt, so doch umstritten sind, werden dabei unhinterfragt referiert. Pearl Harbor habe die amerikanische Führung ebenso unerwartet getroffen wie Hitlers Überraschungsangriff seinen Verbündeten Stalin. Die Atombomben auf Japan lassen sich unter jenen Brutalitäten, den Unschärfen zwischen Gut und Böse verbuchen, die ein notwendiger Krieg halt bedingt.

Geschichte, wie sie Sieger schreiben? Mag sein, aber sicher auch Balsam auf der wunden Seele einer angeschlagenen Supermacht, die demnächst in das sechste Jahr eines unnötigen Krieges geht.

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