Entlastung ohne Verklärung

Nicht umsonst lautet der Untertitel dieses Buches „Die Biographie“, denn der Autor konnte erstmals alle offenbar nur noch vorhandenen Primärquellen benutzen, an die weder dieser Rezensent als Autor einer Mölders-Kurzbiographie in der Neuen Deutschen Biographie noch der Verfasser des Mölders-Gutachtens des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Oberstleutnant (inzwischen Oberst) Schmidt, noch der Kritiker ebendieses Gutachtens, Brigadegeneral a.D. Hagena (JF 30/08), herangekommen sind. Es handelt sich um das persönliche Tagebuch, Tonaufzeichnungen und den Briefwechsel zwischen Mölders, seiner Frau und anderen sowie um Befragungen von Zeitzeugen. Es bedurfte wohl des Vertrauens zu diesem Biographen, das Mölders’ greise Witwe zur Herausgabe bisher zurückgehaltener Materialien bewogen hat. Erstmals erschließt sich der Mensch Mölders in seinen Selbstbetrachtungen und schriftlichen Aufzeichnungen von Dingen, die ihn bewegen, von innen heraus. Ganz anders als im MGFA- Gutachten offenbart sich hier kein extrovertierter, auf äußeren Eindruck erpichter und sich der NS-Propaganda nur zu gern zur Verfügung stellender Mann, sondern ein introvertierter, sich mit Fragen von Religion und Politik beschäftigender, ernster und nachdenklicher, ja bescheidener Mensch. Als höchstdekorierter Jagdflieger kann er sich dem Goebbelschen Propagandarummel nicht ganz entziehen, aber er versucht sich ihm so weit wie möglich zu entziehen. Sehr geschickt macht der Biograph auch optisch die zurückhaltende Art Mölders’ anhand von Fotos deutlich, die ihn zusammen mit seinem Nachfolger als General der Jagdflieger, Adolf Galland, zeigen, der immer in bestimmten Posen zu sehen ist. Zwar begrüßt auch der junge Offizier Mölders wie damals viele andere, zum Beispiel Graf Stauffenberg, Hitler als den Politiker, der das deutsche Ansehen nach Versailles wiederherstellen und die Wirtschaftskrise bewältigen werde. Doch plagen ihn von Anfang an Zweifel wegen der negativen Einstellung der Nationalsozialisten zur Religion. Wegen seines Katholizismus fühlt er sich nicht nur in der neuen NS-Volksgemeinschaft, sondern auch unter den meist evangelischen jungen Offizierskollegen als Außenseiter, wie er sich überhaupt gern kritisch beobachtend und über das Beobachtete nachdenkend eher an den Rand des Geschehens stellt und nicht in die Mitte drängt. So ist ihm als Offizier und Führer von Soldaten nicht die eigene Person das wichtigste, sondern die Kameradschaft und der gute Gruppengeist. Auch hinter dem untersten Dienstgrad sieht er den Menschen, den er mit viel Empathie zum selbstverantwortlichen Handeln anzuleiten sucht und nicht als bloßen Untergebenen behandelt. Wenn die Bezeichnung „Vati“ für Mölders nicht, wie bisher geglaubt, von seinen ihn hochschätzenden Untergebenen stammt, sondern von seinem anfänglichen Vorgesetzten und Freund, dessen des Fahrens nicht sehr kundige Frau er beim Einkaufen chauffierte und ihr fürsorglich die Taschen tragen half, so fand dieser Beiname doch in seinem späteren umsichtigen Verhalten gegenüber seinen Kameraden gleichwelchen Ranges seine allgemeine Bestätigung. Daß Mölders ein anständiger Charakter war, der sich selbst zurückzunehmen wußte, geht nicht zuletzt daraus hervor, daß er sich von seinem Vorgesetzten und Freund wegversetzen ließ – und auf Befragen auch den Grund dafür nannte –, als er merkte, daß er für dessen Frau mehr empfand. Nachdem diese verwitwet war, heiratete er sie. Näheres erfährt man über die sogenannte Vierfinger-Angriffsformation der Jagdflieger, die Mölders in Spanien erfunden haben soll. Er hat sie in der Nachbereitung der spanischen Erfahrungen zwar zur Vollendung entwickelt, aber ihre Anfänge gehen vor allem auf Günther Lützow und daneben auch auf Adolf Galland zurück. Braatz bestätigt