Ein Panorama des Schreckens

Die Titel der Gedenkjahre, die die Uno ausruft, werden immer komplizierter. In der Vergangenheit sprach man etwa vom „Jahr des Delphins“ (JF 2/07) oder vom „Jahr der Sprachen“ (JF 2/08), wo also die Delphine bzw. die kleinen Sprachen gefeiert und besonders ans Herz gelegt wurden. Andererseits gab es schon Jahre, wo nichts gefeiert, sondern im Gegenteil etwas bekämpft werden sollte, siehe das „Jahr der Wüste“ (JF 2/06), die sich immer weiter ausbreitet. 2010 ist nun zum „Jahr der Biodiversität“ ausgerufen worden. Soll man diese Biodiversität feiern? Soll man sie bekämpfen? Was heißt überhaupt Biodiversität?

Es ist ein Kunstwort aus dem Jahre 1985 und bedeutet „Vielfalt des Lebens“. Diese Vielfalt ist bekanntlich bedroht, immer mehr Arten geraten auf die tragische Rote Liste und sterben aus, immer mehr Urwälder werden abgeholzt, die Meere sind überfischt, Moore und Feuchtgebiete verschwinden. Alle diese Tatbestände sind freilich in früheren Gedenkjahren schon gründlich in Erinnerung gerufen und ausführlich beklagt worden. 2010 soll die Misere jetzt offenbar einmal in ihrer gesamten Horizontbreite ins Bild rücken, das ganze Panorama des Schreckens sich ausbreiten.

Ob solches Anliegen gut ist und wahres Interesse weckt? Eher ist zu befürchten, daß das Interesse abnimmt. Allzu allgemein ist ungesund. Zwar soll man sich nie so sehr in bestimmte Einzelheiten verbeißen, daß man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, doch man kann auch die Bäume vor lauter Wald nicht mehr sehen. Der ökologische Diskurs entartet dann zu purem Geschwätz. Es gibt keine Handlungsanleitungen mehr, sondern nur noch diffuses Greinen, ein mediales Hintergrundrauschen, das gar niemand mehr wahrnimmt.

Wenn das „Jahr der Biodiversität“ wenigstens einen Minimaleffekt haben soll, dann müssen die einschlägigen Uno-Konferenzen, Lehrveranstaltungen und Umweltschützer-Seminare ihre Programme schleunigst konkretisieren und sich neuartigen oder bisher vernachlässigten Aspekten der Lebensvielfalt zuwenden. Und der wichtigste dieser Aspekte ist zweifellos die sogenannte genetische Vielfalt. Ohne genetische Vielfalt kann es weder Artenvielfalt noch Vielfalt von Lebensräumen und Landschaften (Ökosystemen) geben.

Experten warnen schon seit langem vor der „genetischen Erosion“, die durch die menschliche Landwirtschaft in die Wege geleitet worden sei und inzwischen erschreckende Dimensionen angenommen habe. Über Jahrtausende hinweg wurden etwa 3.000 verschiedene Sorten Weizen, 5.000 Sorten Reis und 6.000 Sorten Mais gezüchtet. Heute werden nur noch wenige Dutzend sogenannter Hochleistungssorten angebaut. Weltweit liefern nicht mehr als dreißig Arten 95 Prozent aller pflanzlichen Nahrungsmittel; der Rest hat sich wieder verwildert und in abgelegene, oft schwer zugängliche Bergregionen zurückgezogen.

Dadurch verarmt nicht nur die Flora rapide, sondern die ganze menschliche Ernährungsgrundlage wird bedroht. Bakterienstämme stellen sich auf die privilegierten Hochleistungssorten ein, deformieren sie, „vergiften“ sie, machen sie für die Produktion unbrauchbar. Das Leben der Arten braucht eben zu seinem Erhalt nicht nur Nahrung, sondern auch ständige genetische Auffrischung, es muß sich resistent halten gegen den ewigen, unendlich variablen Zersetzungs­angriff durch Bakterien und Viren, und diese Resistenz ist einzig durch genetische Vielfalt zu gewährleisten.

