Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

In Stein gehauener Wille zur Macht

Knapp eine Stunde braucht der Zug von Madrid bis zur Station Escorial. Genügend Zeit, um in Giselher Wirsings Buch „Das Zeitalter des Ikaros“ das Doppelkapitel „Ein Nachmittag in Madrid. Ein Abend am Escorial“ zu lesen, ehe das Schloß der spanischen Könige in Sichtweite kommt. Wirsing (1907–1975), Star-Journalist im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, schreibt über die Eindrücke, die er – mitten im Zweiten Weltkrieg – bei einem Zwischenstopp auf dem Weg von Lissabon nach Deutschland hier sammelte.

1930 war er zum jungkonservativen Tat-Kreis um Hans Zehrer gestoßen (vgl. „Messerscharfe Analysen eines Opportunisten“, JF 16/08). Sein „Ikaros“-Buch erschien 1944 bei Diederichs in Jena. Wirsing machte sich über die damalige Lage keine Illusionen. Sein Text enthält mancherlei Verbeugungen vor dem Zeitgeist und gehört doch zum Scharfsinnigsten und Elegantesten, was die politische Essayistik in Deutschland hervorgebracht hat.

Verteidiger des wahren Glaubens

Der Escorial bildet ein gewaltiges, 208 mal 162 Meter großes Rechteck aus grauem Granit. Die Fassaden sind streng und beinahe schmucklos. Die strengste und eindrucksvollste ist die Südfassade. Das Untergeschoß ist leicht angeschrägt, so daß eine unmerkliche, aber nachdrückliche Dynamik von ihr ausgeht. Der Gebäudekomplex wurde 1584 nach 17jähriger Bauzeit vollendet. Philipp II., der sich als Verteidiger des wahren Glaubens verstand, hatte 1557 vor einer Schlacht gegen die französische Armee gelobt, im Falle des Sieges ein Kloster zu gründen und es dem spanischen Märtyrer, dem Heiligen Laurentius, zu weihen. Der Grundriß ist dem Eisenrost nachempfunden, auf dem Laurentius von den Römern zu Tode gemartert wurde.

Zu Philipps Zeit lag das Schloß als Solitär auf der kargen, sonnendurchglühten Hochebene. Noch Wirsing erlebte es 1943 unberührt von Touristenströmen in majestätischer Einsamkeit. Der Escorial erschien ihm wie ein „heiliger Bezirk“, als das „spanische“, ja „das Delphi der südeuropäisch-katholischen Kultur“. In Spanien, schrieb er, gebe es „ein ebenso feines wie geschärftes Empfinden“ für die Gefahren, die Europa von den zwei „Einheitszivilisationen“ drohten: vom technisierten Nomadentum aus dem Osten und dem „heuschreckenhaften“, „bekochten, beschulten, bestandpunkteten“ Konsummenschen des Westens. Im Angesicht des Schlosses sinnierte er, „daß wahre Größe nur dort sein kann, wo sich ein fast abstrakter Mut zur Schlichtheit mit dem ausgewogenen Maß verbindet. Dort überall ist das neugeborene Europa, wo man das empfindet.“

Der Escorial ist ein steingewordener Wille zur Macht. Ein Bekenntnis, das an Stolz und Überzeugungstreue dem lutherischen „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ in nichts nachsteht. Von hier aus hat der tieffromme König Spanien und sein Weltreich regiert, die Gegenreformation und den Plan der katholischen Universalmonarchie betrieben, an dem sein Vater, Kaiser Karl V., gescheitert war. Der Wohnpalast im nördlichen Teil der Anlage umschließt den Chor der Klosterkirche. Philipps Domizil war ein Eckzimmer, von dem zwei kleine Zellen abgeteilt sind: die Arbeits- und die Schlafnische, in der er 1598 starb. Vom Schlafraum blickte er zur einen Seite auf den Hauptaltar der Kirche, zur anderen auf die weite Landschaft.

Der Palastbau sollte von der Bändigung des Raumes wie vom Triumph über die Zeit künden. Der erwies sich bereits zu Lebzeiten Philipps als Illusion. „Aber es tropft Stunde um Stunde dahin. Während der König noch lebt, wird der Escorial schon zum Grabdenkmal. Nicht für seinen müden Leib und den Vater, die Ahnen, die Frauen der Könige, die er aus ganz Spanien hierher bringen ließ – sondern für sein Werk und sein Reich. Es gelingt fast nie, zugleich Raum und Zeit zu beherrschen. (…) Mit der Unterwerfung des Raumes flieht die Zeit aus den Ketten und wird frei – gewärtig, dem Herrenwink eines neuen Gewaltigen zu folgen.“ Eine Anspielung, daß Wirsing den in der düsteren „Wolfsschanze“ hausenden Hitler für erledigt hielt.

Auch Philipps Machtwille brach sich an den Realitäten. Zwar machte er glänzende Eroberungen, doch gingen 1579 die Niederlande verloren und erlitt die Armada 1588 die entscheidende Niederlage gegen England. Drei Staatsbankrotte fielen in seine Regentschaft. In die Bewunderung mischt sich das Wissen um die Vergeblichkeit, und je länger man den Bau durchschreitet, desto größer wird die Beklemmung. Woher rührt sie? Nur aus dem nachträglichen Wissen her oder aus dem Bauwerk selbst?

Der Escorial war Kirche, Kloster und Forschungsstätte, Palast und Regierungszentrale, Bibliothek und Grablege der Könige. Er symbolisierte den Anspruch auf die Einheit und Identität von religiöser, weltlicher und geistiger Macht. Die Dynastie der spanischen Habsburger sollte diese Einheit garantieren! Schon Philipp konnte diesen Anspruch nicht erfüllen, und nach dem Tod des Königs wirkte er grotesk.

