Der Apportierhund

Günter Wallraff (67), der große Undercover-Veteran der deutschen Publizistik, war wieder einmal unterwegs. Diesmal hatte er sich von Kopf bis Fuß schwarz anmalen lassen und sich eine Kräuselhaar-Perücke übergestülpt. So als Flüchtling aus Somalia kenntlich gemacht, klopfte er bei einer Kölner Vermieterin an, um eine Bleibe für seine müden Glieder zu erlangen. Aber sein Mietbegehren wurde abgewiesen. Eine Weiße hingegen, die sich kurz darauf um dieselbe Wohnung bewarb, habe sie anstandslos bekommen.

Auch anderswo sammelte Wallraff schlimme Erfahrungen, etwa bei einem Fußballspiel in Cottbus, wo es vor faschistischen Glatzen nur so gewimmelt habe, die ihm freche, leider nur schwer justifizierbare Ausdrücke hinterherwarfen. Oder bei einer Bootsfahrt durch den Wörlitzer Park, wo sich niemand direkt neben ihn habe setzen wollen. Oder in einem Juwelierladen, wo er sich eine goldene Armbanduhr zeigen ließ – aber die Verkäuferin habe sichtlich gezögert, ihm das gute Stück in die Hand zu geben. Usw usw.

Wie üblich hat der Superrechercheur wieder viele freiwillige Helfer gehabt. Eine versteckte Kamera hat alles aufgenommen, ein Film ist daraus entstanden, ein Buch wurde nachgeschoben. Das deutsche Feuilleton ist begeistert. Wallraff, so der Tenor der Rezensenten, habe aufgedeckt, was man immer schon gewußt habe („die Deutschen sind verkappte Rassisten, Fremdenfeinde, Faschisten“). Eben dies mache seine Filme und Bücher so wertvoll. Er sei ein Spürhund von hohen Graden, weshalb er ja auch in vielen Talkshows auftrete und überall als Aufklärer gefeiert werde.

Das Bild mit dem Spürhund hat einiges für sich, besser sollte man aber wohl von „Apportierhund“ sprechen. Das Erfolgsgeheimnis des Undercover-Agenten Wallraff besteht darin, daß er im Stil eines beflissenen Terriers irgendwelche Stöckchen, die ihm die Medien hinwerfen, voller Eifer apportiert. Das ist für beide Seiten einträglich.

Dem Terrier wird wohlwollend der Kopf gestreichelt, und er bekommt als Anerkennung ein Leckerli. Herrchen oder Frauchen andererseits freuen sich darüber, daß sie in ihren Vorurteilen (also in dem, was sie „immer schon gewußt“ haben) bestätigt werden. Das Leben kann so schön sein.

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