Nahrungsmittelkonzerne engagieren „Scouts“, hochqualifizierte Pfadfinder-Biologen, die den Auftrag haben, in abgelegenen Gegenden nach den Restbeständen von einst von der Industrie ausrangierten „Mindersorten“ zu fahnden und sich deren Gene anzueignen, um sie in die Forschungsabteilungen der Produktionsorte zu verbringen. Und da die „Mindersorten“ meistens in Ländern der Dritten Welt beheimatet sind, die Forschungsabteilungen aber in den USA oder Europa, legen sich die „widerrechtlich ausgeraubten“ Dritte-Welt-Länder quer und fordern hohe Transfersummen. Ein regelrechter Krieg um die Gene bahnt sich an.

Die Uno verfügt indes über keine wirksamen Mittel, um diesen Krieg zu verhindern, sowenig wie sie bisher imstande war, andere Lebensvielfalten zu schützen. Dreizehn Millionen Hektar Waldfläche gehen zur Zeit jährlich verloren, insbesondere durch Brandrodungen, mit denen man Platz für die neuartigen Ölpalmen-Plantagen gewinnt. Achtzig Prozent aller Korallenriffe sind mittlerweile zerstört, dreißig Prozent aller im Jahr 2000 gezählten Mangrovensümpfe sind verschwunden. Die Uno weiß dagegen lediglich hochmögende, äußerst teure internationale Kongresse zu organisieren, die dann regelmäßig im Desaster enden wie unlängst die Weltklimakonferenz von Kopenhagen.

In Sachen genetische Erosion will man im Jahr 2010 zu einer „entscheidenden Konferenz“ über Access and Benefit Sharing (ABS) zusammentreten, auf deutsch: geregelter Zugang zu genetischen Ressourcen und gerechter Vorteilsausgleich. Genetische Vielfalt nützt ja nicht nur der Nahrungsmittelindustrie in den westlichen Ländern, sondern auch der dortigen Biotechnologie (Bionik), der Medizin und nicht zuletzt der Kosmetik. Alle diese „Vorteilsnehmer“ sollen endlich kräftig zur Kasse gebeten werden, sei es über Bargeldzahlungen, sei es, daß sie ihre Produkte und Forschungsergebnisse zu Vorzugspreisen an die „genetischen Geberländer“ ausliefern.

Es geht, wie schon in Kopenhagen, weniger um die Rettung der genetischen Vielfalt und damit um die Rettung der Welt, sondern schlicht um Geld. Die Merkel-Regierung in Berlin hat bereits signalisiert, daß sie sich beim Biodiversitäts-Sharing einem gerechten Finanzausgleich nicht verschließen werde. Man müsse allerdings zunächst noch „völkerrechtlich verbindliche Regeln“ zu diesem Thema erarbeiten, beispielsweise über ein Zertifizierungssystem zur Herkunft genetischer Ressourcen. Auch bei der Rettung der Welt muß alles seine bürokratische Ordnung haben.

Ironie und Sarkasmus beim Blick auf das „Jahr der Biodiversität 2010“ liegen nahe, bieten sich geradezu an. Und doch ist es schade um das Thema. Denn es ist ja wahr: Biodiversität, artliche, ökologische und genetische Vielfalt, ist der Grund und die Voraussetzung allen Lebens. Differenz geht vor Gleichförmigkeit, Differenzierung vor Gleichmacherei, und das gilt selbstverständlich auch für die menschliche Gesellschaft, die ein machtvoller Zweig des Lebens hier auf Erden ist. Wer im Verkehr der Völker untereinander die Gleichmacherei über die Differenzierung stellt, der ist auch nicht in der Lage, die Vielfalt des Lebens insgesamt zu erhalten.

Foto: Regenwald in Kambodscha: Jedes Jahr gehen laut Welternährungsorganisation FAO weltweit etwa 13 Millionen Hektar Wald verloren

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