Transportable Heimat

Im Prozeß der Europäisierung und Globalisierung hat in den letzten Jahrzehnten die Bedeutung von Fremdsprachenkenntnissen erheblich zugenommen. Nach einer Empfehlung der EU sollen in Zukunft alle Heranwachsenden neben ihrer Muttersprache zwei weitere Sprachen in ausreichendem Maße beherrschen – eine Forderung, die von den meisten deutschen Abgeordneten unterstützt wird.

Zur gleichen Zeit beklagen in Deutschland viele Bürger einen zunehmenden Verfall der deutschen Sprache. Laut einer Allensbach-Umfrage aus dem letzten Jahr waren fast zwei Drittel der Befragten der Auffassung, daß die deutsche Sprache „immer mehr zu verkommen“ drohe. 54 Prozent meinten, daß die Jugendlichen von heute Deutsch schlechter beherrschten als Gleichaltrige vor 20 Jahren. Insgesamt 80 Prozent der Befragten forderten deshalb ein deutlich stärkeres Engagement für den Schutz der deutschen Sprache.

Wohin also geht die Reise? Ist im Zuge der Globalisierung mit einem weiteren Bedeutungsverlust der deutschen Sprache zu rechnen? Oder könnte in Zukunft das Deutsche im internationalen Maßstab sogar eine größere Rolle spielen, weil mehr Europäer diese Sprache lernen? Und wie sind die Sorgen vieler Deutschen vor einer sprachlichen „Verluderung“ ihrer Muttersprache zu bewerten? Zur Beantwortung dieser Fragen lud die CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag kürzlich zu einem Fachgespräch „Sprache schafft Identität“ ins Berliner Paul-Löbe-Haus ein.

Die renommierte Kammersängerin Edda Moser berichtete von ihrer Amerika-Erfahrungen mit zahlreichen Emigranten, die Deutschland bereits vor vielen Jahrzehnten verlassen hatten. Dennoch hätten sie immer noch „ein reichhaltiges und blühendes Deutsch“ beherrscht. Für viele von ihnen sei die Sprache zu einem „transportablen Heimatland“ geworden, so Moser. Im Gegensatz dazu habe sie nach ihrer Rückkehr nach Deutschland festgestellt, wie sehr die deutsche Sprache hier bereits „verarmt“ sei. Zahlreiche Worte und Ausdrücke würden im täglichen Gebrauch kaum noch verwendet, was mit einem großen Verlust an Kulturgut einhergehe. Es müsse stärker ins öffentliche Bewußtsein dringen, daß „ein Vergehen an der Muttersprache einem Vergehen an der Menschheit“ gleichkomme, so Moser in einem leidenschaftlichem Plädoyer. 

Dagegen vertrat der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache, Rudolf Hoberg, die Ansicht, daß die Klagen über den Sprachverfall in Deutschland „nichts Neues“ seien. Die Deutschen hätten immer schon Schwierigkeiten mit ihrer Sprache gehabt, die wiederum zumeist auf Identifikationsprobleme zuzuführen seien. Gleichwohl sei das Bewußtsein für die deutsche Sprache als kulturellen Schatz in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Dennoch werde es in Zukunft noch wichtiger, so Hoberg, eine die Grenzen überwindende Sprache gut zu beherrschen. Dies erfülle Englisch „auf hervorragende Weise“.

Auch die Vorsitzende der Arbeitsgruppe Kultur und Medien der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Monika Grütters, wertete die Mehrsprachigkeit als wichtige Voraussetzung für den internationalen Dialog. Die Bedeutung der gemeinsamen Kommunikation werde gerade innerhalb einer Gemeinschaft, die sich auf gleiche kulturelle Wurzeln stütze, weiter wachsen. Die Forderung der EU, daß jeder Bürger im Regelfall nicht nur eine, sondern zwei Fremdsprachen lernen solle, führt laut Grütters jedoch keineswegs zu einem Bedeutungsverlust der deutschen Sprache im internationalen Maßstab, sondern vielmehr zu einer Stärkung. In vielen Ländern bestehe ein großes Interesse daran, neben dem Englischen Deutsch als zweite Fremdsprache zu wählen, sagte Grütters.

Ebenso bekannte sich die stellvertretende Vorsitzende der Enquetekommission „Kultur in Deutschland“, Rita Pawelski, zum Trend der Mehrsprachigkeit. Dieser dürfe jedoch auf keinen Fall mit einer „Verleugnung der deutschen Sprache“ einhergehen. So habe es über viele Jahre an dem entsprechenden Willen auf internationaler Ebene gefehlt, der deutschen Sprache in Europa eine angemessene Stellung zu verschaffen. Lange habe es etwa gedauert, bis durchgesetzt werden konnte, daß die meisten Dokumente der EU auch in deutscher Sprache vorliegen müssen, da eine solche Forderung als „Deutschtümelei“ angesehen wurde.

Unterstützung erhielt Pawelski vom ehemaligen CSU-Staatsminister und heutigen Vorsitzenden der Hanns-Seidel-Stiftung, Hans Zehetmair. Die Wurzeln der Vernachlässigung der deutschen Sprache lägen hauptsächlich „im mangelnden Selbstbewußtsein der Deutschen“, so Zehetmair. Der tatsächliche Wert der deutschen Sprache sei über mehrere Jahrzehnte auf nationaler wie internationaler Ebene zu wenig verdeutlicht worden. Die Entscheidung der rot-grünen Bundesregierung, zahlreiche deutschen Schulen und Goethe-Institute im Ausland zu schließen, stellte ebenso einen Fehler dar wie die Bestrebungen der Werbe-, Finanz- und Verkehrsbranche sowie der Universitäten, sich mit Hilfe einer fragwürdigen Anglisierung vieler Begriffe ein internationales und modernes Image zu geben. Hier sei das Parlament aufgefordert, in Zukunft noch deutlichere Zeichen zu setzen.

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