Schluß mit dem Geducke

Es war also doch kein verbaler Fehlgriff, wie er jedem mal passieren kann, der sich in einem ungewohnten Medium versucht. Der Feuilleton-Chef der Zeit, Jens Jessen, hat seine angesichts eines fast zu Tode geprügelten Rentners gemachte Video-Aussage, das Problem sei nicht die Kriminalität ausländischer Jugendlicher, sondern deren Bevormundung durch deutsche Spießer (zu denen er den  Rentner dem Sinnzusammenhang nach zählt), ausdrücklich bestätigt.

Damit hat er sich selber den moralischen Fangschuß gegeben. Diese Worte werden an ihm kleben bleiben wie an Bundespräsident Heinrich Lübke sein bei einem Staatsbesuch in Afrika (angeblich) unterlaufener Fauxpas „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger“! Während Lübke sich hier bloß als gutherziger, leider etwas trotteliger Mann offenbarte, dem verzeihende Nachsicht gebührt, hat Jessen die feine Linie überschritten, die den Anstand von der Gemeinheit scheidet.

Politisch gesehen ist es sogar günstig, daß diese Selbstentblößung einem eigentlich klugen und kritischen Feingeist wie Jens Jessen unterlaufen ist und keinem Schwarzen Ritter der Politischen Korrektheit. Ob die Affäre das „glückliche Ende (eines) Wahns“ markiert, wie Frank Schirrmacher glaubt, sei dahingestellt.

Schlimmer als eine Erziehungsdiktatur

Jedenfalls haben wir jetzt Klarheit, daß das Multikulturalismus-Konzept, soweit es die autochthonen Deutschen betrifft, selbst im besten Fall weit Schlimmeres bedeutet als eine Erziehungsdiktatur, nämlich eine bis zum Sadismus gesteigerte Menschenverachtung.

Das so offenherzig dargestellt zu haben, werden Jessen auch diejenigen, die seine Meinung teilen, sie jedoch hinter humanitaristischen Nebelvorhang verbergen, nicht verzeihen. Noch in einer anderen Hinsicht hat Jessen sich als Mann von gestern dargestellt: Die Zeiten, in denen ein feminin gestimmter Feuilleton-Betrieb und seine Lesegemeinde die Ausbrüche viriler Kraft wie bei den Münchner U-Bahn-Schlägern mit heimlichem Entzücken registrierte – in diesem Zusammenhang wäre die erotische Selbstverachtung der pazifizierten Deutschen zu thematisieren –, sind vorbei, weil diese Exzesse allgemeingefährlich geworden sind.

Es ist das sicherste Attribut des Spießers, sich über das Spießertum der anderen zu mokieren, es ist die billigste Form der Selbsterhöhung. Auf einer Medientagung vom September 2003 polemisierte Jessen gegen den „Normalbürger“, verteidigte das Feuilleton als „querulatorischen Außenseiter in einer normalisierten Gesellschaft“, hob den eigenen „Willen zur Dissidenz“ und „Ekel, Haß und Verachtung“ gegenüber der gegenwärtigen Gesellschaft hervor.

Nachfahren des furchtbaren Diederich Heßling

Das kann man verstehen. Doch was tut er anderes, als ihren geistigen und praktischen Konformismus fortzusetzen? Man macht sich selber zum Nachfahren des furchtbaren Diederich Heßling, wenn man sich denen, die man für die Stärkeren von morgen hält, präventiv anbiedert, damit sie einen später verschonen.

Man muß noch weitergehen: Es existiert eine unterirdische Verbindung zwischen den liberalen und linken Wortführern und den ausländischen Schlägern. Wenn letztere den Deutschen einen gesenkten Blick und eine geduckte Haltung abfordern und sie bei Nichtbefolgung abstrafen, setzen sie nur praktisch um, was die anderen im geschichtsphilosophischen Gewande seit Jahrzehnten predigen.

