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Das Tier im Menschen

Der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt zählt zu jenen Denkern, die jeden Tag mehr recht haben, während ihre Feinde jeden Tag mehr unrecht haben. Allerdings bedeutet das keinen Zuwachs an Anerkennung, eher im Gegenteil. Seit geraumer Zeit ist zu beobachten, daß jeder Feuilletonist glaubt, er könne sein Mütchen an ihm kühlen.

Als vor zehn Jahren seines siebzigsten Geburtstags zu gedenken war, druckte die FAZ eine „Würdigung“, die unter der Überschrift „Erkenntnisse aus Hautkontakt“ (Christian Geyer) stand und nichts als eine Mischung aus Spott und politisch motivierter Unterstellung war, und im vergangenen Dezember brachte der Spiegel einen Artikel, der sich angeblich mit der jüngsten Veröffentlichung von Eibl-Eibesfeldt beschäftigte, tatsächlich aber nichts anderes bot als süffisante Kommentare und Hohn sogar noch über die Trauer, mit der jemand das Verschwinden der letzten Stammeskulturen beobachtet. Auf solchem Niveau ist einem Wissenschaftler vom Rang Eibl-Eibesfeldts selbstverständlich nicht gerecht zu werden.

Eibl-Eibesfeldt wurde am 15. Juni 1928 in Döbling, einem Vorort Wiens, geboren, wuchs in Österreich auf und begann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Studium der Zoologie und Botanik an der Universität Wien. 1950 zum Dr. phil. promoviert, ging er an das  – private – Institut für Verhaltensforschung von Konrad Lorenz, des Altmeisters der Ethologie.

Humantheologie ist „Biologie des menschlichen Verhaltens“

Mit seinem Lehrer wechselte er kurz darauf an die Max-Planck-Forschungsstelle für Vergleichende Verhaltensforschung nach Buldern in Westfalen, dann an das neu gegründete Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie im bayerischen Seewiesen. Seit 1963 lehrte Eibl-Eibesfeldt an der Universität München, 1969 erhielt er dort auch eine Professur. Ein Jahr später übernahm er in Seewiesen die Arbeitsgruppe für Humanethologie, ab 1975 eine selbständige Forschungsstelle.

Humanethologie ist nach Eibl-Eibesfeldts bündiger Definition im Titel seines Hauptwerks „Die Biologie des menschlichen Verhaltens“ (zuerst München 1984, zahlreiche Neuauflagen), sie übernehme zwar die Methoden der Verhaltensforschung, die sich mit Tieren befaßt, achte aber die „Sonderstellung“ des Menschen und untersuche „sowohl das stammesgeschichtlich evoluierte Verhalten als auch die individuelle und kulturelle Modifikabilität des Menschen“. Ziel der Disziplin ist deshalb vor allem die Klärung, welches Verhalten des Menschen durch die Natur, welches durch die Kultur bedingt ist.

Zu den bevorzugten Methoden von Eibl-Eibesfeldt gehörte die Beobachtung primitiver Völker in Übersee, die noch möglichst wenig Kontakt mit den Weißen hatten und insofern nicht von der europäischen Zivilisation beeinflußt waren.

<---newpage---> Gefühle sehen bei allen  Menschen ähnlich aus

Seine Reisen in die Karibik, später nach Afrika, Südamerika und Ostasien, die er seit den fünfziger Jahren unternahm, dienten entsprechenden Untersuchungen, wobei ihm schon die neuen Möglichkeiten der Filmaufnahme zugute kamen, die eine sehr viel genauere Registrierung der Verhaltensweisen ermöglichte als die traditionelle Feldforschung. Im Ergebnis führte diese Arbeit zur Entdeckung einer unerwartet großen Zahl von Universalien:

Vor allem in bezug auf die Ausdrucksformen elementarer Gefühle wie Wut, Trauer oder Angst, aber auch bei Erstaunen, Verlegenheit oder Freude zeigen alle Menschen ähnliche Reaktionen, die sich vor allem in Mimik und Gestik äußern, jedenfalls nicht an den sprachlichen Ausdruck gebunden sind.

Eibl-Eibesfeldt betrachtet diese Verhaltensweisen deshalb als „natürlich“, was seiner Meinung nach auch der Vergleich mit dem Verhalten von Tieren – nahen Verwandten des Menschen, den Primaten etwa oder in bezug auf die soziale Organisation ähnlichen, Wölfen zum Beispiel – nahelegt („Grundriß der vergleichenden Verhaltensforschung“, zuerst München 1967, zahllose Neuauflagen).

Angeborene Menschlichkeit nicht zu geringschätzen

Er ist allerdings nicht so naiv, eine statische Verfassung des Menschen zu postulieren oder zu wünschen, die Bildung von „Großgesellschaften“, wie sie in den Hochkulturen entstanden, erscheint ihm durchaus als „evolutiver Fortschritt“, obwohl sie mit den ursprünglichen Kleingruppen wenig gemein haben, in denen unsere Vorfahren lebten.

Allerdings warnt Eibl-Eibesfeldt davor, Homo sapiens durch dauernde „Neuanpassung“ zu überfordern und alles zu denunzieren, was von Anfang an den – emotionalen – Zusammenhalt gewährleistete. Anders als viele Gesellschaftswissenschaftler und Politiker meinten, gehe es nicht darum, „pauschal alle Werte uns angeborener Menschlichkeit heute geringzuschätzen. Der Kontrolle unserer Gefühle, nicht ihrer Ausschaltung, verdanken wir den Aufstieg unserer Kultur.“

Seiner Kritik an einer Soziologie oder Sozialphilosophie, die den Menschen und seine Organisationsformen von jeder natürlichen Grundlage abkoppeln will, steht auf der anderen Seite eine Kritik an der „Soziobiologie“ gegenüber, wie sie sich vor allem im angelsächsischen Raum etablieren konnte.

