Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Das Bedürfnis nach Repräsentation

Am Palmsonntag 1207 zog der neue Erzbischof Albrecht II. von Käfernburg in die Bischofsstadt Magdeburg ein. Dort hatten sich bereits zahlreiche geistliche und weltliche Würdenträger versammelt, um den neuen Erzbischof zu sehen und ihm zu huldigen. Diese Feierlichkeiten sollten sich noch bis zum Osterfest hinziehen, dem höchsten Fest der Christenheit.

Doch am Karfreitag, nur fünf Tage nach der Ankunft des Erzbischofs, kam es zu einer Katastrophe. Durch ein verheerendes Feuer wurde der größte Teil der heutigen Hauptstadt des Bundeslandes Sachsen-Anhalt vernichtet. Auch der Dom St. Mauritius, dessen Errichtung Kaiser Otto I. nach seiner triumphalen Rückkehr von der Lechfeldschlacht bei Augsburg im Jahr 955 verkündet hatte, wurde ein Raub der Flammen.

Bereits zwei Jahre später wurde jedoch an der gleichen Stelle der Grundstein für ein neues Gotteshaus gelegt. Es sollte die erste Kathedrale auf deutschem Boden werden, die im neuen, gotischen Stil errichtet wurde, der sich von Frankreich kommend auch im Reich zunehmend durchsetzte. Bis heute gilt der Dom, der erst im 16. Jahrhundert durch die Türme komplettiert wurde, als das wichtigste Wahrzeichen der Elbestadt. Auch im Hinblick auf seine touristische Vermarktung durch das Land Sachsen-Anhalt steht er an vorderer Stelle. 

Aus Anlaß des nunmehrigen Jubiläums der Grundsteinlegung von 1209 präsentiert das Kulturhistorische Museum in Magdeburg die Ausstellung „Aufbruch in die Gotik – Der Magdeburger Dom und die späte Stauferzeit“. Wie bereits bei den vergangenen großen und sehr erfolgreichen Präsentationen des Hauses zur mittelalterlichen Geschichte, etwa zu Kaiser Otto I. von 2001 und zu den Herrschern des Heiligen Römischen Reiches bis zum späten 15. Jahrhundert von 2006, versucht das Museum erneut, mit einer Vielzahl herausragender und selten gezeigter Objekte ein möglichst breites Publikum anzuziehen. So kann etwa die sogenannte Heidelberger Bilderhandschrift des „Sachsenspiegels“ (entstanden zwischen 1295 und 1304) in Magdeburg besichtigt werden, obwohl dieses Exemplar des bedeutendsten mittelalterlichen Rechtsbuchs aus dem Besitz der Heidelberger Universitätsbibliothek nur in sehr wenigen Ausnahmefällen verliehen wird. Dies trifft ebenso auf andere Ausstellungsstücke zu, etwa die Statue der Kunigunde von der Adamspforte des Bamberger Doms (um 1230/35), die aus dem Diözesanmuseum in Bamberg stammt, sowie ein Vortragekreuz aus Silber, Kupfer, Edelsteinen und Glas aus der Kölner Domschatzkammer, welches um 1220 gefertigt wurde.

Als besonders spektakulärer Fund wird ein Ende vergangenen Jahres im Magdeburger Dom geborgener Bleisarg von 1510 präsentiert, welcher die geborgenen Reste der Königin Edgith, der Gemahlin Ottos I., enthalten soll. Die genauen Untersuchungen der gefundenen Knochenreste sind zur Zeit jedoch noch nicht abgeschlossen.

Das zentrale Objekt der Ausstellung ist jedoch der sogenannte Magdeburger Reiter (um 1240), der wohl Otto I. darstellen soll. Das Denkmal, welches sich ursprünglich auf dem Alten Markt befand und die durch den Kaiser der Stadt garantierten Rechte und Privilegien symbolisierte, zählt neben dem Bamberger Reiter zu den ersten bekannten freistehenden Reiterdarstellungen auf deutschem Boden.   

Generell war die Zeit, zu der der Magdeburger Dom entstand, durch deutliche Veränderungen in den Herrschaftsstrukturen geprägt. In der Magna Charta von 1215 garantierte der englische König Johann dem Adel seine Rechte und politischen Freiheiten. Auch im Reich gewährten Kaiser Friedrich II. und sein Sohn, König Heinrich VII., den Fürsten zahlreiche Privilegien, da sie auf deren Hilfe bei den Auseinandersetzungen mit den oberitalienischen Städten angewiesen waren, etwa im „Statutum in favorem principum“ von 1232. Aber nicht nur die Fürsten, sondern auch die Städte gewannen an politischer und wirtschaftlicher Bedeutung, und es bildete sich ein Bürgertum heraus.

Dieser Machtgewinn des Adels führte wiederum dazu, daß das Bedürfnis nach Repräsentation und damit auch nach dem Besitz und Erwerb von Luxusgegenständen wuchs. Dies förderte die Weiterentwicklung der herkömmlichen Handwerkstechniken.

Auch die neue gotische Architektur basierte auf einem deutlichen technischen Fortschritt: Die Betonung vertikaler Linien und des in die Höhe Strebenden war nur durch einen verbesserten Gewölbebau und ein besseres Verständnis für statische Gegebenheiten möglich. Dadurch konnten die  Wandmassen, die den romanischen Stil prägten, deutlich reduziert werden. Die Gesamtzahl der Fensterflächen erhöhte sich und schuf den Raum für neue Gestaltungstechniken. Auf diese Weise wurde das Zeitalter der Gotik auch zu einer Blütezeit der Glasmalerei.

Ebenso erhielten die Wissenschaften, Kultur, Musik und Literatur viele neue Impulse. Erzbischof Albrecht II. hatte an den noch jungen Universitäten in Bologna und Paris studiert, bevor er nach Magdeburg kam. Mit den Handelsbeziehungen nach Byzanz sowie in den süditalienischen und den arabischen Raum begann ein fruchtbarer und umfassender kultureller Austausch. Mitte des 12. Jahrhunderts wurden große Teile des Werkes des griechischen Philosophen Aristoteles in Spanien wiederentdeckt. Für immer verloren geglaubte aristotelische Schriften wurden aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt, etwa die Aufsätze zur Logik, die ein wesentliches Fundament für die akademische Lehre an den Hochschulen bildeten.

Damit belegt die überaus empfehlenswerte Magdeburger Ausstellung nicht zuletzt, daß die pauschalisierende Auffassung vom Mittelalter als einer Zeit des Unwissens auf einem Mythos beruht.

Die Landesausstellung Sachsen-Anhalt 2009 „Der Magdeburger Dom und die späte Stauferzeit“ ist bis zum 6. Dezember im Kulturhistorischen Museum Magdeburg, Otto-von-Guericke-Straße-Str. 68-73, täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Telefo: 03 91 / 5 40 35 01

Zur Ausstellung sind ein umfassender Essayband sowie ein Katalogband erschienen, die zusammen im Museum 49,90 Euro kosten. Ferner ist ein Kurzführer zum Preis von 4,90 Euro erhältlich. 

Fotos: Seite des Sachsenspiegels, Magdeburger Reiter: Das neben dem Bamberger Reiter bekannteste freistehende Reiterdenkmal nördlich der Alpen ist Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden und zählt zu den bedeutendsten Werken der Bildhauerkunst der Zeit der Gotik

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