Diesen Zusammenhang offen auszusprechen, bleibt Geistkämpfern wie dem taz-Autor Helmut Höge, einem gestandenen Alt-68er und Träger der „Benno-Martini-Medaille für sauberen Journalismus“, überlassen. In einem Atemzug mokiert Höge sich über „den antisemitischen, antikommunistischen und einarmigen Adligen Stauffenberg, der nicht Adolf, dafür aber über eine Million ‘Fremdvölkische’ auf dem Gewissen hat“ , freut sich über Ausländer, die „Scheißdeutsche“ angreifen, und kommt zu dem Schluß: „Wenn irgendwo auf der Welt ein Mistvolk (…) es verdient, attackiert zu werden, dann ist es dieses scheißdeutsche!“

„Junge Männer auf Feindfahrt“

Die mit Abstand interessanteste Reaktion auf Jessens Einlassung ist Frank Schirrmachers FAZ-Artikel vom 15. Januar, „Junge Männer auf Feindfahrt“. Die ausländischen Gewalttäter hätten begonnen, „die Deutschen“ als „Feind“ zu identifizieren. Die Beschimpfung deutscher Gewaltopfer als „Schweinefleischfresser“ transportiere „den Konflikt bereits in die Sphäre des Kriegs der Kulturen“.

Er mutmaßt, „daß die Mischung aus Jugendkriminalität und muslimischem Fundamentalismus“ sich zu einer tödlichen Ideologie auswachsen könne. Das Anwachsen des zugewanderten Gewaltpotentials in Verbindung mit der demographischen Krise führe zur „Desintegration der Mehrheit durch punktuelles Totschlagen einzelner“.

Letzteres ist exakt das Verfahren, mit dem die SA und der Rotfrontkämpferbund am Ende der Weimarer Republik eine allgemeine Angst erzeugten und die Autorität der Republik untergruben. Schirrmachers wichtigstes Verdienst besteht darin, die Möglichkeit eines Bürgerkriegsszenarios, auf das die junge freiheit schon seit längerer Zeit hinweist, durch die Thematisierung in der immer noch wichtigsten deutschen Tageszeitung in den allgemeinen Diskurs gehoben zu haben.

Kulturelle und mentale Grundierung

Andere zwingen sich, weiter an den Weihnachtsmann zu glauben. „Willkommen daheim im Weltbürgerkrieg! Aber diesmal sind die Deutschen als potentielle Opfer auf der richtigen Seite. Man kann schließlich nicht ewig als Tätervolk durch die Weltgeschichte humpeln.“ So Eckhard Fuhr in der Welt, den Zusammenhang der aktueller Gefahren mit dem historischen Schuldkomplex absichtsvoll verzeichnend.

In der Süddeutschen Zeitung glaubt Lothar Müller an eine „maßlose Dramatisierung“ und zitiert den unvermeidlichen Kriminologen Christian Pfeiffer (JF 3/08), der für die Gewalt die soziale Lage der Täter verantwortlich macht. Als wäre diese nicht auch kulturell und mental grundiert!

Die Situation überfordert alle, die über die politische Klippschule der alten Bundesrepublik nie hinausgewachsen sind. Was waren das noch für idyllische Zeiten, als man sämtliche denkbaren politischen Risiken in Ulrichs Becks „Risikogesellschaft“ hinreichend beschrieben fand. Lediglich Verteilungskonflikte seien angesagt, und die entstünden, wenn die gesellschaftliche Produktion von Reichtum systematisch mit der gesellschaftlichen Produktion von Risiken einhergehe.

Der Modernisierungsprozeß umfasse nicht mehr nur die Herauslösung aus traditionalen Zwängen, er werde selbstreflexiv und sich selber zum Problem. Der Einbruch archaischer Kräfte, welche die deutsche Gesellschaft als eine verachtenswerte, überschminkte „alte Schwuchtel“ – auch das ein beliebtes Migranten-Schimpfwort – zuerst ausnehmen und ihr dann einen Tritt in den Hintern versetzen, ist in diesem Modell nicht vorgesehen.  

Lesen Sie auf Seite 12 der aktuellen Ausgabe der JUNGEN FREIHEIT zu diesem Thema auch den ersten Teil der JF-Serie „Identität & Integration“.

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