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Helden der Stunde

Die Reaktion des Deutschen Taschenbuchverlags (DTV) erfolgte nur einen Tag später, die Kapitulation war bedingungslos, der Ton unterwürfig. Am 10. Mai war in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) der Artikel „Ein grotesker Kanon“ des Feuilletonchefs Volker Weidermann erschienen. Weidermann nahm sich das zweibändige Standardwerk „Daten Deutscher Dichtung“ von Elisabeth Frenzel zur Brust: kein Tucholsky, kein Kisch, kein Oskar Maria Graf, kein Klaus Mann, dafür die „Nazischriftsteller“ Kolbenheyer und Ina Seidel und die „katholische Schwarmschriftstellerin“ Gertrud von Le Fort. Weidermann sieht darin einen Beleg für „die Lücke in der deutschen Literatur“, die mit der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 in Berlin gerissen wurde und immer noch klaffe.

Schuld daran, muß der Leser schließen, ist der Einfluß der Germanistin Elisabeth Frenzel, die mit ihrem in 35 Auflagen erschienene Standardwerk Generationen von Studenten, Verlegern, Bibliothekaren verdorben hat. Mit Zitatklauberei aus ihrer 1940 verfaßten und von den Zeitumständen geprägten Dissertation will Weidermann eine Fernwirkung der NS-Ideologie nachweisen. Und das nicht nur bei Frenzel: „Die Bücherverbrennung war eben nicht die verrückte Idee einiger wahnsinniger Nazi-Funktionäre gewesen, sondern das Werk von deutschen Germanistikstudenten, Bibliothekaren, deutschen Bürgern. Und die waren nach dem Krieg noch die gleichen. (…) Erst Ende der sechziger Jahre begann sich Grundsätzliches zu ändern. Aber es gibt Kontinuitäten.“ Besonders übel hat der rüstige 40jährige vermerkt, daß die heute 94jährige Frenzel, die in einem Berliner Pflegeheim verdämmert, sich zu keinem Gespräch mit ihm bereit fand. NS-Exorzismus ist auch in der FAZ und FAS schon lange die Regel, aber selten in so tückischer Weise.

„Ein grotesker Kanon“: Eine vom FAZ-Feuilleton-Übervater Marcel Reich-Ranicki herausgegebene Buchreihe heißt „Der Kanon – die deutsche Literatur“. Reich-Ranicki hat Weidermanns Buch „Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute“, das allgemein als eitel-überflüssig verrissen wurde, als „erfreulich und erstaunlich“, „gründlich und solide“, „belehrend und amüsant zugleich“ gelobt. Elke Heidenreich, die sich bis vor kurzem für eine Reich-Ranicki-Gesegnete hielt, lobte Weidermanns Buch in ihrer ZDF-Sendung „Lesen!“, worauf es auf Platz 6 in der Spiegel-Bestseller-Liste stieg. Was Wunder, daß Weidermann nach dem Motto handelt: Es soll keinen anderen Kanon geben neben dem meines großväterlichen Förderers und Meisters! Außerdem hat Weidermann im vergangenen Jahr „Das Buch der verbrannten Bücher“ veröffentlicht – ein weiterer Grund, um sich zum 76. Jahrestag der Bücherverbrennung in Erinnerung zu rufen.

Am 12. Mai präsentierte die FAZ stolz die Vollzugsmeldung: DTV-Verleger Wolfgang Balk teilte mit, daß Frenzels Buch sofort aus dem Programm genommen wird. „Selbstverständlich können wir der ausführlichen Darstellung – auch wenn sie uns peinlich berührt – nichts entgegensetzen.“ Angesichts solcher Windungen möchte man ausrufen: Nicht Balk, sondern Wurm soll er heißen! Die Ausstoßung Frenzels ist zugleich ein Flehen, bitte nicht nachzutreten! So vollzieht sich der Abschied eines deutschen Verlages von der Grande Dame der deutschen Germanistik, der er auch kommerziell einen „gigantischen“ Erfolg (Weidermann) verdankt.

Sachlich bietet Weidermann nichts Neues. Elisabeth Frenzels Biographie ist längst gründlich ausgeleuchtet. Einige Leerstellen in ihrem Buch sind in der Tat störend, doch kann man sie anderswo jederzeit auffüllen. Die „Lücke(n) in der deutschen Literatur“ sind Halluzinationen Weidermanns oder jedenfalls nicht Frenzel anzulasten. Kurt Tucholsky ist heute allgegenwärtig, in Ost und West wurde er mit Werk-ausgaben geehrt, ebenso Klaus Mann. Apropos: Mann ist lediglich als Publizist und Verfasser der Autobiographie „Der Wendepunkt“ belangvoll, seine Romane und Erzählungen sind durchweg trivial. Die meisten Autoren, deren Bücher 1933 verbrannt wurden, verdanken es nur diesem Autodafé, daß sie 76 Jahre später überhaupt noch genannt werden. Andernfalls wären sie ganz normal der Vergessenheit anheimgefallen, so wie neunzig Prozent der Autoren, die heute das Hamsterrad des deutschen Literaturbetriebs in Schwung halten, in 76 Jahren vergessen sein werden.

