Süßes oder Saures

Wir Deutschen lieben das Brauchtum. An Traditionen klammern wir uns sklavisch. Wer kennt nicht die vielen regionalen Dorffeste, bei denen je nach Region der exzessive Konsum von berauschenden Flüssigkeiten eine bedeutende Rolle spielt? Viele andere Feierlichkeiten sind mit den christlichen Bräuchen eng verknüpft. Zwar weiß der Pisa-gebildete Normalbürger meist nicht, was der Grund für sein legitimiertes Fernbleiben von der Arbeit ist, aber das ist ihm einerlei. Andere Feiertage wie Fastnacht haben ihren Ursprung in alten heidnischen Riten. Pauschal gilt für diese Feiertage: alle haben ihren Ursprung darin, daß unsere schlecht rasierten Vorfahren mit Fellen bekleidet um ein Feuer tanzten, laut schrieen und irgendeinen Gott um etwas baten. Um so einen Feiertag sind wir jetzt seit einigen Jahren reicher. In Deutschland wird wie in den USA jetzt auch Halloween gefeiert. Dabei handelt es sich um eine Rückwanderung, da Halloween seinen Ursprung in der keltischen Kultur haben soll. Wie es kommen kann, daß sich einfach ein neuer Feiertag bei uns einschleicht? Im Zweifel sind die Medien, das Wetter oder der 11. September daran schuld. Aber so einfach wollen wir es uns nicht machen. Selbstverständlich lechzt unser reformunwilliges Volk nur nach einer Gelegenheit, richtig die Sau rauszulassen. Halloween ist nämlich ganz toll. Deshalb machen uns die Medien auch schon ab Anfang Oktober darauf aufmerksam. Dann dürfen wir uns die hundertste Wiederholung von „The Crow“ anschauen, und alle Comedy-Serien zeigen ihre Halloween-Specials. Es ist nahezu unmöglich, diesen Tag zu übersehen, ganz anders als Allerheiligen, der Feiertag nach Halloween. Ganz wild auf Halloween sind die lieben Kinder. Die ziehen los, klingeln bei ihren Nachbarn und betteln um Süßigkeiten. Das ist schon ärgerlich. Man sitzt abends zu Hause im Sessel, ist in die Lektüre eines Buches vertieft, und plötzlich klingelt es. Kleine Gören, als Satan, Michael Jackson oder Pinguin verkleidet, stehen vor der Tür. Sie sehen aus wie Sternsinger zur falschen Jahreszeit. Grimmig fordern die lieben Kleinen „Süßes oder Saures“. Gerne würde man ihnen „Saures“ geben, was heutzutage allerdings verboten ist. Ebenso falsch ist der Hinweis, daß sich die Bälger gefälligst zur Tankstelle schleichen und das Zeug klauen sollen. Wer keine Süßigkeiten rausrückt oder nur die eigenen abgelaufenen Lebensmittel entsorgt, läuft Gefahr, sanktioniert zu werden. Je nach Wohnviertel und sozialem Umfeld reichen die Streiche von Seife im Briefkasten, übers abgefackelte Auto bis zur schweren Körperverletzung – man weiß ja nie bei der Jugend! Es gebietet sich also, in ausreichendem Maße Naschzeug zur Verfügung zu stellen. Dem Schenkenden bleibt nur die Hoffnung, daß wenigstens die Karies ihr grausiges Werk tut. Die wenigsten Menschen wissen allerdings, was es mit Halloween auf sich hat. Halloween soll auf das heidnisch-keltische Fest „Samhain“ zurückgehen. „Samhain“ war eines der keltischen Großfeste, etwa so, als ob Weihnachten und Fußballweltmeisterschaftsendspiel auf einen Tag fallen würden. Die Kelten feierten den Winterbeginn und eine Art Erntedankfest auf einmal. Auf Hügeln zündeten sie große Feuer an, die die Nacht erhellen sollten. An diesem Tag sollte die Trennwand zwischen den Lebenden und den Toten besonders dünn gewesen sein. Die Pforten der „Anderswelt“ wurden geöffnet, und die Seelen der Verstorbenen konnten in die Menschenwelt übertreten. In Irland stellten die Menschen Lebensmittel vor die Tür, damit die toten Seelen eine