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Der Mensch als Vierbeiner

Der als Kinderbuchautor und literarischer Spaßvogel häufig mißverstandene Wilhelm Busch zählte nicht nur zu Lebzeiten zu den populärsten Autoren, sondern sein Ruhm und seine Beliebtheit haben mühelos und ohne Einbuße die hundert Jahre seit seinem Tode am 9. Januar 1908 überdauert – einschließlich der Mißverständnisse.

Wilhelm Busch, der scharfzüngige Spötter und Kritikus mit spitzer Feder, ist nicht in der Geisteswelt liberaler Aufklärung großgeworden. Sein Elternhaus wurde von der Strenge eines ländlichen Protestantismus geprägt: "Gesangbuchverse, biblische Geschichten und eine Auswahl der Märchen von Andersen" waren seine früheste Lektüre, und "es ist immerhin merkwürdig …, daß Wilhelm Busch, dem soviel Kirchenfeindlichkeit nachgesagt wird, den weitaus größten Teil seines Lebens in evangelischen Pfarrhäusern verbracht hat", worauf Hans Balzer hinweist. Und Wolfgang Gresky ergänzt in seiner Untersuchung "Wilhelm Buschs Pfarrhäuser", daß er immerhin in den Jahren von 1841 bis zu seinem Tode 1908 etwa vierzig Jahre in fünf Pfarrhäusern gelebt und darüber hinaus mehr als vierzig Besuche in den Pfarrhäusern seiner Verwandten gemacht hat. Gleich in drei Generationen waren Pfarrer mit ihm verbunden: Der Neunjährige wurde zu dem Bruder seiner Mutter, Georg Kleine, nach Ebergötzen ins Familienpensionat gegeben. Dieser blieb ihm bis zu seinem Tode 1897 ein wichtiger Berater, dem Wilhelm Busch lebenslang dankbare Anhänglichkeit bewahrte.

Als nächster ist sein Schwager Hermann Nöldeke, verheiratet mit seiner Schwester Fanny, zu nennen; nach dessen Tode im Jahre 1878 zog er zu ihr in das Pfarrwitwenhaus in Wiedensahl und nahm sich der Erziehung ihrer drei Söhne an, von denen zwei, Hermann und Otto, die ersten Herausgeber seines Werkes, wieder Pfarrer wurden. Zu dem jüngeren der beiden, Otto, zog er nach dessen Umzug aus Hunteburg am Dümmer, wo er auch gelegentlich segelte, nach Mechtshausen am Harz im Jahre 1898, wo er die letzten zehn Jahre seines Lebens in beschaulichem Frieden verbrachte.

Tiere sind mitunter die besseren Menschen

Doch zurück zur Kindheit: Luther, Melanchthon und Zwingli, die drei großen Reformatoren, wurden auf den ersten Porträts dargestellt, die der kleine Wilhelm nach dem Abschied vom Elternhaus zeichnete und die der Onkel Georg Kleine im Ebergötzener Pfarrhaus aufhängte – das Talent seines Neffen früh und pädagogisch erfolgreich würdigend. Zugleich aber verstärkte dieser im übrigen treffliche Pädagoge, der als Bienenkundler einen internationalen Ruf genoß, die Gewissenhaftigkeit des Jungen. Für ihn sind nicht nur Glaube und Gewissen untrennbar verbunden, sondern auch Glaube und Gewißheit. So schreibt er auf den Innentitel der Augustin-Ausgabe, die ihn lebenslang begleitete: "Nur, was wir glauben, wissen wir gewiß."

Bei diesem Wahl- und Widerspruch sollte es für lange Zeit bleiben. Dem Schüler fiel Kants "Kritik der reinen Vernunft" in die Hände, "die, wenn auch noch nicht ganz verstanden, doch eine Neigung erweckte, in den Laubengängen des intimeren Gehirns zu lustwandeln, wo’s bekanntlich schön schattig ist". Oder wie er sich später etwas anders zu diesen seinen ersten philosophischen Studien äußert: "Die, wenn auch damals nur spärlich durchschaut, doch eine Neigung erweckte, in der Gehirnkammer Mäuse zu fangen, wo es nur gar zu viele Schlupflöcher gibt."

Das Studium Kants wirkte um so nachhaltiger, weil es so früh erfolgte. Vielleicht lag es auch weniger an der Wirkung Kants als an der Entsprechung, die Wilhelm Busch in sich fand: eine Neigung zum Skeptizismus und zum Hinter-die-Dinge-Sehen. Diese Neigung begleitete ihn lebenslang, und sicher ist auch der Titel seines ersten Büchleins ohne Bilder, der "Kritik des Herzens" von 1874 also, eine Anspielung auf die drei großen Kritiken seines ersten philosophischen Lehrmeisters. Von ihm wird er gelernt haben oder an ihm seinen Blick dafür geschärft haben, daß unser Auge nicht die Dinge an sich, sondern nur die Erscheinungen sieht; daß unser Denken vorgegebenen Kategorien folgt, daß der naive Realismus der Alltagserfahrung allzu vordergründig ist und hinterfragt oder hinterdacht werden muß.

