EM 2008

Oliver Kahn, der nach der Weltmeisterschaft 2006 bereits der Nationalmannschaft Lebewohl gesagt hat, beendet in wenigen Tagen auch seine Karriere als Vereinsspieler. Damit tritt der letzte noch Aktive aus dem Kader der glorreichen 23 in den Ruhestand, denen am 30. Juni 1996 nach dem Endspielsieg über Tschechien im Londoner Wembley-Stadion der EM-Pokal überreicht worden war. Zu diesem Triumph hatte Oliver Kahn allerdings außer seiner Präsenz auf der Bank keinen Beitrag leisten können. Mit dem Torwart-Titan im Dreß der Nationalmannschaft verbindet sich daher weniger die gutmütige Papierlage, zu den Europameistern von 1996 zu zählen, als vielmehr jener fatale Fauxpas im WM-Finale von 2002, den Ronaldo dazu nutzte, Brasilien auf die Siegerstraße zu schießen. Kahns geistesabwesende Wehmut nach dem Abpfiff ließ vermuten, daß ihm vor Augen stand, eine nie mehr wiederkehrende Chance verspielt zu haben. So sollte es in der Tat sein. Bei der EM 2004 ging die DFB-Auswahl schon in der Vorrunde sang- und klanglos unter, und bei der WM 2006 war er nur noch zweite Wahl, und es reichte per se nur zum Ehrentitel eines „Weltmeisters der Herzen“. Mehr als zehn Jahre ohne Titelgewinn sind in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft seit den Zeiten von Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Günter Netzer und Gerd Müller ein Negativrekord, und da ist es für ihre eingefleischte Fangemeinde auch nur ein schwacher Trost, daß seit 1996 nur drei europäische Teams, die Franzosen, die Italiener und die Griechen, einen Titelgewinn für sich verbuchen durften, die Equipe Bleue bedauerlicherweise sogar zweimal. Insbesondere, was Europameisterschaften betrifft nährt der Blick in die Fußballgeschichte hohe Ansprüche. Deutschland ist mit drei Titelgewinnen die erfolgreichste Nation in diesem Turnier und führt die „ewige Tabelle“ an, die alle Spiele seit der ersten EM im Jahr 1960 zusammenrechnet. Wer etwas weniger romantisch veranlagt ist und sich darauf beschränkt, allein die beiden letzten Europameisterschaften als Vergleichsmaßstab zu bemühen, kommt allerdings zu dem Ergebnis, daß schon ein Vorrücken ins Viertelfinale als Erfolg zu werten wäre. Sowohl 2000 als auch 2004 lagen die Schwächen des deutschen Kaders offen zutage. Diese Sorge vergällt die Vorfreude der Deutschen auf das Turnier in diesem Jahr wenigstens nicht.

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