Erneuerung durch Folklore

Er ist neben dem eine Generation älteren Charles Hubert Parry sicherlich Großbritanniens größter Symphoniker und einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts überhaupt: Ralph Vaughan Williams, Komponist von neun Symphonien, fünf Opern, zahllosen kleineren Orchesterwerken, Chormusik, Film- und Ballettmusik, Kammermusiken und Liedern. Sein Schaffen ist aber trotzdem eine merkwürdige, annähernd ausschließliche Angelegenheit des angelsächsischen Raums geblieben. Nur sehr wenig davon erscheint hie und da auf deutschen Konzertpodien: die knappe Orchesterfantasie über das Volkslied „Greensleeves“, die unirdisch schöne Violinromanze „The Lark Ascending“ (1914) oder die „Fantasie über ein Thema von Thomas Tallis“ mit ihren archaischen Harmonien. Tubavirtuosen in aller Welt schätzen Vaughan Williams spielfreudiges, neoklassizistisches Tubakonzert von 1954, wie auch sein acht Jahre älteres Oboenkonzert das knappe Repertoire aller Oboisten bereichert. Nach dem kompositorischen Verstummen Edward Elgars 1918 folgte diesem Vaughan Williams an die Stelle des führenden britischen Komponisten nach. Vaughan Williams setzte sich als einer der ersten Komponisten seines Landes für die Rückbesinnung auf eine nationale Musik ein. Er war überzeugt, daß die Weiterführung der englischen Musik in Elgars spätromantischer Weise in eine Sackgasse führen müsse, und strebte – wie beispielsweise Kodály oder Bartók in Ungarn – die Erneuerung der englischen Kunstmusik durch die Folklore des Landes an, so wie er auch auf die altenglische Madrigalkunst zurückgriff. Am bedeutendsten sind seine neun Symphonien (auch hier die geheiligte Neunzahl wie bei Beethoven, Bruckner und Mahler). Sie sind in vordergründig traditioneller, jedoch fantasievoll metamorphosierter Form konzipiert und atmen bis zur letzten aus dem Sterbejahr 1958 einen meist spätromantischen Geist. Dabei überschreiten sie einmal die Grenze zur Kantate (Sea Symphony), imitieren in der Zweiten, der „Londoner“, programmatisch Straßengeräusche, nähern sich in der Vierten (wie in der gleichnumerierten von Sibelius) dem Konstruktivismus an oder beziehen wie die Siebente ihr musikalisches Material aus einer vorher entstandenen Filmmusik („Scott of the Antarctic“, dt. „Scotts letzte Fahrt“ von 1948). In den beiden letzten Symphonien fällt die Verwendung völlig ungewöhnlicher Klangfarben (Vibraphon, Saxophon etc.) auf, wie schon in früheren Werken des Komponisten Können bei der Erzeugung sublimster Klangwirkungen überzeugend ist. Der Atonalität bleibt Vaughan Williams schon wegen seiner Bindung an die Volksmusik fern, versucht aber dennoch eine Modifizierung der Tonalität durch gewisse Dur-Moll-Ambiguitäten und sanfte polytonale Harmoniemischungen. In seiner Chormusik greift er auf dieser Basis auf die englische Polyphonie der Tudorzeit zurück und erzielt dabei einen ganz eigentümlichen, nur ihm zugehörigen Vokalstil. Vaughan Williams‘ Tonsprache blieb ohne Nachfolger. Ralph Vaughan Williams wurde am 12. Oktober 1872 in Down Ampney in der Grafschaft Gloucestershire geboren. Der Sechsjährige komponiert erste kleine Stücke und beginnt, Violine zu lernen. Nach der Schulzeit reist er 1890 nach München, wo eine Aufführung von Wagners „Walküre“ ihn im Innersten aufrüttelt. Sein schon vorher begonnenes Musikstudium in Cambridge beendet er 1895 und begibt sich zu Max Bruch nach Berlin, der für kurze Zeit sein Lehrer wird. Während viele der kleineren Musiknationen Europas inzwischen eine eigenständige Kunstmusik auf der Basis der einheimischen Folklore entwickeln konnten, entstand bisher in England kaum eine größere Komposition, die ihre Wurzeln in der Volksmusik hatte. Aus dieser Erkenntnis heraus beginnt Vaughan Williams Volkslieder zu sammeln, um sie einesteils in eigenen Werken zu verwenden, andererseits vor Vergessenheit zu bewahren. Um die Jahrhundertwende entstehen seine ersten größeren Kompositionen, doch fehlt ihm das nötige Selbstvertrauen, sie auch zu veröffentlichen. Mit seinem zurückhaltenden, fast scheuen Naturell gehört Vaughan Williams wie Brahms zu jenen Meistern, die aus reiner Selbstkritik einen großen Teil ihres Frühwerks sogar vernichteten. 1910 wird mit der „Sea Symphony“ seine bis dahin gewaltigste Schöpfung uraufgeführt. In diesem fast pantheistischen Werk nach Worten von Walt Whitman („A Song for all Ships, for all Seas“) gelingt dem Komponisten seine großartigste und effektvollste Schöpfung. Die nächsten Jahre sind äußerlich wenig bemerkenswert. Vaughan Williams wird 1919 Kompositionslehrer am Londoner Royal College of Music. Seit der „Sea Symphony“ galt er als Haupt der musikalischen nationalen Schule Englands, ohne aber zu politischen Fragen seiner Zeit Stellung zu beziehen. Und sein Essay „National Music“ (1934), der aus verschiedenen seiner Collegevorlesungen hervorging, diskutiert eher abstrakt das Verhältnis zwischen Hörer, Interpreten und Komponisten, wenn diese unterschiedlichen Nationalitäten angehören. Auch während der Kriegsjahre lebt er ganz zurückgezogen nur seinem Schaffen, unterstützt jedoch emigrierte deutsche Musiker. 1947 entsteht seine sechste Symphonie. Ihr enigmatisches, fahles Finale wird – obwohl der Komponist sich nie dazu geäußert hat – meist als Schilderung der Welt nach einem Atomkrieg angesehen und ist eine der aufwühlendsten Kompositionen des 20. Jahrhunderts. Bis zum letzten Atemzug schaffend – gut drei Monate vor seinem Tode vollendet er noch seine Neunte und einen Liederzyklus -, stirbt er mit 85 Jahren in der Nacht auf den 26. August 1958. Mit einem königlichen Begräbnis in der Westminster Abbey ehrt England einen seiner größten Künstler. In einer damaligen Würdigung hieß es: „Seine Kunst wurzelte im Heimatboden, und diese Wurzeln waren kräftig. Manchmal aber schossen aus diesen Wurzeln Keime empor, die den Heimatboden weit hinter sich ließen. Doch das war kein Ergebnis des kompositorischen Könnens, sondern ist einzig in der Seele und im Charakter des Ralph Vaughan Williams zu suchen.“ Foto: Ralph Vaughan Williams mit seiner Ehefrau auf dem Londoner Flughafen (Juni 1957): Von der Walküre aufgerüttelt

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