Das läßt sich an den Gemälden im Madrider Prado ablesen, die Velazquez und Tizian von seinen Nachfolgern anfertigten. Philipp III. versteckte seine Schwäche hinter einem Hochmut, der ihm zur eigentlichen Natur wurde. Bei Philipp IV. verbindet die Schwäche sich mit Melancholie, sein Sohn Carlos ist ein Kretin. Es ist nicht nur eine biologische Degeneration, die sich hier spiegelt, sondern auch die immer größere Entfremdung der Könige vom Lauf der Welt. Die königlichen Gesten, welche die Identität von Erkenntnis und Macht, von Repräsentation und Wahrheit unterstreichen sollen, verkümmern zu Zeichen subjektiver Schwachheit und fruchtloser politischer Reaktion.

1511 hatte Erasmus von Rotterdam das „Lob der Torheit“ gesungen und mit dem Mittel der Ironie die mittelalterlichen Denkgrundlagen zugunsten der Mehrdeutigkeit und des variablen Urteils aufgehoben, ohne allerdings den christlichen Glauben anzutasten. Und als Philipps Herrschaft sich achtzig Jahre später dem Ende zuneigte, schrieb Cervantes am „Don Quixote“. Der Ritter von der traurigen Gestalt wirbelt seine Umwelt durcheinander, indem er Halluzinationen in Realität verwandelt. Don Quixotes Trugbilder entstammen – und darin liegt die ironische Zeitkritik – den seichten Ritterromanen, die der Lebensweise des funktionslosen Landadels huldigen. Der Escorial jedoch sperrt Kritik und Zweifel konsequent aus. Damit steht er auch für die Erstarrung des Königtums und des Staates, die sich der Gegenreformation verschrieben hatten. Am Ende nützten selbst die Gold- und Silberflotten aus Übersee nichts, denn es existierte keine moderne Wirtschaft, in der das Kapital arbeiten konnte.

In einem der Säle hängt El Grecos „Das Martyrium des Heiligen Mauritius“. Das Gemälde war ursprünglich für den Kirchenaltar vorgesehen, wurde aber vom König zurückgewiesen. Dabei haben der König und der Maler vieles gemeinsam: die starke Persönlichkeit, die Spiritualität und Frömmigkeit, den Willen zum Unbedingten.

Im Prado sind zwei große Räume exklusiv für El Greco reserviert. Eine weitere bedeutende Sammlung befindet sich in Toledo, darunter der Apostel-Zyklus. Oft sind die Figuren ins Gebet versenkt oder in Ekstase. Wirsing meint, es handele sich „um die Verwandlung des Menschen in eine andere Substanz. Also (um) das Mysterium selbst, das in allen Religionen den Priestern vorbehalten bleibt.“

Der Vorgang läßt sich auch vorsichtiger interpretieren: Die irdische Substanz wird von einem gewaltigen, überirdischen Sog erfaßt und gedehnt, so daß die Figuren einerseits ganz von dieser Welt, aber sich ihres transitorischen Charakters bewußt sind und deshalb gleichzeitig in eine überirdische Dimension hinüberreichen. Sie halten das Gleichgewicht zwischen Weltlichkeit und Spiritualität, sie sind Tatmenschen und Gefäße des Göttlichen, von verblasener Weltlosigkeit genauso weit entfernt wie von der Banalität des „Letzten Menschen“, der blöde blinzelt. Wirsing hat freilich recht damit, daß die Gemälde über das Christliche im dogmatischen Sinne hinausgehen. Das irritierte den König – als Gläubigen wie als Politiker.

Großes Bemühen, großes Scheitern

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen dem Künstler und dem König: El Greco malt eine Energie, die im Menschen zeitweilig Wohnung nimmt, ihn zur Größe führt und dabei gewaltiger ist als alle Riten, Formen, Vorstellungen und alles zeitgebundene Wissen. Philipp dagegen, der eine praktische Synthese aus Spiritualität und Machtwillen erstrebte, hat die Energie in ein religiöses und politisches Dogma zu pressen versucht, natürlich vergeblich. So erzählt der Escorial von einem großen Bemühen – und von einem großen Scheitern.

Spanien hat in der europäischen Geschichte bald nur noch Nebenrollen gespielt. Wirsing zitiert einen Gesprächspartner mit der Frage, ob die Deutschen tatsächlich bereit seien, „die Verpflichtung auf (sich) zu nehmen, die mit der Begründung eines über Nationen hinausgreifenden Reiches verbunden sei“. Vor dem Zeithintergrund damals – über den der Spanier nur unvollständig Bescheid wissen konnte – erscheint die Frage heute frevelhaft. Die Antwort hatte sich ohnehin erübrigt, zwei Jahre später war Europa aufgeteilt: Zwischen den zwei „Einheitszivilisationen“ und ihren Varianten des „Letzten Menschen“. Beide haben sich 1989 gemischt. Der Sog, den El Greco gemalt und den Philipp als Politiker zu bannen versucht hat, scheint alle Kraft verloren zu haben.

Und doch: Daß dieses Bauwerk und diese Bilder – und zwar zur selben Zeit – möglich waren, das ist erhebend. Weniger mutlos als zuvor, verläßt man den Ort.

Fotos: Königliches Schloß Sankt Laurentius von El Escorial: Die im 16. Jahrhundert erbaute Anlage sollte von der Bändigung des Raumes wie vom Triumph über die Zeit künden, El Greco, „Das Martyrium des Heiligen Mauritius“

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