Gesellschaft ohne Gnade

Ein Historienfilm von besonderer Qualität und ungewöhnlicher Thematik flimmert die nächsten Wochen über Deutschlands Leinwände. „Der Mongole“ erzählt die Geschichte des legendären Steppenherrschers Dschingis Khan, der sich vor 800 Jahren anschickte, Asien zu erobern und 1227 starb. Besser: Der Film erzählt nur dessen Vorgeschichte, also jene Reifezeit, in der Dschingis Khan noch allein Temudgin genannt wurde. Man schreibt den Sommer 1172 als Temudgin, ein noch etwa zehnjähriges Kind, das Mädchen Borte zu seiner künftigen Frau erwählt und in ihr seine Liebe findet. Er ist Sohn des Clanchefs, hat schon früh das Reiten, Jagen und Bogenschießen gelernt. Feindliche Tataren vergifteten jedoch das Essen seines Vaters, so daß der Clan daraufhin zerfällt, Temudgin (Tadanobu Asano) fortan eine Jugend in Armut und unter steter Verfolgung erdulden muß. Hilfe in dieser schweren Zeit erhält er von seinem Blutsbruder Jamukha (Sun Hong Lei). Mit dessen Unterstützung gelingt es ihm, nach Jahren des Rückzugs dann schließlich Borte zu ehelichen, sie gar aus der Gewalt eines feindlichen Merkiten-Stammes zu befreien. Schließlich jedoch wandelt sich die Blutsbrüderschaft durch unterschiedliche Besitzansprüche zu tiefer Feindschaft. Jamukha erhebt sich gegen Temudgin, der vorübergehend in chinesische Sklaverei gerät, bis es ihm gelingt, zurückzukehren und die mongolischen Stämme zu einer bald darauf die Welt erschütternden Großarmee zu einigen. Regisseur Sergei Bodrov („Der Kuß des Bären“) erklärte zu seiner Faszination an dem Filmstoff, daß ihn der Mensch Dschingis Khan interessierte. In seinen alten russischen Schulbüchern und wahrscheinlich auch im Rest der Welt sei der Mongolenfürst nur als Verkörperung von Grausamkeit und Bösartigkeit dargestellt worden. Dem gelte es, einen differenzierten Blick, jenseits schlichter Gut-Böse-Stereotypen entgegen zu setzen. Das ist sicher ehrenvoll, Bodrov aber steigerte sein Anliegen zu einer pädagogischen Mission: „In Rußland gibt es Vorurteile gegenüber Asiaten, sicher wegen der illegalen Einwanderung aus asiatischen Ländern. Ich kann da immer nur sagen: Schaut auf diese Menschen nicht so, als ob sie minderwertig und weniger intelligent wären, dann das ist nun einmal nicht der Fall!“ Gerade in Rußland seien viele Zuschauer völlig erstaunt, daß Temudgin im Film kein Monstrum ist, sondern daß er Frau und Familie hat und sich mit ihm eine große Liebesgeschichte verbindet, so Bodrov. Zum Glück jedoch ist „Der Mongole“ kein Hollywood-Streifen, in dem Helden glattgeschliffen werden, sondern eine wohltuend europäische Produktion mit weitgehendem Anspruch auf historische Authentizität. So entstand ein fast volkskundlicher Blick in eine fremde Kultur, die keine mäßigenden Einflüsse erfahren hat. Allenfalls die Tradition, das überlieferte Sittengesetz der Stämme regelt das Leben jener Steppenbewohner, gibt ihm Ordnung. Götter werden nur als Beistand angerufen, Schamanen weissagen und geleiten in die Totenwelt. Freunde können morgen Feinde sein, Hausrat kann geplündert werden, Frauen gelten nicht viel, man raubt sie einfach und vergewaltigt sie, und auch ein Menschenleben zählt nichts, wenn es größer gewachsen als ein Wagenrad ist. Es wird eindrucksvoll gezeigt, wie eine Gesellschaft funktionieren kann, die keine Gnade, Vergebung, Schuldgefühle kennt. Das löst zwangsläufig Befremden und auch Schaudern beim heutigen europäischen Betrachter aus. Zudem erfährt man aber auch die Ursprünglichkeit jenes Alltags, der in so starkem Widerspruch zu vielem in unserer modernen Zivilisation steht. Zwar vermißt man ein wenig den tieferen Hintergrund, die Geschichte hinter der Geschichte. Bisweilen macht die Handlung auch Sprünge, werden Sequenzen begonnen, ohne sie weiterzuerzählen. Vielleicht ist dies beabsichtigter Symbolismus oder nur etwas unkonventioneller Schnitt oder ein Verweis auf die Überlieferungslücken in der Biographie Dschingis Khans. Doch all das stört kaum, wenn man in eine fremde Welt hineingezogen wird: Viel Zeit wird für ruhige, fast meditative Einstellungen gelassen, die wunderschönen Landschaftsaufnahmen der weiten asiatischen Steppe verschlagen dem Betrachter den Atem. Und das nomadische Leben der durch die Leere ziehenden Menschen ist faszinierend in die Naturkreisläufe eingebunden, jenseits unserer modernen Hektik. Vielleicht ist dies die wahre Botschaft des Films: Gelassenheit. Was in diesem Jahr nicht gelingt, wird einfach ein Jahr später versucht.    Fotos: Temudgin ist Dschingis Khan: Was in diesem Jahr nicht gelingt, wird einfach ein Jahr später versucht; Temudgin und Borte bleibt nur wenig Zeit zusammen

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