Die Wut und die Häme

Die wesentlichen Elemente unserer Poesie werden sein der Mut, die Kühnheit und die Revolte. Wir erklären, daß der Glanz der Welt sich bereichert hat durch eine neue Schönheit: die Schönheit der Geschwindigkeit. – Ein Rennwagen ist schöner als die Nike von Samothrake. – Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! Warum hinter uns schauen? Die Zeit und der Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, da wir bereits die ewige allgegenwärtige Geschwindigkeit geschaffen haben. Wir wollen Italien befreien von den zahllosen Museen, die es bedecken wie zahllose Friedhöfe. Wir wollen um jeden Preis ins Leben zurückkehren …“ Diese Worte entstammen dem ersten „Futuristischen Manifest“. Sein Verfasser war der italienische Schriftsteller und Millionär, nachmalige Kriegsheld, Revolutionär, Faschist und Minister Filippo Tommaso Marinetti. Er erregte Aufsehen mit diesen wie mit den übrigen skandalösen Sätze des Textes, und genau das lag in seiner Absicht. Der Futurismus hatte wie alle avantgardistischen Bewegungen viel von Inszenierung und Happening, aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß es ihm um sehr viel mehr ging, im Kern um Weltveränderung. Eine Veränderung hin zur Moderne, zur Zukunft eben, die die Dynamik, die Bewegung, die Kraft und Gewalttätigkeit der Technik, der Stadt, des Asphalts, der Massen feierte, ein vitalistischer Geist, der sich auf das Werk Henri Bergsons, aber mehr noch auf das Friedrich Nietzsches berief und seinen Ausdruck vor allem in den Bildern der futuristischen Maler fand mit ihren strahlenden Farben und durcheinanderwirbelnden Elementen, etwa Luigi Russolos „Die Revolte“ (1910) oder Carlo Caràs „Das Begräbnis des Anarchisten Galli“ (1910/1911) oder das kleinere, dafür um so bekanntere Gemälde Umberto Boccionis „Die Straße dringt in das Haus ein“ (1912). Fast vergessen ist, daß das Programm des Italieners Marinetti zuerst in französischer Sprache veröffentlicht wurde und am 20. Februar 1909 auf der Titelseite des Figaro erschien. Drei Jahre später fand in der Pariser Galerie Bernheim-Jeune die erste repräsentative Ausstellung der Futuristen mit Werken von Boccioni, Carrà, Russolo und Gino Severini statt. Der Erfolg hat der Bewegung den Weg geebnet, die immer mehr sein wollte als ein lockerer Bund von Einzelgängern, die der Impresario Marinetti zusammenhielt. Auch wenn der Schritt zur Bildung einer Futuristischen Partei erst nach dem Krieg vollzogen wurde und ganz erfolglos blieb, lag in dieser Entwicklung eine gewisse Logik. Das gilt auch für die Wut und die Häme, mit der die Futuristen gegen die klassische Malerei wie gegen den Impressionismus vorgingen, nicht zu reden von der Unversöhnlichkeit, mit der man der Konkurrenz-Avantgarde – dem Kubismus – die Bindung an die Form, das Düstere der Palette, sein Ocker und sein Grau, vorwarf. All diese Zusammenhänge werden jetzt wieder greifbar in der Ausstellung „Le Futurisme à Paris – une avant-garde explosive“, den das Centre Pompidou der französischen Hauptstadt zeigt. Das besonders Bestechende an dieser Ausstellung ist neben der großzügigen Präsentation und klugen Organisation der Reichtum des Gezeigten. Man wird nicht nur mit Hauptwerken des frühen Futurismus bekanntgemacht, sondern erhält auch einen Eindruck von der Arbeit der eher unbekannten französischen Anhänger dieser Richtung, Félix del Marle etwa, wird auf die Annäherung zwischen Futurismus und Kubismus aufmerksam, die sich nach der Ausstellung von 1912 anbahnte, und dann auf die Beziehungen zu verwandten Bewegungen. Erhellend ist jedenfalls, daß das „Futuristische Manifest“ schon einen Monat nach Erscheinen in russischer Übersetzung veröffentlicht wurde und in Rußland, dessen gebildete Eliten traditionell enge Beziehungen zu Frankreich pflegten, eine „kubo-futuristische“ Schule entstand. Wesentlich eindrucksvoller noch, weil im künstlerischen Ausdruck selbständiger, sind die Werke der britischen „Vortizisten“, die vor Beginn des Ersten Weltkriegs um Wyndham Lewis zusammenkamen und sich nach der Begegnung mit Marinettis Ideen als eine Art „nordische“ Variante des Futurismus betrachteten. Die Entwicklung des Vortizismus macht auch deutlich, daß der Futurismus nicht einfach als eine Art nachlaufende und deshalb um so radikalere Modernisierungstendenz verstanden werden kann, die ihren Nährboden im rückständigen Italien fand. Vielmehr handelte es sich um einen Versuch, nach dem „Verlust der Mitte“ (Hans Sedlmayr) die Autonomie – und Amoralität – des Künstlerischen zu verfechten und einen zeitadäquaten Ausdruck des schöpferischen Geistes anzustreben. Daß die Futuristen an diesem Ziel scheiterten, ist so unbezweifelbar wie das Eindrucksvolle ihrer Werke. Die Ausstellung ist bis zum 26. Januar 2009 in der Galerie I des Centre Georges Pompidou zu sehen. Der Katalog (kartoniert, 360 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen, 48 Euro) liegt leider nur in französischer Sprache vor. Fotos: Carlo Carrà, Funeral of the anarchist Galli (Das Begräbnis des Anarchisten Galli), Öl auf Leinwand, 1910/11: Weltveränderung; Futuristisches Manifest

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles