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Der Verwestlicher

Karl Dietrich Bracher ist eine Schlüsselfigur der geistigen Entwicklung der Bundesrepublik. Sein Buch „Die Auflösung der Weimarer Republik“ hat Generationen von Schülern, Studenten und Lehrern eine bestimmte Vorstellung vom Zerfall der ersten deutschen Demokratie und der Machtübernahme Hitlers vermittelt, aber auch eine gewisse Interpretation der Nationalgeschichte und des Nationalcharakters angeboten, die sich als sehr einflußreich erweisen sollte.

Diese Zusammenhänge sind nicht zu verstehen ohne Brachers biographischen Hintergrund und die Bedingungen seiner akademischen Karriere. Ulrike Quadbeck hat mit ihrer jetzt veröffentlichten Dissertation eine erste Klärung ermöglicht, wobei man sich die wichtigen Informationen allerdings in einem schlecht gegliederten Text etwas mühselig erarbeiten muß.

Quadbeck weist nicht nur auf die Bedeutung von Brachers Herkunft aus einer württembergischen Lehrerfamilie protestantisch-liberaler Prägung hin, die Rolle des Humanismus und die Distanz gegenüber allem Preußischen im Südwesten, sondern auch auf die Skepsis gegenüber dem Nationalsozialismus im Elternhaus, den man nicht nur als wesensfremd, sondern auch als Traditionsbruch empfand. Die Brachers waren kein Teil des Widerstands, aber der 1922 geborene Karl Dietrich wuchs doch mit einem Vorbehalt auf, der sich noch verstärkte, als er nach dem Abitur nicht an die Universität gehen konnte, sondern zuerst den Arbeitsdienst abzuleisten hatte und dann zur Wehrmacht eingezogen wurde. Bracher kam in Nordafrika zum Einsatz, geriet aber schon 1943 in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Man brachte ihn wie viele seiner Kameraden in die USA, und das Lager Concordia in Kansas bot ihm die Möglichkeit, an einer Art Lageruniversität ein Vorstudium aufzunehmen. Die hohe Zahl von Akademikern unter den Gefangenen erlaubte zusammen mit der wohlwollenden Haltung der Amerikaner einen regelrechten Vorlesungs- und Seminarbetrieb.

Damals entdeckte Bracher seine Neigung zur Alten Geschichte und setzte – nach der Heimkehr im Februar 1946 – sein Studium in Deutschland entsprechend fort. Bemerkenswert ist, daß sich seine bereits zwei Jahre später abgeschlossene Dissertation mit „Verfall und Fortschritt im Denken der frühen römischen Kaiserzeit“ befaßte. Bracher ging es dabei nicht nur um eine Besinnung auf Aspekte der Philosophie- und Geistesgeschichte, sondern mehr noch um eine Auseinandersetzung mit jener zivilisationspessimistischen Strömung, die schon seit dem 19. Jahrhundert den Untergang der abendländischen und der antiken Welt in Parallele gesetzt hatte.

Entscheidend war für ihn eine klare Absetzung von den im Bildungsbürgertum verbreiteten Dekadenzvorstellungen und damit verbundenen politischen Implikationen. Quadbeck zitiert ihn mit einer Interviewäußerung, in der es über die aus den USA zurückgekehrten Kriegsteilnehmer heißt: „Es war uns aber auch daran gelegen, die neuen Eindrücke, die wir aus Amerika mitbrachten, in der alten Umwelt, die wir nun als anachronistisch empfanden, umzusetzen: nicht nur, weil der Krieg so eindeutig und mit so schrecklichen Folgen verloren war, sondern weil viele Deutsche überhaupt noch nicht wahrnehmen wollten, worum es eigentlich ging. Wir waren insofern schon aufgeklärter, hatten jedenfalls den Eindruck.“

Das Mehr an Aufklärung äußerte sich für Bracher vor allem in der bewußten Orientierung am amerikanischen Modell, das seine Überlegenheit nicht nur im Sieg von 1945 bewiesen hatte, sondern auch durch seine Fähigkeit, ein demokratisches Sendungsbewußtsein auszubilden, das seiner Meinung nach Freiheit und Individualismus mit jenen propagandistischen und erzieherischen Notwendigkeiten verschränkte, die in einer Massengesellschaft zu beachten waren. Man wird Brachers Ausführungen zu diesem Thema teilweise verblüffend naiv finden, muß allerdings zugestehen, daß der Verlauf seiner weiteren Karriere – die Habilitation an der Freien Universität Berlin, der enge Kontakt zu dem remigrierten Ernst Fraenkel, die Publikation der „Auflösung“, die vorzeitige Berufung auf den Lehrstuhl für Politikwissenschaft in Bonn 1958 – für ein hohes Maß an Wirklichkeitssinn spricht. Bracher hatte offenbar früh erkannt, wie stark jene Einflüsse waren, die jeden Widerstand gegen die „Verwestlichung“ der Bundesrepublik überwinden würden.

Der Politik- als „Demokratiewissenschaft“ kam dabei eine wichtige Funktion zu, und Bracher hat in den folgenden Jahrzehnten entscheidend beigetragen, jene „postnationale“ Gesellschaft vorzubereiten, die nicht nur den Bruch mit dem deutschen „Sonderweg“ bedeutete, sondern auch eine weitestmögliche Annäherung an das amerikanische Vorbild. Interessant ist dabei, daß er, der als Parteigänger der Sozialdemokratie und Kritiker Adenauers galt und in den sechziger Jahren zu den „Progressiven“ gezählt wurde, sich nach kurzem Zögern gegen die Studentenbewegung stellte und später darauf beharrte, daß der Nationalsozialismus nur ein Aspekt des Totalitarismus sei, der Kommunismus der andere.

Das hat ihn im Bewußtsein der Öffentlichkeit „nach rechts“ gerückt und erklärt die hohe Zahl von CDU-Funktionären, die durch die „Bonner“ oder „Bracher-Schule“ gegangen ist. In Quadbecks Arbeit kommen diese Aspekte sowenig zum Tragen wie die notwendige Kritik der „Wertentscheidung“, die Bracher an den Anfang der Politikwissenschaft gesetzt hat. Aber der Zugang zu den Quellen ist bei einem so aktuellen Thema restriktiv und die Zeit für eine umfassendere Deutung vielleicht noch nicht reif.

Ulrike Quadbeck: Karl Dietrich Bracher und die Anfänge der Bonner Politikwissenschaft. Nomos Universitätsschriften – Geschichte, Bd. 19, Baden-Baden 2008, broschiert, 436 Seiten, 69 Euro

Foto: Karl Dietrich Bracher 1982 als Politologe an der Universität Bonn: Vorbereiter einer postnationalen Gesellschaft   

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