Endloser Textschlauch

Im Schatten der modernen Klassiker stand lange Zeit die Malerin Paula Modersohn-Becker. Die mit nur einunddreißig Jahren jung verstorbene Frühexpressionistin hinterließ ein qualitativ wie quantitativ bedeutendes Werk — immerhin 750 Gemälde, etwa 1.000 Zeichnungen und 13 Radierungen. Komplizierter jedoch als dessen Register erwies sich die künstlerische Ortsbestimmung. Hier schwankte lange das kritische Urteil. Nach schroffer Ablehnung um 1900 würdigte erstmals Gustav Pauli Beckers Schaffen 1919. Der begeisterte Bremer Sammler Ludwig Roselius, auf dessen Initiative auch das nach der Malerin benannte Museum in Bremen zurückgeht, nannte sie 1927 gar in einem Atemzug mit Michelangelo, und Albrecht Schaeffer sprach von der „Droste der Malerei“. Ganz anders freilich prominente Kunsthistoriker wie Carl Einstein (1926) — „Man verbindet den herben Kitsch nordischer Gefühlsingerei [!] zaghaft mit saftigen Gaugineffekten, um nach dem Tode zu überraschen.“ — und Richard Hamann (1925): „Paula Modersohn, (…) die Tante des Expressionismus (…)“. Die Nationalsozialisten schließlich ballerten aus der Entartungspistole und entfernten 70 ihrer Bilder aus den Museen. Heute hat sich die Akzeptanz nicht bloß reguliert. Es gibt eine intensive Rezeption: Die ästhetisch sperrige Malerin steht samt ihrem Kollegen und Lebenspartner Otto Modersohn im Fokus der Wahrnehmung. Was sich in zahlreichen Ausstellungen und Buchpublikationen der letzten dreißig Jahre niederschlug. Die in Frankreich geborene Filmemacherin Nathalie David (Jahrgang 1963) fügt dem nun eine neue Facette hinzu. Mit sparsamen Mitteln hat sie eine sensible Filmpoesie aus Texten und Bildern komponiert. Entlang der künstlerischen Biographie: Lebensstationen, Orte, Aufenthalte, collagiert sie behutsam Zeichen zu einer sehr persönlichen Würdigung. Sie widersteht dabei der üblichen Machart des historischen Dokumentargenres, das gern die Spannung von bewegtem Film und statischem Material mit inszenierter Dynamik überspielt. Vielmehr verweigert die Autorin alle suggestiv visuellen Reize und favorisiert die puristische Form. Es gibt Standfotos, keine Kamerafahrten, sie vermeidet Schnitttechnik, kombiniert die Szenen aus dem kurzen Leben der empfindsamen Künstlerin hermetisch. Dagegen steuern große Textblöcke aus Tagebüchern und Briefen die Dramaturgie. Teils erklingen sie aus dem Off. Vor allem aber werden sie in langen Einstellungen, breit und bedächtig, von der frontal ins Bild gesetzten Hildegard Schmahl vorgetragen. Was freilich eine fatale Drift gibt zur „Autorenlesung“. Paula Becker, 1876 in Dresden geboren, ab dem zwölften Lebensjahr in Bremen aufgewachsen, ging 1892 nach England, wo sie in London ersten Zeichenunterricht erhielt. Nach Ausbildung zur Lehrerin kam sie erstmals 1897 in die Künstlerkolonie Worpswede. Dort studierte sie beim Maler Fritz Mackensen, lernte ihren späteren Mann kennen, Otto Modersohn (1865—1943), doch zunächst Clara Westhoff und auch Rilke. Dessen Empfindsamkeit und Heinrich Vogelers stilkünstlerische Phantasien gehören zur emotionalen Atmosphäre und dem kulturellen Hintergrund, der sie prägte. Paula selbst fand ihre Ausdrucksform zwischen Postimpressionisten und Fauves. Dies vor allem in Paris, wo sie vier lange Aufenthalte seit 1900 verbrachte, bis zur Geburt der Tochter und ihrem frühen Tod 1907. Zur wichtigsten Pariser Inspiration wurde Cézanne. Hier entwickelte sich ihre Malerei, die inhaltlich begrenzt blieb auf Porträt, Landschaft und Stilleben. Eine nicht spannungsfreie Partnerschaft und Ehe führte sie seit 1901 mit Otto Modersohn. Widersprüche verunklaren indes ihren Standort, menschlich und ästhetisch: Ihr persönlicher Autonomie-Impuls steht in Spannung zum Thema Mutterschaft, das ihr Werk leitmotivisch durchzieht, der Empfindungsduktus schriftlicher Äußerung kontrastiert mit dem objektiven Formcharakter ihrer kompromißlosen Malerei. So versperren die Tagebücher und Briefe eher den Zugang zum Werk. Was den Gewinn zweifelhaft macht, den Nathalie David aus der exzessiven Nutzung dieser Quellen zieht. Sie sollen den Streifen erzählerisch strukturieren wie die (fehlende) kunsthistorische Analyse ersetzen. Doch Davids Unterstellung, daß Kunst sich selbst auslege, geht nicht auf, überantwortet sie nur der Begrifflosigkeit. So zerfällt der Eindruck in eine gepflegte Bildfolge aus Nahoptik mit Details und dem endlosen Textschlauch subjektiver Gefühlsbekundung. Es entsteht, trotz der von stillen Bildern erstrebten Filmmeditation, kein Bewußtsein vom Werk Paula Modersohns, dessen innerem Bau und Sinn. Foto: Maske im Berliner Pergamonmuseum, Inspirationsquelle Paula Modersohn-Beckers

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