Die Protagonistin des Films "Quo vadis, Aida" kämpft verzweifelt um ihre Familie Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited
Die Protagonistin des Films „Quo vadis, Aida“ kämpft verzweifelt um ihre Familie Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited

Filmkritik „Quo vadis, Aida“
 

Das Grauen wirkt durch Andeutungen

Europa, Bosnien und Herzegowina, Juli 1995: In einer stickigen Lagerhalle in der Nähe von Srebrenica sind bosnische Muslime, auch Bosniaken genannt, von bosnisch-serbischen Soldaten in eine Lagerhalle gepfercht worden. Fenster öffnen sich, Maschinengewehrläufe lugen herein und das Feuer wird eröffnet. Der Betrachter sieht die grausame Ermordung nicht, aber man erahnt sie.

Wie vieles in dem neuen Film der aus Sarajewo stammenden Regisseurin Jasmila Žbanić ist der Massenmord nur angedeutet. Im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT sagt sie, daß es sehr schwer sei, „Völkermord zu zeigen, ohne Bilder vom Morden zu zeigen.“

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Žbanić ist eine Chronistin des Bosnienkrieges. Für ihrem Debütfilm „Grbavica“, der die systematische Vergewaltigung von Frauen während des Krieges thematisiert, bekam sie auf der Berlinale einen Goldenen Bären. Ihr fünfter Film „Quo vadis, Aida“, der für den Auslands-Oscar nominiert ist, erzählt die letzten Stunden vor dem Fall der UN-Schutzzone Srebrenica. Der Film beginnt kurz vor der Einnahme der Stadt durch General Ratko Mladić (Boris Isaković). Unter seiner Führung ermordeten Einheiten der bosnischen Serben im Juli 1995 insgesamt 8.372 bosniakische Männer.

Der Film springt mitten ins Kriegsgeschehen

Das Massaker wurde kurze Zeit später als Völkermord eingestuft und dessen Leugnung steht in Bosnien und Herzegowina mittlerweile unter Strafe. Es gilt als das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ratko Mladić wurde im November 2017 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Die Ereignisse werden im Film aus der Perspektive der Übersetzerin Aida (Jasna Đuričić) erzählt. Keine Vorgeschichte, wie es zum Zerfall des Vielvölkerstaates Jugoslawien kam, der Film springt mitten ins Geschehen.

Vor dem Krieg war Aida Lehrerin. Jetzt findet sie sich plötzlich in der Rolle der Mittlerin, die auch Dinge übersetzen muß, mit denen sie nicht übereinstimmt. Bloß über ihre Mimik und Gesten kann sie versuchen, ihre eigene Meinung kundzutun. Die serbischen Truppen stehen vor der Stadt. Das Foto des niederländischen Colonel Karremans (Johan Heldenbergh) ist damals zum Sinnbild des Versagens der internationalen Gemeinschaft geworden.

Aida will ihre Familie retten

Karremans versucht, Luftunterstützung von der NATO anzufordern, die ihm jedoch versagt wird. Danach begeht er einen weiteren Fehler, der das Schicksal der Bosniaken in Srebrenica endgültig besiegeln wird. Er gewährt den serbischen Soldaten Zugang zum Gelände der Uno-Schutzzone, wohin zigtausende Bosniaken vor den Serben geflohen sind. Aida ahnt, daß Karremans die Situation nie wieder unter Kontrolle bekommen wird. Draußen vor dem Uno-Gelände bangen noch über 25.000 Menschen um den vermeintlich sicheren Einlaß.

Durch einen Trick will sie ihre Familie retten und sie in Sicherheit bringen. Zuerst aus der Stadt, vorbei an den Serben, doch als das nicht klappt, probiert sie, sie auf dem mittlerweile geräumten Gelände zu verstecken.

Den Zuschauern wird es nicht immer leicht gemacht, hinzusehen, obwohl die Gräuel weitestgehend ausgespart werden. Der Film versucht auch nicht, ein moralisches Urteil über die Akteure zu fällen. Vielmehr ist er laut Regisseurin „für viele Menschen in Bosnien, Serbien, aber auch in Europa eine kathartische Erfahrung“. Sie frage sich auch, wohin geht die neue Generation in Bosnien und Herzegowina? Deswegen sei „die Premiere der jungen Generation gewidmet gewesen, die nach dem Völkermord geboren ist. Sie sollte wissen, was passiert ist, sie soll es erkennen, aber sie soll sich davon emanzipieren und weitermachen.“

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Der Film „Quo vadis, Aida?“ läuft seit dem 5. August im Kino. 

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