<---newpage---> Anfang der Achtziger trafen seine Thesen auf Konsens

Eibl-Eibesfeldt zweifelt nicht nur an gewissen Forschungsergebnissen, die diese Schule ihren Theorien zugrunde legt (etwa die Regelmäßigkeit männlicher Kindstötungen zur Verbesserung eigener Reproduktionschancen), sondern bestreitet überhaupt die Wahrscheinlichkeit eines Naturgesetzes, das den Egoismus zweckvoller erscheinen ließe als den Altruismus, die hemmungslose Durchsetzung aussichtsreicher als die Rücksichtnahme auf das Gruppeninteresse.

Die biologische Evolution, so Eibl-Eibesfeldt, schreite eben nicht einfach im Sinne eines Kampfes aller gegen alle voran: „Gerade der Mensch dehnt sein Familienethos auf die Gruppe aus, und seine emotionale und verhaltensmäßige Ausstattung gestattet es ihm, sich mit anderen zu geschlossenen Gruppen zu vereinen, die als Einheiten handeln und damit auch als Einheiten in der Selektion auftreten.

Die Indoktrinierbarkeit, das Kriegsethos und das Ethos des Teilens führen beim Menschen dazu, daß der einzelne Eigeninteressen oft hinter jene der Gruppe zurückstellt. Beim Menschen zumindest können wir verschiedene Ebenen der Selektion nachweisen: Individual-, Verwandtschafts- und Gruppenselektion.“

Grenzen der Humanität nicht überdehnen

Als Eibl-Eibesfeldt diese Sätze zu Beginn der achtziger Jahre formulierte, durfte er noch annehmen, daß sie auf einen breiten Konsens, mindestens aber auf sachliches Interesse treffen würden. Viele seiner Bücher – „Liebe und Haß“ (zuerst München 1970) sowie „Krieg und Frieden aus der Sicht der Verhaltensforschung“ (zuerst München 1975) und „Menschenforschung auf neuen Wegen“ (zuerst Wien 1976) – erreichten hohe Auflagen, die Stellungnahmen des prominenten Verhaltensforschers zu gesellschaftlichen Problemen waren gefragt.

Das änderte sich mit der massiveren Durchsetzung des linken Deutungsmonopols und führte in dem Maße zur Verdrängung, in dem der Zusammenhang zwischen menschlicher Existenz und natürlichen Bedingungen zum Problem wurde, ohne daß „progressive“ Lösungen noch ernsthaft denkbar waren.

Die Ignoranz der Gegenseite deutete sich bereits an im Zusammenhang mit der Ökologiedebatte („Der Mensch – das riskierte Wesen“, München 1988), nahm aber an Schärfe zu bei der Diskussion um Masseneinwanderung und Bevölkerungsentwicklung. Eibl-Eibesfeldt hat sehr früh davor gewarnt, die Grenzen jener Humanität zu überdehnen, die im Abendland zwar traditionell die Schonung und Achtung des Fremden verbürgte, aber doch eine – natürliche – „Fremdenangst“ als Korrektiv besaß.

<---newpage---> Mißgunst und Ignoranz ließen ihn nicht verbittern

Wenn man solche Atavismen durch Erziehung oder Propaganda überforme, werde das entweder zu einer Ablenkung und Radikalisierung der Feindbestimmung oder zur Auslöschung der eigenen Gruppe führen: „Ein Interesse der Natur an uns oder irgendeiner anderen Kultur läßt sich nicht erkennen. Sie läßt Arten, Sonnen und Planeten sterben. Daß sich Leben bisher erhielt, verdanken wir der Tatsache, daß Organismen und Kultur auch ihr Eigeninteresse vertreten.“

Gerade weil die Argumente Eibl-Eibesfeldts im Hinblick auf die Dysfunktion multikultureller, multirassischer Gesellschaften so zutreffend waren, findet man kaum einen Verweis auf sie, nur ahnungslose Invektiven („chauvinistische Positionen“) oder den sattsam bekannten Vorwurf des „naturalistischen Fehlschlusses“.

Sicher kann man Einwände gegen Eibl-Eibesfeldts erkenntnistheoretischen Optimismus erheben, aber die Breite seiner Forschungen und die Evidenz seiner Schlußfolgerungen sind so nicht aus der Welt zu schaffen. Es scheint vielmehr, als ob der Generalverdacht gegen seine Thesen in Stellung gebracht wurde, nicht trotz, sondern wegen der Erklärungsmöglichkeiten, die sie bieten.

Um so erfreulicher, daß weder Mißgunst noch Ahnungslosigkeit zur Verbitterung führten. In seiner Schaffenskraft ungebrochen, hat Eibl-Eibesfeldt auch nach seiner Emeritierung die Arbeit fortgesetzt und zahlreiche weitere Bücher veröffentlicht, zuletzt – mit der Kunstwissenschaftlerin Christa Sütterlin – den wunderbaren Band „Weltsprache Kunst“ (Wien 2007), der sich den universalen Gesetzen des Ästhetischen widmet – und deren natürlicher Grundlage.

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