Buchvorstellung

Der letzte bekennende Konservative

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Jörg Schönbohm im Oktober 1990…
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… Erinnerungen Fotos: Wikipedia/Bundesarchiv/Landt-Verlag

BERLIN. Die Buchvorstellung des Landt-Verlages, der in der Landesvertretung Brandenburg diese Woche die Erinnerungen des vormaligen Innenministers General Jörg Schönbohm präsentierte, konnte manchem als geordneter Rückzug erscheinen. Schließlich dürfte es künftig, unter Ägide der rot-roten Landesregierung, politisch kaum noch opportun erscheinen, hier ein dezidiert konservatives Publikum zu versammeln.

Vermutlich heißt es da, sich fortan „unter Linken“ bewegen zu müssen. Entsprechend groß war der Andrang: Von Spiegel-Autor Jan Fleischhauer (letzte Reihe) über Heimo Schwilk, Peter Scholl-Latour, Michael Stürmer, Karl Lamers, Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs und Seine Königliche Hoheit Franz Friedrich Prinz von Preußen bis hin zu Wolfgang Schäuble, der auf dem Podium saß.

Dies sollte eine besondere Geste der Wertschätzung sein – sowohl für den bekennenden Konservatismus seines Freundes Jörg Schönbohm wie für den Verleger Andreas Krause Landt. Der Bundesfinanzminister wörtlich: „Sie müssen das Buch kaufen im Interesse des Verlages, aber lesen müssen Sie es – im eigenen Interesse!“

Ablehnung des Verfassungspatriotismus‘

Schließlich ist der politische Abschied von Jörg Schönbohm (geb. 1937) – einst Innensenator Berlins (1996 bis 1998), zuletzt Innenminister des Landes Brandenburg (1999 bis 2009) – zugleich der des letzten bekennenden Konservativen in der Union. Mit Schäuble verbindet ihn die Ablehnung des „Verfassungspatriotismus“ als gemeinschaftsstiftender Kraft. Beide wissen, daß ein solcher keine Nation zusammenhält.

Freilich sieht Schäuble letztere inzwischen verblaßt vor dem von Konrad Adenauer praktizierten Primat der Westbindung und der heutigen Verankerung Deutschlands in der EU. Der Soldat Schönbohm konnte das nicht verhindern, wie eine Anekdote des Verlegers bezeugt:

So hatte Schönbohm im Bundestagswahlkampf 1961 – damals Leutnant im Großen Dienstanzug – dem Kanzler Adenauer persönlich ausgerichtet, daß dessen Hut, den „der Alte“ vergessen hatte, ihm in das Hotel nach Goslar nachgebracht würde. Gleichwohl war Schönbohm kaum jemand, der „Gessler-Hüte“ grüßte. Dieser Wesenszug beeindruckt nicht zuletzt auch Wolfgang Schäuble.

„Wir bekennen uns zu unserer Kirche“

So betonte der ostentativ seine Freundschaft zu Schönbohm, für die er „dankbar“ sei und die ihn mit „Stolz“ erfülle. „Der Jörg“ sei „immer kameradschaftlich“ gewesen, etwas, was im Politikbetrieb so nicht zu finden sei. Rückblickend auf sein letztes Ressort resümierte Schäuble, er könne „jedem Bundesinnenminister nur so einen wie Schönbohm wünschen“.

Für seine Offenheit sei dieser immer wieder „diffamiert worden“. Dabei gehöre doch die „Wahrheitsliebe zur Caritas“, so Schäuble, und weiter: „Wir bekennen uns zu unserer Kirche.“

Der als Moderator agierende Publizist Karl Feldmeyer mühte sich angesichts so großer Übereinstimmung zwar explizit, den „Sprengstoff“ in Schönbohms Lebenserinnerungen zur Sprache zu bringen. Doch Schäuble, hier ganz Politiker, löschte sofort, indem er – etwa bei der Frage des deutschen Selbstverständnisses – abermals auf das Mantra der Westbindung auswich, und so rasch „Landt gewann“. 

Jörg Schönbohm: Wilde Schwermut. Erinnerungen eines Unpolitischen. Mit Beiträgen von Eveline Schönbohm. Landt Verlag, Berlin 2009, gebunden, 464 Seiten, Abbildungen, 29,90 Euro

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