Zwangslogisches Massensterben

Der akademische Nachwuchs in der Geschichtswissenschaft muß sich anscheindend zunehmend der Randaspekte und Nebengestalten der Historie annehmen, will er Originalität beweisen. Mitunter entsteht daher der Eindruck, als sei seit 1989 jeder Beteiligte am Widerstand gegen das NS-Regime, ebenso aber jeder höhere SS-Führer und jeder General inzwischen mit einer Biographie bedacht worden.

Daß der in den letzten Stunden der Schlacht um Stalingrad noch zum Generalfeldmarschall beförderte Friedrich Paulus in dieser Forschungskonkurrenz zwangsläufig „an die Reihe“ kommen mußte, war darum nur eine Frage der Zeit. Der am Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) in Potsdam tätige Torsten Dietrich, Jahrgang 1956 und bis 1989 tätig am Militärgeschichtlichen Institut der DDR, hat in diesem Rennen die Nase vorn gehabt und legt eine allen Lebens- und Karriereverästelungen nachspürende, erschöpfende 500-Seiten-Arbeit über den unglücklichen Feldmarschall vor: Anfang und Ende der „Paulus-Forschung“.

Der hessische Berufsoffizier, Infanterist, der sich zu Reichswehrzeiten der modernen Panzerwaffe zuwandte, war einer der Väter des „Barbarossa“-Plans, des Krieges gegen die Sowjetunion. Als Oberbefehlshaber der 6. Armee hatte er im Sommer 1942 die Gelegenheit, seine im Winter vor Moskau 1941 gescheiterte Konzeption im zweiten Anlauf zum erfolgreichen Abschluß zu bringen. Der Ausgang seines Vorstoßes zur Wolga ist als „Wendepunkt“ des Zweiten Weltkrieges nur zu bekannt.

Dietrich bringt zum Ablauf des „organisierten Massensterbens“ (General Hube) im „Kessel“ von Stalingrad zwar keine neuen Befunde bei, schildert die Katastrophe aber nochmals anschaulich als geradezu „zwangslogisches“ Resultat aus einer Kette schwerer Fehlentscheidungen, an denen auch der „subalterne“, zu selbstständiger Entscheidung unfähige Paulus seinen Anteil hatte. Dem mittlerweile herrschenden militärhistorischen Urteil, daß das Ausharren an der Wolga den Zusammenbruch der gesamten deutschen Südfront zwischen Kaukasus und Don verhindert habe, stimmt Dietrich allerdings zu. Neuland betritt er in den umfangreichen Kapiteln über Paulus in sowjetischer Gefangenschaft, als „widerspenstige“ Galionsfigur des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ und des „Bundes Deutscher Offiziere“, sowie über das Leben des in „tiefe Depressionen“ versinkenden Pensionärs in Ulbrichts DDR, wo er 1957 verstarb.

Torsten Dietrich: Paulus. Das Trauma von Stalingrad. Eine Biographie. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2008, gebunden, 580 Seiten, Abbildungen, 39,90 Euro

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