auch, daß Mölders als Inspekteur der Jagdflieger bei Göring sehr wohl vor der Gefahr amerikanischer Bombermassen gewarnt und mehr Jäger gefordert habe, was im MGFA-Gutachten verneint, doch auch vom Rezensenten wiederholt betont wurde. Der Biograph bestätigt ferner wie vor ihm schon Hagena, daß sich Mölders um seinen jüdischen Schulfreund gekümmert und ihm geholfen hat, nicht dagegen den wie auch immer gearteten Kontakt zu Kardinal Graf Galen, der 1941 von der Kanzel mutig gegen die Euthanasie protestierte und den Mölders nach Zeugnissen von Zeitgenossen hoch schätzte. Nicht auffindbar seien Beweise dafür, daß Göring einen französischen Offizier, der Mölders bei dessen Gefangennahme schlecht behandelt haben und deutscherseits zum Tode verurteilt worden sein soll, auf Bitten Mölders’ am Leben gelassen habe. Den im Dezember 1941, unmittelbar nach dem Unfalltod des Jagdfliegers verbreiteten sogenannten Mölders-Brief, den sich nach dem Kriege Sefton Delmer vom britischen Geheimdienst zuschrieb und der Mölders als Opfer der Kirchenfeindlichkeit der Nationalsozialisten hinstellen und so das deutsche Volk gegen diese aufwiegeln, dessen Bereitschaft, für Hitler zu kämpfen, schwächen sollte, konnte Braatz nicht bis zu seinem Ursprung verfolgen. Er vermutet, daß er aus deutschen kirchlichen Kreisen stammt. Verfolgt man die Selbstzeugnisse Mölders’ und die Beobachtungen seiner Bekannten über ihn bis zu seinem Tode, so stellt man fest, daß er kein Nationalsozialist war, sondern ein national gesinnter, sich an seinen Treueid gebunden fühlender Deutscher und Katholik aus tiefstem Herzen, dessen Inneres im täglichen Kampf mit dem Kriegsgegner nicht mehr so stark zum Ausdruck kam wie in früheren Jahren. Aber bei seiner Trauung, als seine Braut und er in Uniform vor dem Pfarrer knieten, leuchtete es um so deutlicher auf. Das Buch schließt ziemlich abrupt: Mölders wird ehrenvoll zu Grabe getragen. Göring verlangt von seiner Witwe ein besonders wertvolles Jagdgewehr zurück, das er ihrem verstorbenen Gatten erst kurz zuvor geschenkt hatte. Keine Diskussion über das Mölders-Bild im politisch-ideologischen Hin und Her der Nachkriegszeit, keine abschließenden Bemerkungen und nachträglichen Besserwissereien. Um so stärker wirken die nüchternen und unverbrämten Fakten, die man vielleicht gerade deswegen mit Spannung zur Kenntnis nimmt. Die Feststellung, daß gewisse zu Mölders’ Gunsten sprechende Dinge nicht bewiesen werden können und dann auch nicht je nach persönlich-politischem Vorurteil durch „an Wahrscheinlichkeit grenzende Vermutungen“ ersetzt werden, zeigt, daß hier ein um die objektiv feststellbare Wahrheit bemühter Historiker am Werk war und kein Hagiograph. Um so glaubhafter ist diese Biographie, die hohe Anerkennung verdient. Es ist zu hoffen, daß sie zu einer erneuten Diskussion um die Richtigstellung des durch das MGFA-Gutachten verdunkelten Mölders-Bildes anregt im Sinne eines echten, politisch-ideologisch nicht deformierten Traditionsgefühls. Ein Quellen-, Orts- und Namensregister sowie Tabellen über Mölders’ Beförderungen, Verwendungen und Luftsiege vervollständigen das Werk. Fotos: Kriegsberichterstatter umringen Jagdflieger Werner Mölders: Propagandarummel wider Willen, Mölders als Mitglied der „Legion Condor“ in Spanien, im September 1941 bei seiner Trauung: Eine Richtigstellung des durch das MGFA-Gutachten verdunkelten Mölders-Bildes ist erforderlich   Dr. Horst Boog war leitender wissenschaftlicher Direktor des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Freiburg. Für die NDB (Neue Deutsche Biographie) verantwortete er den Beitrag zu Werner Mölders.   Kurt Braatz: Werner Mölders. Die Biographie. Neunundzwanzigsechs Verlag, Moosburg 2008, gebunden, 400 Seiten, Abbildungen, 39,80 Euro

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