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In Zuckerwatte gepackt

Wo der Alltag krank macht, muß der Urlaub genesen helfen – möglichst effektiv und ohne viel Mühe. Das Heilsversprechen kommt aus Übersee und heißt Wellness. Geworben wird für den ultimativen Wohlfühl-Urlaub rund um die Uhr und auf allen Kanälen. So als wären die Zeiten der Verabreichung bitterer Medizin endgültig vorbei. Wellness-Kuren sind auf individuelle Vorlieben zugeschnitten. Sie schmecken süß und suggerieren Wohlempfinden. Was aber hat es mit der Wellness-Philosophie wirklich auf sich? Wellness ist ein Kunstwort. Es besteht aus well-being und fitness. Präziser zu bestimmen ist der Anteil von Wohlgefühl und körperlicher Ertüchtigung an der Begriffsbildung freilich nicht. Nur soviel ist klar: Als in den siebziger Jahren die Kosten des US-Gesundheitswesens explodierten, rückte der Begriff ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Wellness-Pioniere wie Donald B. Ardell und John Travis entwarfen im Auftrag der Regierung Gesundheitsmodelle, die auf Prävention und Eigenverantwortung setzten. Sie prophezeiten einen Zustand von allgemeinem Wohlgefühl, hervorgerufen durch Faktoren wie Spiritualität, emotionale Intelligenz, kritisches Denken, Humor, Selbstverantwortung, Beziehungsfähigkeit, Streßmanagement, Fitneß oder Ernährungsbewußtsein. Damit umfaßt der Begriff buchstäblich alles. Und doch läßt sich aus den unterschiedlichen Wellness-Formen ein Grundimpuls isolieren: Es geht stets um die individuelle, zeitlich begrenzte Flucht aus dem Alltag. Es geht um das Versprechen von Verwöhnung und streßfreier Erholung unter Berücksichtigung persönlicher Vorlieben. Mit Wellness wird heute alles beworben: Mineralwasser, Socken und Konfitüre, Barfußlaufen, Fünf-Sterne-Hotels, und Kureinrichtungen. Nicht nur die Tourismus-, Kosmetik- und Esoterikbranche, auch Krankenkassen werben durch Bonussysteme fleißig mit. Angeboten werden diverse Massagen und Heilbäder, Yoga- und Aquakurse und seit neuestem Gehirnjogging. Es wird suggeriert, daß der Mensch sein Unbehagen an der Kultur jederzeit loswerden könne, etwa mit Lichtstrahltherapie, Magnetmatratzen oder indischer Lassi. Für Wohlfühl-Angebote aller Art läßt man auch hierzulande gern den Rubel rollen. Damit das so bleibt, hat die Wellness-Industrie eine neue Zielgruppe entdeckt: Kinder. Kinder entscheiden oft, wohin die Urlaubsreise geht „Die Luxuswelt für unsere Kleinen. Verwöhnt werden wie die Großen!“ heißt es dann in Rieser’s Kinderhotel in Buchau/Tirol. Es lädt die „Kids“ „zum Träumen und Relaxen“ und bietet „Kuschelmassagen“ für den gestreßten Rücken. Und auch in den anderen „Beautyfarmhotels“ im Lande können sich die Kleinen in Heilschlamm- und Aromabädern genausogut erholen wie ihre Eltern. In den USA gibt es Kinder-Wellness natürlich schon länger. Denn wer sich schon früh auf ein Rundum-Wohlfühl-Paket einläßt, bleibt auch als Erwachsener bei der Stange. Zudem entscheiden Kinder häufig mit, wohin die familiäre Urlaubsreise geht. Das Ziel der Wellness-Industrie ist klar formuliert: hinein mit den Familien in die künstlichen Wohlfühl-Tempel. Abschiednehmen vom Urlaub auf dem Bauernhof oder am Meer. Anstatt Kleckerburgen zu bauen, sollen Kinder lieber im Blütenbad lümmeln. Doch da sich die anvisierte Zielgruppe schnell langweilt, wenn sie eine halbe Stunde stilliegen muß, wird das Kinder-Wohlfühl-Programm in Zuckerwatte verpackt. „Während die Erwachsenen in der Finnischen Sauna entspannen“, liest man, „genießen die Kinder ihr Kakaobad, einen warmen Ölguß mit Märchen aus 1001 Nacht oder die Schokoladen-Mandelgeleemassage.“ Allerdings sind dem süßen Schokotraum ein paar Bitterstoffe beigemengt, hat doch die McDonaldisierung der Welt dazu geführt, daß es eindeutig zu viele übergewichtige Kinder gibt. Als Ersatz bietet man für pubertierende Jungen eine kostenlose Akne-Beratung. Und für Mädchen gibt es ein dermatologisch unbedenkliches Kinder-Schmink-Set, damit diese nicht weiterhin, wie es auf einer Internetseite heißt, „Mamas teure Kosmetik vermalen“. Wohlfühl-Angebote für Kinder offenbaren die ganze Fragwürdigkeit der Wellness-Philosophie. Schließlich handelt es sich bei Wellness um eine Erwachsenenstrategie, um möglichst unbeschadet den Alltag zu überstehen. Es geht um Verwöhn-, Entspannungs-, Selbstbespiegelungs- und Schönheitskuren, also um die Todfeinde einer gesunden Entwicklung. Schließlich steht hinter Wellness die Auffassung: Warum sich permanent durchs Leben strampeln, wenn’s scheinbar leichter geht? Neugier, Kraft und Ausdauer, Eigeninitiative, Zielstrebigkeit und Durchsetzungswille sind dabei nicht gefragt. Es ist ein Baden im Stillstand. Deshalb ähneln Wellness-Oasen zumeist auch Seniorenresidenzen und nur selten Kinderspielplätzen. Foto:: Neue Kunden für Wohlfühl-Tempel: Spaß mit Gurkenmaske und Kakaobad

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