Wegzehrung für den Heimweg hatten. Aber auch ansonsten wurde kräftig gefeiert. Während „Samhain“, das nach dem Herrn des Totenreiches benannt war, sollten Orakel die Zukunft vorhersagen. Die Demoskopen der Vergangenheit konnten dann erkennen, ob es eine gute Ernte gab oder die Zeit für einen Krieg günstig war. Die Christen verleibten sich das Fest dann im Jahr 837 ein. Papst Gregor IV. legte fest, daß an diesem und am darauffolgenden Tag die Toten geehrt werden sollten. Die Ungläubigen ließen sich so einfacher bekehren, und es war etwas gegen das heidnische Brauchtum getan. Das berühmteste Halloween-Symbol ist aber der grinsende Kürbis, der sogenannte „Jack-O‘-Lantern“. Die Geschichte mit dem Kürbis sollen wir einem irischen Habenichts zu verdanken haben. Jack war zu seinen Lebzeiten ein böser Mensch und engagierter Trinker. Durch eine List gelang es ihm, den Teufel auf einen Baum zu locken. Flux ritzte er ein Kreuz in die Rinde. Der Teufel war gefangen und konnte nicht mehr herunterklettern. Weil Jack allerdings ein schlechter Mensch war, durfte er nach seinem Tod nicht in den Himmel. Aber auch der Teufel wollte ihn nicht in der Hölle haben, weil der ihn ja hinters Licht geführt hatte. Der Teufel kannte allerdings doch ein wenig Gnade. Er gab ihm ein Stück glühende Kohle, das er in eine Rübe steckte. Damit wandert Jack jetzt seit Ewigkeiten durch das Reich zwischen Himmel und Hölle. Laut Volksmund konnte man mit so einem Rübengeist Gespenster abschrecken. In Irland wurde eine Laterne in Gurken gesteckt. Die Iren in Amerika stopften dann wegen der besseren Größe die Lichter in einen Kürbis und schnitzten grinsende Gesichter hinein. Böse Menschen behaupten, das Fest sei so hohl wie der Kürbis selbst. Man sollte aber auch bedenken, daß Kürbisse auch in Deutschland eine große Geschichte haben. Die Nachkriegsgeneration erinnert sich noch gerne an die beliebte Vierfruchtmarmelade: drei Früchte, der Rest war Kürbis. Die Kinder waren dafür dankbar. Halloween hat natürlich auch für unsere Wirtschaft Folgen. Jede Dorfdisco veranstaltet zwischen Oktober und November unzählige Halloween-Partys, unsere Lebensmittelhersteller beglücken uns mit Joghurt mit Halloween-Smarties, und bei Mc Donald’s gibt es sicher auch wieder ein feines Menü. Nicht zu vergessen die Kürbiscremesuppe, die uns die Gastronomie freundlich offeriert. Kürbisse liefern auch wichtige Informationen: Wer einen Kürbis vor Haustüren herumliegen sieht, weiß sofort, daß der Monat Oktober vorbei ist und braucht den Kalender nicht mehr. Der letzte wahre Halloween-Held ist allerdings Linus von den „Peanuts“. Jedes Jahr geht er mit Schmusedecke bewaffnet in der Halloween-Nacht auf das Kürbisfeld und erwartet die Ankunft des großen Kürbisses, der ihm alle Wünsch erfüllt. Halloween: Seit über tausend Jahren beginnt mit Halloween, dem Abend des 31. Oktobers, ein hoher christlicher Feiertag: Allerheiligen (1.November). Am 2. November folgt dann Allerseelen, der Tag, an dem für die Verstorbenen gebetet wird. Anders als heute begann früher der neue Tag nicht um Mitternacht (0.00 Uhr), sondern abends. Aus diesem Grund kommt der Nikolaus noch heute vielerorts am Abend des 5. Dezember. Auch das Weihnachtsfest mit dem Heiligen Abend geht auf diese Tradition zurück. Das Wort „hallow“ stammt vom altenglischen „halga“ ( Heiliger) ab und steht in „Halloween“ für „halig“ (heilig). E’en, verwandt mit dem althochdeutschen „aband“, ist der Abschluß des Tages und Vorabend eines Feiertages.

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