Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Neue Kunst für die neue Zeit

In seinem Text über französische Malerei, dem Bericht zum Salon 1831, gab Heinrich Heine seine berühmte Prophezeihung vom „Ende der Kunstperiode“. Sie meint: Nach Religion in früherer, nach Philosophie und Kunst in neuer Zeit falle das höchste Menschheitsinteresse jetzt nicht mehr in die „ideale“ Sphäre; es wende sich der „Praxis“ zu. Verkündet wird ein Bewegungsgesetz, das die Verhältnisse revolutioniert, indem es sie politisiert. Die Kunst verschwindet dabei nicht. Vielmehr wird sie zum Vehikel der Emanzipation, sie wird polemisch – universelle Ideologiekritik. Daß dies formal-mediale Konsequenzen hat, sah Heine genau: „Die neue Zeit wird auch eine neue Kunst gebären, die mit ihr selbst in begeistertem Einklang“ steht, „die nicht aus der verblichenen Vergangenheit ihre Symbolik“ borgt, „die sogar eine neue Technik (…) hervorbringen muß“. Klug vorausgedacht. Hat sich die Welt seitdem doch progressiv politisiert, dynamisiert, medialisiert und so Heines materialistisches, neues Evangelium geschichtlich erfüllt. So galt es ästhetisch, die Prinzipien der alten Welt – Religion, Herkunft, Königtum, Bildung – nicht nur zu bekämpfen, vielmehr methodisch zu widerlegen: Das Vergängliche, Flüchtige, Mögliche soll das Ewige, Unwandelbare inhaltlich und formal ersetzen. So jedenfalls Baudelaires Programm der Modernität. Eingelöst hat es der große Honoré Daumier, Lithograph und Maler, den viele für den bedeutendsten Karikaturisten seines Jahrhunderts halten. Geboren am 26. Februar 1808 in Marseille, gestorben am 10. Februar 1879 in Paris, fällt sein Leben in die stürmischste Zeit französischer Geschichte. Es durchmißt den sturzbachhaften Weg von Kaiserreich über Restauration, Julimonarchie, das Empire Napoleons III. bis zur 3. Republik, erschüttert von den Revolutionen 1830, 1848 und 1871. Rigoros auf deren Seite, zeigt Daumier sich stets als radikaler Linker. Er lebt und agiert in Paris, dem Brennpunkt der Ereignisse. Die kommentiert er polemisch mit 4.000 Lithographien, 1.000 Holzschnitten, 300 Gemälden und 850 Zeichnungen; dazu kommen 65 plastische Arbeiten. Signifikant fürs Gewicht seiner Druckgrafik ist schon deren Initialzündung: Die ersten Blätter kommen 1830 heraus, dem Jahr der Julirevolution. Sie erscheinen in der Wochenschrift La Caricature (1830-35) und der Tageszeitung Le Charivari („Katzenmusik“ 1832ff.) – rustikalen Pamphleten, die die moderne Bildpresse begründen. Im dualistischen Täter/Opfer-Schema attackiert man wild die Traditionsträger, indes die Zukunft „geheiligt“ wird. Der Proletarier ist ihr Exponent. Als einzig positiver Ausblick wird er im Pandämonium der Satire idealisiert. So keimt in Daumiers politisch-didaktischer Kunst der Proletkult des 20. Jahrhunderts auf. Mal zerquetscht hier der Fortschrittskämpfer mit Riesenkräften den Monarchen in der Druckerpresse; mal posiert er breitbeinig, maskulin, mit Heldenbrust und stählernem Arm, vor den Agenten der Reaktion; mal erscheint er als Attentäter Fieschi (1835) – dem leidenden Christus gleich: verletzt, doch unüberwunden. (Der Anschlag auf Louis Philippe hatte 14 Menschen getötet.) Ebenso kompromißlos wird den Gegnern aufs Haupt geschlagen. Zunächst den Monarchen. Louis Philippe verschlingt als monströser „Gargantua“ das ganze Volksvermögen, scheißt dabei Orden und Pfründen aus: vorne Ausbeutung, hinten Korruption! Porträtiert wird er als dicke Birne, dagegen Napoleon III. aufgespießt als „haarige Ratte“. Dann die Juristen: überall verlogene Heuchler und blutrünstige Henker! Die Bourgeoisie: nur gierige Pfeffersäcke und verstockte Philister! Statt Realismus dominieren also Fratzen reiner Polemik. Das wendet Daumier linke Sympathien zu, bis heute. Angriff ist Intellektuellen eine attraktive Waffe. Je nach politischer Lage wechselt im vorliegenden Œuvre Staats- mit Sozialkritik. Nicht zu kurz kommt das klassizistische Erbe, einst weihvoller Kernbestand der französischen Kultur. Antike Geschichte, Mythologie und Formgebung werden verhöhnt, „die heroischen Zeiten entschleiert“. Weckt der satirische Gestus sonst Sympathie, ermüdet uns Daumier in monomanischem Entlarvungsdrang. So werden sein Werk und dessen marxistische Hagiographie auch zum Lehrstück: daß ein steriler Negativismus wirkliche Kritik verfehlt. Bild: Honoré Daumier (1808-1879), Der Angeklagte hat das Wort! (Illustration für die Zeitschrift „Caricature“, erschienen 1835): Die Prinzipien der alten Welt galt es methodisch zu widerlegen, Büste Honoré Daumiers

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