„Clint Eastwood ist Hamlet“

Ernst machen mit den eigenen Ansprüchen! – Das ist leicht gesagt. Wer vom Betrieb wahrgenommen werden will, darf allenfalls so tun, als gehöre er nicht dazu. Autonomes Leben ist so selten wie autonomes Denken. Der Schriftsteller und Journalist Jörg Fauser hat dennoch beides versucht: ohne Rücksicht auf Gesinnungen und Moden einen ganz eigenen dichterischen Weg zu gehen. Und es ist ihm, wie kaum einem anderen Autor in der Bundesrepublik, tatsächlich gelungen.

Zwar wurde der 1944 im Taunus geborene Fauser nie gefeiert, aber auch nie geächtet. Was ihn rettete, war sein Bekenntnis zum Underground, seine Ironie, sein trockener Zynismus. Abgesehen von Rolf Dieter Brinkmann, dem zweiten großen Anarchen und extremen, wütenden Einzelgänger der BRD-Literatur, hat wohl niemand die Heuchelei der linken Machtkartelle klarer durchschaut und bissiger verspottet als Jörg Fauser. „Die herrschenden Cliquen hatten die Bälle jetzt endgültig unter sich verteilt – die Rechten das Business, die Linken die Kultur, wer da durch den Rost fiel, blieb für immer unten“ („Rohstoff“, 1984).

Und weil dieser Mann an stilistischer Brillanz, Melancholie und Freigeistigkeit unter all den gemachten Literaturprodukten seinesgleichen sucht, kommt auch der Betrieb nicht ganz an ihm vorbei. Diejenigen, die selber nicht den Mut noch den Charakter eines solchen unangepaßten Solitärs haben, wollen wenigstens Geld mit ihm verdienen. Jetzt ist der letzte Band der neunbändigen Werkausgabe im Berliner Alexander Verlag erschienen: „Der Strand der Städte. Gesammelte journalistische Arbeiten 1959–1987“.

Das Enfant terrible, ist es nur lang genug tot, diente den Feiglingen auf den Logenplätzen der Kulturarena schon immer gern als Ruhmesblatt der eigenen Zunft. Der kalkulierende Verleger, der politisch korrekte Feuilletonchef, der vor dem Zeitgeist kriechende Redakteur – all die kleinen Spießer, die nie etwas gewagt haben, sonnen sich im Licht der wirklich Großen, sobald diese sich gegen ihre Vereinnahmung nicht mehr wehren können (inzwischen ist auch Fausers Witwe gestorben, die den Nachlaß verwaltete).

Es kümmert sie nicht, daß Fauser ihre Gutmenschentotalität zutiefst verachtete. Sie fühlen sich nicht einmal angesprochen. Dabei war bereits 1983 im Berliner Stadtmagazin Tip, für das Fauser regelmäßig schrieb, über das Feuilleton der westdeutschen Blätter zu lesen: „Was in ihnen aufbereitet wird, das ist die sterile Kopf- und Zopfwelt einer von Feminismus und ähnlichen Gesinnungsdiktaturen genormten Kultur, aus der längst alles getilgt wurde, was Männern einmal Spaß gemacht hat: Abenteuer, Leidenschaft, Exzeß, Sünde, Todessehnsucht, Killerinstinkt, Gier, Haß, Rausch. In der kleinen gezähmten Welt des institutionalisierten westdeutschen Kulturbetriebs müßten solche archaischen Formen menschlichen Verhaltens so heillos wirken wie ein Barrakudaschwarm in einem Forellenteich. Oder wie Clint Eastwood als Hamlet in einer Aufführung der Berliner Schaubühne. Dabei ist es doch so: Clint Eastwood ist Hamlet. Er ist es für alle, die vor dem Gesinnungsterror der etablierten Gremienkulturen ausweichen müssen in die Nachtvorstellungen und die Rockkonzerte, in die Fußballarenen und die Krimireihen“, wo man wisse, daß das Leben etwas anderes sei, als uns die Vertreter der kulturellen Klasse weismachen wollen.

Fauser ließ sich nicht täuschen. In seinen Büchern und Kolumnen benennt er den hohen Preis der Sicherheitszivilisation. Konstatiert mit unterkühlter Schmermut den Qualitätsverlust des modernen Lebens nach der Selbstdomestizierung durch Verzicht auf Eigentümlichkeit. Übrig blieben pseudorebellische Wichtigtuer, Übersättigung, Suff, schlechter Sex und das Gefühl unentrinnbarer Leere. Was er über Drogen, Alkohol, Anarchomilieu, Polit- und Kulturszene schrieb, war alles selbst erlebt.

Doch was tun, um nicht selbst Teil des Apparats zu werden, der alle diese Milieus geistig-moralisch verwaltet? In einer Selbstauskunft heißt es bei Fauser: „Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique; verheiratet, aber sonst unabhängig.“

Fauser hat sich nie korrumpieren lassen. Auch vom Leben nicht. Wie Brinkmann, der 1975 im Alter von 35 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, starb er auf der Straße. Dort, wo seiner Meinung nach das „wahre Leben“ stattfinde, lauert konsequenterweise auch der Tod. Beim Versuch, alkoholisiert eine Autobahn zu überqueren, wurde Jörg Fauser am 17. Juli 1987, in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag, von einem LKW überrollt.

Literatur: Das Gesamtwerk Jörg Fausers ist im Alexander Verlag Berlin erschienen, zuletzt der Abschlußband „Der Strand der Städte“ mit sämtlichen journalistischen Arbeiten 1959–1987 (Jörg-Fauser-Edition, Bd. VIII, hrsg. von Alexander Wewerka, gebunden, 1.600 Seiten, Abbildungen, 49,90 Euro).

Foto: Jörg Fauser: „Keine Stipendien, keine Preise, keine Akademie; verheiratet, aber sonst unabhängig“

Ahriman Verlag
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