Voyeurismus

Früher – in Zeiten ohne Internet – war manches etwas übersichtlicher. Wer unter Menschen sein wollte, der ging in die örtlich zuständige Gastwirtschaft, Kneipe oder zu kulturellen Veranstaltungen wie Oper und Theater. Später formierten sich in der Anonymität der Großstädte die ersten Selbsthilfegruppen. Wer den Anfang des Kultfilms „Fight Club“ (1999) mit Edward Norton und Brad Pitt kennt weiß, daß es regelrechte Selbsthilfegruppen-Nomaden gibt. Das sind Menschen, die süchtig nach diesen Versammlungen sind und sich an den Schicksalen der Teilnehmer ergötzen, ohne das Leid der anderen zu teilen oder Mitgefühl zu empfinden. Diese Form des Voyeurismus ist, so befremdlich sie sich zunächst anhören mag, stark verwandt mit dem sogenannter Reality-TV-Sendungen. Ein ähnlich merkwürdiges soziales Phänomen unserer Gesellschaft fördern auch die immer zahlreicheren Internetforen. An die eigene Nase gegriffen, kann ich einen hohen Suchtfaktor bescheinigen, denn im Gegensatz zum realen Leben eines durchschnittlichen Berufstätigen gibt es immer „etwas Neues“. Sollte das, was man findet, nicht interessant sein, so bleibt noch das Ausweichen auf unzählige andere Foren. Diese Kommunikationsschnittstellen haben eine lange Tradition aus der Zeit der Mailboxen und Bulletin Boards, in die man sich vor der Verbreitung des World Wide Web per Modem oder Akustikkoppler einwählen konnte und die ähnlich wie das heutige Internet funktionierten, wenngleich grafisch primitiver und mit bedeutend weniger „Eingeweihten“, vertagt sich Euer EROL STERN

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