Sehr früh also ging ihm der unbefangene Wirklichkeitsglaube verloren. An die Stelle trat der ironisch gebrochene Blick des Beobachters, der jeden Augenblick darauf wartet, daß die Erscheinungen sich enthüllen, und der bereit ist, zu entlarven. Während sich später diese Entlarvung stärker auf psychologische Tatbestände erstreckte, interessiert ihn am Anfang mehr die naturwissenschaftliche Seite der Welt. Sicher ist, daß er Charles Darwin und dessen 1859 erschienenes Werk "Über die Entstehung der Arten" gelesen und sich als selbstverständlichen und wichtigen geistigen Besitz angeeignet hat. Wieder ein Beweis dafür, daß man dem Schein nicht trauen darf, wieder eine Desillusionierung des menschlichen Ideals von sich selbst. Die Herkunft des Menschen aus dem Tierreich leuchtete Busch ein und bestätigte seine Skepsis gegenüber der guten Meinung, die der Mensch im allgemeinen und die meisten im besonderen von sich haben. Sein zeichnerisches Auge sah die Parallelen allzu deutlich, und er hat sie oft gezeichnet. Nicht selten haben seine Menschen tierähnliche Züge. Noch häufiger allerdings sind seine Tiergestalten anthropomorph, menschenähnlich, und sollen auch verschlüsselt und bildhaft Unarten des Menschen spiegeln, wobei das Tier mitunter menschlicher ist als der Mensch selbst, Fipps der Affe hilfsbereiter als Max oder Moritz.

Das Bild vom Menschen, das Wilhelm Busch hatte, war keineswegs rosig und heiter, wie viele das von einem Humoristen erwarten. Es war durch und durch pessimistisch. Geradezu zwangsläufig erfolgte die Begegnung mit Arthur Schopenhauer. Erste Spuren einer wohl zunächst flüchtigen Lektüre sind für das Jahr 1853 nachweisbar, in dem er zwischen der Antwerpener und der Münchener Zeit wahrscheinlich bei seinem Onkel Georg Kleine auf ihn gestoßen ist. Ganz gefangengenommen wurde er von ihm erst nach dem Jahre 1876, in dem sein Bruder Otto Busch Hauslehrer der Familie Keßler in Frankfurt wurde und sich ganz der Philosophie Schopenhauers widmete, über den er auch eine Abhandlung – einen "Beitrag zur Dogmatik der Religionslosen", wie er sie im Untertitel nannte – schrieb. Der Mensch ist ein Teil jenes allumfassenden Lebensprinzips, das Schopenhauer Wille und das man heute vielleicht Wachstumsdrang nennen könnte. Es ist der Drang zur Selbstbehauptung, Selbsterhaltung und im weiteren Sinne zur Arterhaltung. Er verursacht Konflikte und Leiden. Der Sieg des einen ist die Vernichtung des anderen. Diesem Willen folgt alles, was lebt, und nur der Asket und der Heilige, die sich ihm entwinden, nur Mitleid und Menschenliebe vermögen seine Wirkung aufzuheben oder einzuschränken. Es gibt nichts Gutes, sondern – und dies wohl die erste philosophische Aussage, die Wilhelm Busch, vierzigjährig, tat: Das Gute – dieser Satz steht fest – Ist stets das Böse, was man läßt!

Busch gehört in die Reihe der großen Entlarver

Wilhelm Busch zeigt den Menschen in seiner auf allen Vieren kriechenden Anstößigkeit ja nicht, weil er ihn verachtet, sondern weil er ihn liebt, ihn gerade in seiner knorrigen Kreatürlichkeit liebt. Da, wo die humanistische Idealisierung ihm das Konto der Menschlichkeit anspruchsvoll zu überziehen scheint, da zeigt er den Menschen in seiner Allzumenschlichkeit.

So gehört er in die Reihe der großen Entlarver seines Jahrhunderts: Er baut zwar kein wissenschaftliches oder ideologisches System wie Marx, Darwin oder Freud, er zerreibt sich nicht existentiell an der Dekadenz und Krise der Zeit wie Kierkegaard und Nietzsche. Er überwindet den galligen Pessimismus für seinen Teil und hat Freude am Menschen trotz – vielleicht auch manchmal wegen? – seiner Verbogenheit, seiner Entfremdung. Humor ist der Tragik verwandter als dem Optimismus. Humor ist "wesentlich Distanzierungsfähigkeit". Nach Bertolt Brecht ist Humor "die Fähigkeit, sich zu distanzieren, vor allem von sich selbst zu distanzieren".

Die menschliche und geistige Größe von Wilhelm Busch ist lange unterschätzt worden. Wer sie würdigen will, muß sie in Beziehung setzen zu vergleichbaren Größen. Wer könnte der Aussage widersprechen, daß er neben Martin Luther der größte deutsche Sprach- und Sprichwortschöpfer, neben Shakespeare der bedeutendste Menschenkenner, neben Goethe der volkstümlichste und bekannteste Dichter seines Jahrhunderts, neben Nietzsche der größte Aphoristiker und Entlarver falscher Moral, der liebenswerteste Briefschreiber neben Fontane, vor allen anderen und völlig außer Konkurrenz aber der größte Humorist war, den die Weltliteratur bis heute hervorgebracht hat. Es ist unverständlich, weshalb die Literaturgeschichte ihm, der diesen Ruhm allerdings verschmähte, den ihm gebührenden Rang verweigert hat. Es wird Zeit, dieses Versäumnis zu korrigieren.

Literaturhinweis: Wilhelm Busch. Die Bildergeschichten. Historisch-kritische Gesamtausgabe, zweite, überarbeitete Auflage, Schlütersche Verlagsgesellschaft, Hannover 2007, 3 Bände im Schuber, Leinen mit Schutzumschlag, 2.812 Seiten, 5.000 Abbildungen, 48 Farbseiten, 249 Euro

Bild: Motive aus "Max und Moritz", 4. Auflage 1869: Humor ist der Tragik verwandter als dem Optimismus

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