Kanonaden gegen Lauheit und Relativismus

Unzeitgemäß, kantig und leidenschaftlich – mit diesen Worten läßt sich sowohl der französische Schriftsteller Léon Bloy (1846–1917) charakterisieren als auch der Verlag, der seine Bücher im deutschsprachigen Raum veröffentlicht: der in Wien ansässige Karolinger Verlag. Das Gedankengut des in Deutschland immer noch wenig bekannten Bloy wurde von Carl Schmitt und Ernst Jünger erstmals für die konservative Avantgarde entdeckt. Die Bloy-Rezeption wurde dann nochmals erweitert durch Gertrud Fussenegger, die ihren Roman „Zeit des Raben – Zeit der Taube“ (1960) an dessen Biographie anlehnte. Dem Schweizer Theologen Hans-Urs von Balthasar kommt das Verdienst zu, Léon Bloy im katholischen Leserkreis bekannt gemacht zu haben. Mit den Tagebüchern legt Karolinger – laut Sigrid Löffler ein „Dunkelmännerverlag“ (Literaturen) – jetzt schon das dritte Werk des temperamentvollen Querdenkers vor. Die Textgattung weckt zunächst einmal den Verdacht, hier läge Spezialliteratur für ausgewiesene Kenner vor. Doch dem ist nicht so. Ähnlich wie Nicolás Gómez Dávila (ein weiterer Autor, um den sich der Verlag verdient gemacht hat) ist Bloy ein Denker gegen den Strom der Zeit, der seine Kritik in scharfzüngige Worte packte. Diese kommt nun einmal in Essays, Aphorismen oder Tagebüchern am besten zur Geltung. Schon als Vierzehnjähriger begann Bloy nach dem Rat seines Vaters Tagebuch zu schreiben. Mit neunzehn gab er diese Gepflogenheit wieder auf, um sie mit 45 erneut zu beginnen – jetzt aber mit enormer Intensität. Daher ist das Leben Bloys in seiner letzten Phase bis zu seinem Tod im Alter von 71 Jahren ausführlich dokumentiert. Er selbst veröffentlichte mehrfach Auszüge hieraus. Die vorliegende Auswahl enthält nur zwei Prozent der Textmenge, was sie für den Wissenschaftler unbrauchbar macht. Dieses Buch, das auch als Blütenlese bezeichnet werden kann, verfolgt eher den Zweck, einen Einblick in die Gedankenwelt Bloys zu eröffnen. Hier wurden bewußt jene Stellen herausgegriffen, in denen dessen ganzes Temperament spürbar wird. Dies sorgt auf jeden Fall für hohen Unterhaltungswert. Dazu trägt auch die gelungene Übersetzung von Peter Weiß bei, die im Gegensatz zu früheren deutschen Fassungen das Sperrige an Bloys Sprachstil erhalten hat. Die Sprache entspricht dem Inhalt. Nicht nur unbequeme Gedanken werden dargeboten, so wenn Bloy die technischen Errungenschaften der Moderne in Bausch und Bogen verdammt. Oftmals läßt sich der glühende Katholik auch zu Beschimpfungen hinreißen. Dann blitzt etwas von jenem „heiligen Zorn“ auf, von dem die alttestamentlichen Propheten ergriffen waren, in deren Tradition er sich sieht. Schon Franz Kafka sagte über Bloy: „Bloy kann schimpfen. Das ist etwas ganz Außergewöhnliches. Bloy besitzt ein Feuer, das an die Glut der Propheten erinnert. Was sage ich: Bloy schimpft viel besser. Das ist leicht erklärlich, da sein Feuer von allem Mist der modernen Zeit genährt wird.“ Und Bloy selbst schreibt: „Ich bin ganz einfach Antischwein und als solcher der Feind der Welt, einer, der ziemlich die ganze Welt ankotzt! In diesem Sinne bin ich der ganzen Menschheit ihr erbarmungsloser Geißeler und Züchtiger.“ Die vorherrschende Thematik der Tagebücher ist sein Leiden an einer gottlosen Gesellschaft, an der Sünde und an der eigenen Armut. „Wovon werden wir morgen leben, wann werden wir die Putzfrau bezahlen können?“ Den einzigen Halt fand er im katholischen Glauben. Im Mitleiden mit Christus sah er seine Berufung. Unermüdlich kämpfte er gegen die religiöse Lauheit und gegen den Relativismus in jeder Form. Er nannte sich selbst „Pilger des Absoluten“, doch er war auch der bedeutendste Pamphletist. Léon Bloys gewaltsame Sprache hat zu allen Zeiten bedächtige Menschen abgeschreckt und Nonkonformisten angezogen. Letztere werden sich für seine Tagebücher gewiß begeistern können, finden sie doch hier nicht nur einen reichen Fundus an pointierten Zitaten, sondern auch Inspiration und Bestärkung im allgegenwärtigen Daseinskampf. Peter Weiß (Hrsg.): Léon Bloy. Tagebücher 1892–1917. Karolinger Verlag, Wien und Leipzig 2008, gebunden, 208 Seiten, 24 Euro

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