Weidermann zielt auf Elisabeth Frenzel als einen Inbegriff des „deutschen Bürgers“. Diesen denkt er sich als verkappte Inkarnation des ewigen, metaphysischen Nazis und Bücherverbrenners. Der furchtbare Akt vom 10. Mai 1933 aber war nichts Metaphysisches, sondern der vorläufige Höhepunkt in einem geistig-kulturellen Bürgerkrieg, der aus der Weimarer Republik herührte und nicht nur von einer Seite geführt wurde.

So genüßlich wie boshaft streute Kurt Tucholsky immer wieder Salz in die Wunden, die Kriegsniederlage und Versailler Gewaltfrieden dem deutschen Bürgertum geschlagen hatten. Die linksliberale Publizistik machte in verräterischer Weise die geheimen Bemühungen der Reichswehr publik, die auferlegten Rüstungsbeschränkungen zu unterlaufen und damit aus der militärischen Wehrlosigkeit herauszukommen.

Tucholsky selbst schleuderte 1927 den deutschen Bürgern entgegen: „Möge das Gas in die Spielstuben eurer Kinder schleichen! Mögen sie langsam umsinken“, den Frauen wünschte er einen „bitteren qualvollen Tod“. Zwar war das nicht wörtlich, sondern als Argument gegen Revanchephantasien gemeint und ließ Tucholsky sich „von den edelsten pazifistischen Motiven leiten“ (Ernst Nolte), doch zeugt die Gewaltphantasie und die „kollektivistische Schuldzuschreibung“, die auch vor Frauen und Kindern nicht haltmachte, von seiner scharfen Bürgerkriegsgesinnung.

Weidermanns unliterarische wie ahistorische Argumentation gehorcht dem Muster, das im „Ende der 60er Jahre“ erschienenen Mitscherlich-Klassiker „Die Unfähigkeit zu trauern“ exemplarisch formuliert wurde und seitdem zum alles beherrschenden Mantra geworden ist: Die Ich-Schwäche, die die Deutschen (hier: Frenzel) in die Gefolgschaft Adolf Hitler zwang, wurde durch die Niederlage 1945 verstärkt, weshalb sie nicht richtig trauern konnten – hier: um die „verbrannten Bücher“. Die Mitscherlichs empfahlen als Gegenmittel ein „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“ der Vergangenheit, das permanent erneuert werden muß, da die kritische Erkenntnis schnell verblaßt. Damit wird die „Bewältigung“ zum niemals endenden Projekt und sind mediokere „Durcharbeiter“ vom Schlage Weidermanns die Helden der Stunde und der Zeit. Die sozialpsychologische Deutung der Mitscherlichs hat allerdings das Manko, daß sie die Realgeschichte, die politischen, militärischen, ökonomischen Konstellationen, die internationale Strukturen und Machtverhältnisse unbeachtet läßt.

Analog dazu geht es bei Weidermann nicht wirklich um Literaturgeschichte. Diese firmiert lediglich als Unterabteilung der Geschichtspädagogik, die wiederum das Herzstück der politischen Pädagogik ist. Die FAZ/FAS, die ihren vollständig durchgearbeiteten Weidermann von der Leine gelassen hat, bezeugt damit, daß sie keine Alternative zu dieser Pädagogisierung mehr darstellt.

Deren Vertreter beherrschen die Gremien, die Medien, die Universitäten, die Parteien. Gemeinsam achten sie darauf, daß niemand ihre Sprachregelung verletzt, eine alternative, gar höhere Perspektive formuliert. Denen droht der Pranger der Massenmedien. Eine Situation, die bei Tätern und Opfern zu furchtbaren Deformationen führ – Verlagschef Balk sagte zum Frenzel-Buch im Deutschlandfunk: „Aber wenn ein Artikel so massiv dagegen vorgeht, können wir uns auch nicht taub stellen und haben uns jetzt entschieden, es aus dem Programm zu nehmen.“

Eine formelle Gedankenpolizei wie bei Orwell oder ein institutionalisiertes Stasi-Netzwerk ist heute gar nicht mehr nötig, weil die Mehrzahl der Wissenschaftler und Journalisten freiwillig diese Funktion ausübt. Der Fall Frenzel bietet genügend Stoff, um über deutsche Kontinuitäten und über Parallelen zwischen der DDR und der BRD in ihrem alten wie in ihrem Vereinigungszustand neu nachzudenken!     

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